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SIM-Karten-Chip inside: Die funkende Matratze

Elite-Matratze: ­Altmodisch und stark gefragt. (Bild: zvg)

Das Waadtländer Unternehmen Elite vermietet eine besondere Art von Betteinlagen an Hotels: Die Herbergen zahlen nur, wenn ein Gast im Bett übernachtet.

Von Sabina Sturzeneger
am 13.11.2013

Mit einer langen Nadel sticht der Mann durch die weisse, 30 Zentimeter dicke Matratze. Er bohrt darin herum, bis er auf der anderen Seite exakt die Stelle gefunden hat, wo er einen sogenannten Abhefter – einen Fadenknäuel – platzieren will. Dann zieht er die Fäden so stark an, dass die Abhefter auf beiden Seiten der Matratze kleine Vertiefungen bilden. Dies verleiht ihr nicht nur die ­nö­tige Stabilität, sondern auch ein etwas altmodisches Aussehen.

Auch das Innenleben der Matratzen, welche die Bettenmanufaktur Elite im waadtländischen Aubonne seit bald 120 Jahren herstellt, erinnert an vergangene Zeiten. In den Schlafunterlagen sind zum Teil über 2000 Taschenfedern enthalten. Das sind einzelne, in dünnes Vlies verpackte Metallspiralen. Die äusseren Lagen der Matratzen sind aus Wolle, Seide, Rosshaar und Schaumstoff.

Federkernmatratzen galten lange Jahre als veraltet. Schaumstoffe wie Latex oder Tempur, die sich dem Körper beim Schlafen anpassen, hatten das stachlige Metall in den letzten Dekaden verdrängt. Doch davon liess sich Elite-Inhaber François Pugliese nicht beeindrucken.

Er übernahm 2006 die Leitung des ­Familienunternehmens und hauchte zusammen mit seinen Handwerkermeistern den Federkernmatratzen wie auch anderem altmodischen Bettzeug wie den Boxsprings neues Leben ein. Boxsprings sind Bettkästen und Einlegerahmen, die mit Federn statt mit einem Lättlirost aus­gestattet sind. «Matratzen mit Federkern ­erleben gerade eine Renaissance», sagt Pugliese. Boxsprings seien im Hotelbereich schon immer beliebt gewesen, also bei den wichtigsten Abnehmern von Elite. Von den 5000 Betten und Matratzen, die das Unternehmen pro Jahr verkauft, gehen rund 1000 an Hotels. Umsatzzahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt.

Innovation im Traditionshaus

Doch die Bettenmanufaktur am Genfersee mit ihren 56 Mitarbeitern hält nur in der Produktion an Traditionen fest. In den Produktionshallen werden sämtliche Matratzen und Massivholz-Bettgestelle von Hand hergestellt. Im Marketing und im Verkauf hingegen ist Elite so innovativ wie kein anderer Hersteller – weltweit nota­bene. Pugliese, der seine beruflichen Wurzeln in der Autoindustrie hat, wo Leasing gang und gäbe ist, führte bei Elite Mitte 2012 ein einzigartiges Leasing-Modell für Hotelbetten ein. Der Gastgeber muss für seine Betten nichts investieren. Er zahlt nur dann, wenn er auch tatsächlich einen Gast in seinem Bett beherbergt. Ab 50 Rappen pro Nacht und bei genutztem Bett ist man dabei.

Für die Hoteliers sei das Elite-Leasing nicht billiger, gibt Pugliese zu. Das Modell habe aber den Vorteil, dass keine monat­lichen Fixkosten entstünden. «Insbesondere Hotels, welche starken saisonalen Schwankungen unterworfen sind, können von Smart Lease profitieren», sagt der 48-Jährige. Mit unterschiedlichen Saisonauslastungen kämpfen die meisten Schweizer Alpenhotels – im Winter ist die Hölle los, im Sommer geht wenig. ­Etwas besser als bei den Ferienhotels ist die Lage für Stadthotels. Dank Kongressen und ­Geschäftsreisenden sind deren ­Betten ­regelmässiger belegt (siehe Kasten).

Wenn die Matratze funkt

Die Informationen über die Nutzung der Betten werden über einen SIM-Karten-Chip in der Matratze an Elite geleitet. Dort wird vollautomatisch abgerechnet und analysiert. Denn die Betreuung des Hotel-Bettenparks liegt bei Elite. Aufgrund der übermittelten Daten veranlasst das KMU unter anderem die Auswechslung von Matratzen, wenn dies nötig ist. «Die besten Hotelzimmer haben meistens die schlechtesten Matratzen. Dies, weil diese Zimmer am häufigsten vermietet werden. Wir dagegen liefern als Partner eine Qualitätsgarantie», sagt Pugliese. Für sein Unternehmen lohnt sich das Angebot nicht zuletzt auch deshalb, weil sich gut ausgeschlafene Gäste in der Regel noch im Hotel nach dem Matratzenhersteller erkundigen und sich diese notfalls auch um die halbe Welt liefern lassen. Umgekehrt gilt gemäss ­Pugliese: «Das Bett ist auch für ­Hotels wichtiger geworden.» Wer in einem Hotel gut geschlafen habe, komme wieder.

Pilot-Hotel für das Smart Lease von Elite war das Lausanner Luxushaus Beau-­Rivage Palace. Seither haben sich weitere Betriebe für Puglieses Idee begeistern lassen. Inzwischen stehen bei rund einem Dutzend Hotels im In- und Ausland geleaste Elite-Betten in den Zimmern. Eines davon ist das neue Flughafenhotel Park Inn in Rümlang. Und für das bekannte «Ritz» in Paris soll das Waadtländer Unternehmen demnächst 140 Zimmer mit Komfort-Schlafstätten ­liefern. Auch in den Bergdestinationen St. Moritz und Klosters, im Wallis und im Tirol gebe es inzwischen Hotels, die Smart Lease nutzten, sagt Pugliese.

Für diese Häuser könnte sich auch der nächste Streich aus der Bettenfabrik vom Lac Léman lohnen – das Leasing ganzer Hotelzimmer. Bereits gibt es ein internes Projektbüro mit Innenarchitekten und Designern. Das erste geleaste Hotelzimmer soll Anfang 2014 bezugsbereit sein. «Smart Lease», ist Pugliese überzeugt, ­«ermöglicht es vielen Schweizer Hoteliers, die grösseren notwendigen Investitionen endlich anzugehen.»

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