Ab Herbst möchten Sie die Preise auf breiter Front erhöhen. Wie laufen die Verhandlungen mit den Kunden?

Yves Serra: Bei GF Piping Systems und bei GF Agie Charmilles haben wir die Preise bereits erhöht. Eingeschränkt werden wir natürlich durch unsere Wettbewerber ? bei Agie Charmilles etwa sind dies vorwiegend japanische Hersteller, welche die Preise nicht erhöhen. Bei Piping Systems konnten wir die neuen Preise zu fast 100% durchsetzen, erste positive Auswirkungen auf unsere Rendite zeigen sich bereits.

Die Automotivesparte litt besonders unter den stark gestiegenen Rohmaterialpreisen, vor allem beim Schrott. Auch hier müssen Sie die Preise erhöhen, wollen Sie Ihre Margen wieder steigern.

Serra: Wir können die Preise zeitverzögert erhöhen durch unsere Rohmaterialteuerungszuschläge, die vertraglich festgelegt sind, allerdings erst per 1. Oktober.

Akzeptieren Ihre Kunden diese Klausel?

Serra: Es besteht eine relative hohe Interdependenz zwischen uns und den Kunden. Es braucht zwei bis drei Jahre, bis ein Wettbewerber die entsprechenden Produkte liefern könnte. Insofern haben unsere Kunden ebenfalls ein Interesse daran, dass wir die Zusammenarbeit fortsetzen.

Ihre Kunden kämpfen ebenfalls mit ihren Margen. Wo holen die sich ihre Rendite wieder?

Serra: Unsere Möglichkeiten, die steigenden Ausgaben zu überwälzen, sind nicht endlos. Es gibt Kosten, die wir nicht immer weitergeben können, etwa steigende Energiepreise, höhere Löhne oder teurere Rohwarenpreise bei Steinkohlen-koks, Nickel und Molybdän, die nicht vertraglich festgelegt sind.

Werden Sie künftig härter verhandeln?

Serra: Es gibt keinen anderen Weg.

Rutscht die Weltwirtschaft in eine Rezession, sinken die Rohmaterialpreise deutlich.

Serra: Ja, aber wir befinden uns nicht in einer Rezession. Die Märkte in Russland und Fernost laufen noch sehr gut. Ein konjunkturelles Problem haben wir derzeit in den USA. In Europa beobachten wir eine gewisse Verlangsamung in einzelnen Märkten. Doch über alles gesehen ist die Wirtschaftslage noch nicht so schlecht, wie es hier und dort dargestellt wird.

Der Dollar, dessen Schwäche Ihnen im 1. Semester zu schaffen machte, gewinnt an Stärke. Ist die Erholung nachhaltig?

Serra: Der Dollar ist nach wie vor schwach. Ich gehe nicht davon aus, dass er bald auf das Niveau des vergangenen Jahres ? da kostete 1 Dollar rund 1.25 Fr. ? zurückkehren wird.

Das heisst, dass Georg Fischer seine Organisation anpassen muss.

Serra: Ja, wenn der Dollar auf tiefem Niveau verharrt, werden wir künftig verstärkt in den USA und Asien produzieren und verkaufen. Deshalb haben wir bei GF Piping Systems eine Akquisition in den USA getätigt und unsere Produktionskapazitäten in China, Indien und Malaysia erhöht.

Ändern Sie auch Ihre Einkaufsstrategie?

Serra: Ja, primär bei GF Agie Charmilles. Hier produzieren wir vorwiegend in der Schweiz und kaufen zu rund 80% in den Euro-Ländern ein. Das müssen wir punktuell ändern, indem wir künftig stärker im Dollar-Raum, also in Asien, einkaufen und produzieren. Wir verfügen bereits über ein Werk in China und errichten ein zweites.

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Wird Westeuropa für Georg Fischer dereinst unbedeutend?

Serra: Auf keinen Fall, wir bauen unsere Präsenz in den genannten Märkten zwar aus, aber nicht zulasten von Europa. Wir streben eine möglichst ausgeglichene weltweite Präsenz an, um künftig noch flexibler auf Veränderungen in einzelnen Regionen reagieren zu können.

Die Automotivesparte ist nach wie vor stark von Deutschland abhängig, rund 40% des Umsatzes erzielen Sie mit deutschen Kunden. Rieter hat kürzlich eine Werkschliessung im deutschen Bebra angekündigt. Werden auch Sie Ihre Kapazitäten zurückfahren?

Serra: Auf der PKW-Seite ist die Lage nicht so schlecht. Die Abkühlung in den USA betrifft uns kaum, weil wir ? abgesehen von unserer relativ kleinen Giesserei in Kanada ? nicht auf diesem Markt präsent sind. Bei den Nutzfahrzeugen, die rund 30% zum Spartenumsatz beitragen, könnte sich die Lage 2009 etwas eintrüben, worüber wir aber nicht einmal unglücklich wären, denn wir laufen unter Volllast und arbeiten sogar an den Wochenenden, was gerade in Deutschland mit deutlich höheren Produktionskosten verbunden ist.

Am 25. September startet die weltweit grösste Nutzfahrzeugmesse in Hannover. Was erwarten Sie?

Serra: Die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen ist nach wie vor hoch, selbst in Europa, vor allem im Osten. In Ländern wie Russland, Polen und Tschechien haben sich neue Industriezweige entwickelt, die beliefert werden müssen und welche ihrerseits die fertigen Produkte auf die Märkte bringen wollen. Für den innereuropäischen Transport werden primär Nutzfahrzeuge nachgefragt. Ein ähnliches Bild zeigen die grossen Märkte in Fernost.

Im 1. Halbjahr erreichten Sie eine Ebit-Marge von 6,6%. Im 2. Semester soll das Ergebnis wiederholt werden. Wie realistisch ist das Szenario?

Serra: Realistisch, in der Annahme, dass sich die externen Faktoren nicht verschlechtern. Wir haben die Preise in allen Divisionen angepasst, erste positive Auswirkungen bei GF Piping Systems und GF Agie Charmilles registrierten wir bereits im Juli. Bei Automotive werden die Erträge ab Oktober steigen. Zudem ist bei Agie Charmilles das 2. Halbjahr traditionell stärker, das hilft uns zusätzlich.

Das mittelfristige Margen-Ziel liegt bei 8%. Wann erreichen Sie das?

Serra: Wir haben dieses Ziel im Jahr 2006 bereits erreicht, allerdings boomte die Wirtschaft damals. Nun schwächelt die Konjunktur etwas und wir sind zurückgefallen. Das zeigt, dass es nicht einfach ist, eine solche Rendite zu halten.

Sehen wir 2009 die 8%-Marge?

Serra: Wir sind uns bewusst, dass es ein anspruchsvolles Ziel ist und davon abhängt, dass exogene Faktoren wie die Konjunktur, die Rohmaterial- und Energiepreise und die Währungseffekte stabil bleiben beziehungsweise sich nicht weiter verschlechtern.

Das klingt nach Wunschdenken.

Serra: Nein. Betrachten Sie die Situation bei GF Automotive: Hätten sich die Schrottpreise nicht so dramatisch verteuert, hätten wir im 1. Semester eine Marge von 8% statt der erzielten 5,9% erreicht.

Die Konjunkturbarometer renommierter Institute zeigen für 2009 nach unten.

Serra: Das mag sein, aber wir sind jetzt weltweit breit aufgestellt und weniger zyklisch, als man allgemein denkt. Die Nachfrage bei GF Automotive ist relativ stabil, sie schwankt um 1 bis 3%, es ist also kein zyklisches Geschäft. Dasselbe Bild zeigt GF Piping Systems, weil die Nachfrage nach Infrastruktur für die Wasser- und Gasversorgung konstant hoch ist. Zyklisch ist dagegen GF Agie Charmilles, dessen sind wir uns bewusst, wir können Schwankungen allerdings mit dem Komponenten-, Ersatzteil- und Servicegeschäft auffangen. Damit erzielt GF Agie Charmilles rund einen Drittel ihres Gesamtumsatzes.

Rieter muss den Gürtel enger schnallen und überprüft derzeit 15% aller Stellen weltweit. Droht das auch bei Ihnen?

Serra: Nein, das denke ich nicht. Retouchen sind zwar immer möglich, aber wir sehen keinen Anlass für tief greifende Veränderungen in dieser Art.

Sie haben angekündigt, nicht zyklische Geschäftsbereiche stärken zu wollen. Was heisst das konkret?

Serra: Primär wollen wir GF Piping Systems stärken. Nicht nur, weil das Geschäft insgesamt weniger zyklisch ist, sondern auch, weil hier die Margen stimmen.

Wie werden sich die Umsatzanteile der einzelnen Divisionen dereinst verteilen?

Serra: Mittelfristig streben wir für GF Piping Systems einen Anteil am Konzernumsatz von heute rund 26 auf 35% an, dies durch organisches Wachstums sowie mittels Akquisitionen.

In welchen Regionen erwarten Sie die nächsten Zukäufe von GF Piping Systems?

Serra: Voraussichtlich in Nordamerika, denn hier existiert ein riesiger Markt, primär getrieben von einem hohen Reparaturbedarf. Gute Möglichkeiten sehen wir aber auch in Europa und in Asien.

Wo wollen Sie mit Piping Systems organisch wachsen?

Serra: Beispielsweise im Kühlbereich, etwa Kühlregale für Lebensmittel in Supermärkten. Die Kühlmittel für herkömmliche Regale werden durch Kupferrohre transportiert, die aber korrodieren. Wir haben ein Kunststoffprodukt entwickelt, das diesen Mangel nicht aufweist, und konnten bereits erste Grosskunden wie Wal-Mart gewinnen. Diese Kette eröffnet pro Jahr rund 500 neue Märkte, das Potenzial für uns als Zulieferer ist also beträchtlich.

Wie gross ist das Potenzial beim Umsatz?

Serra: Rund 50 Mio Fr. zusätzlichen Umsatz erzielen wir in diesem Bereich bereits, ob der Anteil in einigen Jahren bis auf 200 Mio Fr. steigt, wird sich zeigen. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden.

Sind auch Zukäufe in den anderen Divisionen denkbar?

Serra: Ja, Akquisitionen gehören zum Geschäft. Wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, dann sollten wir sie prüfen. Aber die Priorität hat jetzt GF Piping Systems.

Wie viele Mittel stehen für Akquisitionen zur Verfügung?

Serra: Bis zu einem tiefen dreistelligen Millionen-Franken-Betrag.