Wie gut ist die Schweizer Uhrenindustrie auf die Smartwatches vorbereitet? Hat sie Apple und Konsorten Gleichwertiges entgegenzusetzen?
Michael Vogt*: Am Anfang hat die Schweizer Uhrenindustrie das Thema sicher unterschätzt, wie Apple übrigens auch. Aber jetzt befindet sie sich auf der Lernkurve in der Phase 2. Viele namhafte Firmen haben mittlerweile auf die neue Herausforderung mit eigenen Projekten reagiert. 

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Welchen der vielen angekündigten Smartwatch-Projekte räumen Sie die besten Chancen ein?
Es fällt auf, dass es eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Smartwatch-Konzepten gibt. Die bislang einzige echte Smartwatch ist wohl die Gear S von Samsung. Sie ist die einzige, die auch ohne Smartphone verwendet werden kann. Allerdings mit dem Nachteil, dass sie ein wahrer Stromfresser ist.

Welche Funktionalitäten werden über Erfolg oder Misserfolg entscheiden?
Die wahre Killerapplikation muss sich erst noch herauskristallisieren. Klare Mehrwerte bieten aber die Bezahlfunktion in Verbindung mit NFC-Technologie, die Zutrittskontrolle über biometrische Daten und das Fitness-Tracking über Bewegungssensoren. Die Schwachstellen sind anderseits die Wasserdichtigkeit und die Abhängigkeit von der Batterie. Diese dürfte für viele Smartwatch-Konzepte die eigentliche Hemmschwelle bilden, bis es bessere Lösungen gibt. 

Welche der Schweizer Smartwatches hat gute Karten?
Interessant finde ich den Approach von Frédérique Constant. Die Genfer haben die Smart-Technologie in eine normale Uhr eingebaut. Dank dem Joint Venture mit der kalifornischen Firma Fullpower können die Daten auch optimal ausgewertet werden. Letzteres, also die Auswertung der Daten, ist ein Aspekt, der noch längst nicht ausgeschöpft ist und zu einem entscheidenden Erfolgsargument werden könnte.

Welche Chancen geben Sie der Swatch Touch Zero One?
Die Swatch Group mit ihrer Mikroelektronik-Tochter EM befindet sich in guter Ausgangslage, um rasch auf den Smartwatch-Trend reagieren zu können. Die Touch Zero One zielt mit Versionen für bestimmte Sportarten, mit NFC und Fitness-Tracking in die richtige Richtung. Ausserdem hat sie das Energieproblem mit einem eleganten Kompromiss zwischen Funktionalität und Stromverbrauch gut gelöst.

Welchen Platz werden die Smartwatches beim Konsumenten tatsächlich erobern?
Man muss sich der Dimensionen bewusst sein, die da mitspielen: Eigentlich sind diesmal die Amerikaner spät dran, denn die Nase vorn bei den Smartwatches hatten bislang Konzerne wie Samsung, Sony oder LG. Doch Apples Umsatz ist zehnmal grösser als derjenige der gesamten Schweizer Uhrenindustrie. Der Konzern wird mit dieser Muskelkraft für den grossen Schub sorgen. Die Smartwatches dürften sich zu einem bedeutenden Milliardengeschäft entwickeln. Die Schweizer Uhrenindustrie kann bestenfalls ein Stück dieses Kuchens erobern, ohne deswegen bei den mechanischen Uhren einzubüssen.

*Michael Vogt ist Experte der Schweizer Uhrenindustrie. Er war als Manager bei TAG Heuer, Ebel oder Gucci Time Piece tätig. 2002 gründete Vogt die Bieler Luxus-Uhrenmarke Vogard, die er 2014 an die Schaffhauser IWC verkaufte.


 

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