Noch heute kursiert der Mythos, dass die Schweiz Gold unter dem Bundesplatz gelagert habe - Gold, das der Eidgenossenschaft auch in finanziellen Krisen Reichtum garantiert. Dass aber die Schweiz als Institution nicht (nur) auf Gold gebaut ist, legt eine Studie der Independent Credit View (I-CV) nahe, die der Nationalbank auf den Zahn gefühlt hat. Wohl hat sie Goldanlagen ans Licht gebracht, aber auch die eine oder andere marode Stelle, die für die SNB zum Risiko werden könnte.

Die Nationalbank informiert jeden Monat über die grobe Struktur ihrer Bilanz, aber nur einmal im Jahr legt sie einen detaillierten Rechenschaftsbericht vor, der einen gewissen Einblick in das Anlageportefeuille gewährt. Bekannt sind derzeit also die Anlagen per Ende 2009. Aber seit Anfang Jahr hat sich die Bilanzsumme massiv ausgeweitet. Deren Zusammensetzung kann von der I-CV nur geschätzt werden.

Währungsrisiko mit Euro-Kauf

Im Rückblick auf die Jahre bis 2009 nehmen sich die Devisenreserven als die Hauptaktiva im Portefeuille der Nationalbank aus. Nachdem die SNB über Jahre hinweg etwa gleich grosse Fremdwährungsreserven gehalten hat, ist der Anteil an Devisen Anfang 2009 markant in die Höhe geschnellt (siehe Grafik). Davon macht der Euro mittlerweile 70% aus, denn im Versuch, den Franken gegenüber dem Euro abzuwerten, hat die SNB kräftig Euro eingekauft.

Anzeige

Dass die Devisenposition ein Risiko in sich birgt, ist auf die genuine Volatilität der Währungen zurückzuführen. Bereits im 1. Halbjahr 2009 hat die SNB mit Devisenanlagen rund 14 Mrd Fr. verloren. Und die Abstriche dürften laut I-CV weitergehen: «Wir schätzen, dass ein weiterer Rückgang des Euro gegenüber dem Franken um 10 Rp. für die SNB einen Verlust von 13 Mrd Fr. zur Folge hätte.» Die Fremdwährungen werden allerdings weder in einem Geldspeicher deponiert, noch unter dem Bundesplatz vergraben, sondern in Form von Wertschriften angelegt; 2009 waren 7% in Aktien, 13% in Anleihen im weiteren Sinn und 80% in Staatsanleihen investiert. Muss einem das nicht zu denken geben? Kurt Hess, Senior Credit Advisor von I-CV, beschwichtigt: «Die SNB publiziert zwar keine Details, von welchen Staaten sie Regierungsanleihen hält, doch verkündete sie per Ende 2009, dass 84% der Anlagen die Höchstnote AAA und nur 1% die Bewertung BBB trügen.»

Zum laufenden Jahr äussert sich Hess folgendermassen: «Ich halte die SNB für so klug, dass sie nicht zu viele Bonds der südeuropäischen PIGS-Staaten gekauft hat.» Der grösste Teil der auf Euro denominierten Anleihen dürften seiner Ansicht nach Staatspapiere von Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Staaten ohne grössere Schuldenprobleme sein.

Trotzdem schleicht sich mit den Staatsanleihen, zusätzlich zum reflektierten Währungsrisiko, ein Kreditrisiko ins Portefeuille der SNB. Denn wenn der staatliche Schuldner - wie in vielen Fällen geschehen - plötzlich schlechter dasteht, steigt der Risikoaufschlag des entsprechenden Bonds. Was dies bedeuten könnte, zeigt sich in einer hypothetischen Rechnung der I-CV: «Nimmt man beispielsweise an, dass sich dieser Risikoaufschlag für Anleihen um 100 Basispunkte, also um 1%, erhöht», so Hess, «würde die SNB einen Verlust von ca. 9 Mrd Fr. erleiden.» Angesichts der Tatsache, dass sich etwa die Aufschläge griechischer Staatsanleihen gleich um mehrere hundert Basispunkte ausgeweitet haben, ein solches Resultat nicht komplett unwahrscheinlich. Wie gross der Verlust effektiv ist, hängt auch davon ab, welche Laufzeiten sich die SNB bei der jüngsten Aufstockung der Devisenreserven angeeignet hat. Dass sich diese über die letzten Jahre tendenziell verlängert und die Risiken sich also erhöht haben, stimmt nicht gerade zuversichtlich.

Anzeige

Eigenmittel markant reduziert

Kommt hinzu, dass die Bilanzsummenausweitung der SNB zu einer markanten Reduktion der Eigenmittel geführt hat: Über viele Jahre hinweg hat die Nationalbank rund 50% an Eigenkapital gehalten. Aber im Zuge der Krise ist dieser Anteil auf fast 20% abgesunken, denn für den Devisenkauf musste sie Franken beschaffen. Die SNB hat damit nicht nur die eigene Exportwirtschaft, sondern gleichzeitig auch die angeschlagenen Staatshaushalte der europäischen Nachbarn gestützt.