Sandwich-Positionen sind die schlimmsten. Druck von oben und von unten hält niemand lange aus ohne gesundheitliche Schäden. Hinzu kommt: In der Lebensmitte, reich an Erfahrung, lässt die Leistungsfähigkeit unter Dauerbelastung und ständig steigenden Anforderungen nach. Die Trennung von «Eustress» und «Disstress» - «gutem» und «schlechtem» Stress - gibt es nicht mehr, warnen Mediziner und Arbeitspsychologen vor den krankmachenden Auswirkungen des heutigen Arbeitsalltags.

Mehr Leistung mit Alkohol

So funktionierte auch Gerhard Wilberg, bis es nicht mehr ging. Die Tage und Wochen des 50-jährigen Bankers waren bis zum Anschlag ausgefüllt mit Reisen. Zeitverschiebungen liessen ihn nicht wirklich entspannen, grosse Geschäftsessen lagen ihm wie Steine im Bauch, Wodka leitete einen hypnotischen Schlaf ein und starker Kaffee mit Aspirin rettete seinen Start in den Tag. Sein Lebensstil führte ihn zu Überge-wicht, bedrohlichen Herzschmerzen, Bluthochdruck und Fettleber. Was ihn letztlich zwang, einen Arzt aufzusuchen: Er litt mehr und mehr an Angstzuständen und Schweissausbrüchen. Und das führte oft zu peinlichen Situationen. Die ärztliche Untersuchung ergab einen völligen Erschöpfungszustand bei anhaltendem Stress-pegel. Sein gesamter Organismus war aus dem Lot. Er hatte zwar seinen Beruf «im Griff», aber nicht mehr seine Lebensführung. Von Wohlbefinden keine Rede mehr. «Entweder sie ändern ihren Beruf oder sie gehen erst einmal zum Fasten», urteilte der Arzt lapidar. Wilberg entschied sich fürs Zweite.

Auch Anja Fischer dachte einmal, dass ihr Körper unerschöpfliche Reserven parat hielt, liebte sie doch ihre Tätigkeit als Assistentin des Chefs und seine Beteuerungen, dass er nicht wüsste, wie er ohne sie zurechtkäme. Geschmeichelt verzichtete sie immer öfter aufs Privatleben, kam früh und ging spät. Sie fühlte den Stress, dachte jedoch, mit 42 Jahren alles packen zu können - bis zu dem Tag, als das Herz streikte. «Der Schuss vor den Bug», wie sie im Nachhinein sagt. Und: «Im rechten Moment.»

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Körperlich und mental entgiften

Anja Fischer half das «Meridian-Klopfen». Es ist ein energetisches Verfahren, das durch sanftes, manuelles Beklopfen bestimmter Energiepunkte (Meridiane) belastende Zustände wie beispielsweise Ängste, Ärger, Schuldgefühle, Panik, Trauer, bis hin zu körperlichen Beschwerden dauerhaft auflösen kann. Man kann es auch als «Akupunktur ohne Nadeln» bezeichnen. Meridian-Klopfen eignet sich hervorragend als Selbsthilfetechnik, kann leicht erlernt werden und ist eine geniale Methode, mit alltäglichen Beschwerden selbstständig und unabhängig fertig zu werden.

Heute denkt Gerhard Wilberg ebenso. Nach den ersten harten Tagen des Entzugs von Wodka, Kaffee und Aspirin spürte er wieder so etwas wie «Leben in mir». Diese Erfahrung motivierte ihn weiterzumachen. Er begann nicht nur körperlich zu entgiften, sondern auch emotional und mental.

Die grösste Entdeckung war jedoch die Erfahrung, dass er ohne den «Kick» der Genussgifte wunderbar leben konnte. Er trank Wasser und Tee statt Kaffee. Die abendliche Mahlzeit nach dem Fasten genoss er viel intensiver - auch ohne Wein. Seine chronische Müdigkeit verschwand und er fühlte sich in der Balance, leistungsfähig und belastbar. Nach einigen Wochen mit einer professionellen Begleitung schaffte er die Kehrtwende. Dabei hatte sich die Arbeit nicht verändert, jedoch seine Einstellung: «Sei bereit, dein Leben stetig zu verändern, wie es gut für dich ist, bevor das Leben dich verändert, wie du es nicht haben willst».

Auch Anja Fischer hat ihre Lektion gelernt. Bei ihrer Suche nach Expertenhilfe stiess sie im Internet auf ein Seminar mit dem Titel «Coaching für einen gesunden Lebensstil», das versprach, Beruf und Privatleben in die richtige Balance zu bringen.

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Vom Job erdrückt und betrogen

«Unsere Lebenslinien führen uns oftmals an Nahtstellen, die in uns Gefühle der Ohnmacht, des Ärgers, der Reizbarkeit und Müdigkeit entstehen lassen und uns letztlich in Antriebslosigkeit und diverse Krankheitssymptome hineinmanövrieren», weiss Alexander Lehner. Der 30-jährige Architekt war nach seinem Studienabschluss erst einmal arbeitslos, bevor ihn ein internationaler Konzern einstellte. Mit Elan und Begeisterung war er bei der Sache. Bald zeigte sich jedoch, welchen Erfolgs- und Leistungserwartungen er täglich vermehrt ausgesetzt war. Er konnte so gut und effizient arbeiten, wie er wollte, es war letztlich nie genug. Langsam und schleichend fühlte er sich mehr und mehr in der Sackgasse von Multitas- king, Mobbing und Daueranspannung. Die Angst, wieder arbeitslos zu werden, liess ihn kaum Schlaf finden. Er fühlte sich vom Job erdrückt, betrogen und erpresst, für Freundes- oder gar Liebesbeziehungen fand er keine Zeit und keine Kraft mehr.

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Ein Funken Lebenswillen reichte allerdings doch noch zu einem «letzten Versuch», sich eine kurze Auszeit zu gönnen. Ein medizinischer Check brachte (noch) keine grossen gesundheitlichen Schäden zutage. Was Alexander Lehner aber dringend brauchte, war eine Neuorientierung bezüglich seiner eindeutigen Stress-Situation. Nicht nur die Sorge um den Arbeitsplatz ist der Einstieg in das Burnout-Syndrom. Mitunter ist es auch der Arbeitsplatz selbst. Grossraumbüros, fehlendes Tageslicht und ständige Überforderung tragen zum Ausbrennen bei. Deshalb der Rat: Auf Abhilfe drängen - oder den Job wechseln.