Hier Zürich mit seinem übermächtigen Finanz- und Bankensektor, «ein sicheres und komfortables Rückgrat für den Kanton», wie man im Amt für Wirtschaft und Arbeit sagt. Nicht erstaunlich: 23,6% der Zürcher Wertschöpfung stammen allein aus dem Finanzsektor.

Dort Basel und die Nordwestschweiz mit der Konzentration von Chemie und Pharma. Der Anteil dieses Sektors an der regionalen Wertschöpfung ist mit 25% noch höher. Wie der Finanzsektor in der Agglomeration Zürich ist er der Motor für ein überdurchschnittliches Wachstum

Die Ausgangslage ist ähnlich, die Finanzkrise trifft die beiden Regionen jedoch unterschiedlich. Während die Stadt Zürich in den nächsten Jahren Steuerausfälle von jährlich 600 Mio Fr. hinnehmen muss und auch der Kanton ab 2010 mit Mindereinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe rechnet, hat es die baselstädtische Finanzdirektorin Eva Herzog besser. Da in Basel der Finanzsektor nicht dominiert (BIP-Anteil knapp 10%) und die Pharma-/Chemiebranche weniger konjunkturabhängig ist als der Bereich Finanzdienstleistungen, hinterlässt die Krise weniger deutliche Spuren in der Kasse der öffentlichen Hand.

Klumpenrisiken haben beide Städte. Sie werden denn auch von beiden Regierungen in ihren aktuellen Wirtschafts- und Standortberichten angesprochen. Und sowohl in Basel als auch in Zürich bemüht man sich, von der Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftssektor wegzukommen. Ziel ist eine möglichst krisenresistente Wirtschaftsregion.

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Doch was ist das genau? Thomas Schoder, in der Geschäftsleitung von BAK Basel Economics für das Schweizer Regionalgeschäft zuständig, nennt als wesentliches Merkmal «eine Stärkung vorhandener Cluster bei dennoch breiter Diversifizierung». Je besser eine regionale Volkswirtschaft abgestützt sei und je wettbewerbsfähiger ihre Schlüsselbranchen seien, desto weniger krisenanfällig sei sie. Schoder: «Nicht alle Branchen und Sektoren sind von einer Krise im gleichen Ausmass betroffen.»

Besser als vor zehn Jahren

Während eine Finanzkrise die Branche als Gesamtes trifft, was nun Zürich voll zu spüren bekommt, ist das bei der Pharmabranche anders, wie Hans-Peter Wessels, Geschäftsführer von Basel Area, erklärt. «Wenn ein Unternehmen in die Krise gerät, weil sich etwa die Zulassung eines Produkts verzögert, so ist nur diese eine Firma betroffen, nicht der ganze Sektor.» Stabilisierend wirkt in Basel nach Wessels auch, dass sich in den vergangenen zehn Jahren neben den zwei dominierenden Konzernen Roche und Novartis ein Cluster mit weiteren Unternehmen aus dem Life-Science-Bereich gebildet habe, so mit Ciba/BASF, Syngenta, Clariant, Actelion oder Straumann. Wessels: «Dank dieser Diversifizierung sind wir viel stabiler und krisenresistenter als Mitte der 1990er Jahre. Das Klumpenrisiko für unsere Wirtschaftsregion hat sich eindeutig verringert.»

Clusters sind laut Wessels gerade bei der Ansiedlung neuer Betriebe von Bedeutung. So habe die Nähe ähnlicher Unternehmen die belgische Pharma-Gruppe Solvay bewogen, ihr weltweites Pharma-Marketing in der Region Basel zu konzentrieren, sagt Wessels.

Mit industriegetriebenen Cluster-Initiativen, unter anderem im Bereich Life Science, will auch der Kanton Zürich seine Abhängigkeit von der Finanzbranche verringern. Nicht zufällig: Nach Meinung des Amtes für Wirtschaft und Arbeit sind es nicht zuletzt die innovativen und zukunftsgerichteten Branchen, welche die Stärke und Krisenresistenz einer Wirtschaftsregion ausmachen.

Region Genfersee als Modell

Eine «ausgewogene Branchendiversifizierung» ist in der Region Zürich nicht nur wegen des Finanzsektors dringend: Ein anderes Klumpenrisiko stellt die Konzentration von Zulieferern der Autobranche dar, aus einem einfachen Grund, wie Walter Stalder, Wirtschaftsförderer des Kantons Luzern, sagt: «Wer ein Kunststoffelement für ein bestimmtes Modell liefert, kann nichts mehr verkaufen, wenn der betreffende Autohersteller in die Krise gerät.» Wer selber produziere und über eigene Absatzkanäle verfüge, sei von Dominoeffekten weniger betroffen.

Als Beispiele gut diversifizierter und deshalb weniger krisenanfälliger Wirtschaftsregionen gelten unter Ökonomen die Zentralschweiz ? obwohl in der Konkurs-Statistik von Dun & Bradstreet (D&B) Luzern unlängst als «Sorgenkind» bezeichnet worden ist ? und die Genferseeregion. Xavier Comtesse von Avenir Suisse preist im jüngsten Newsletter des Städteverbands die dortige Vernetzung von unterschiedlichsten Branchen und Unternehmen gar als Modell künftiger Regionalentwicklung.

 

 

KOMMENTAR


Gute Strukturen wichtiger als schnelles Geld

Luzern wollte jahrelang so sein wie seine Nachbarin und Rivalin Zug oder, noch besser, wie Zürich ? ein Finanzzentrum. Also bemühte man sich um Banken und andere Finanzdienstleister, die als neue Motoren der Zentralschweizer Volkswirtschaft einen kräftigen Wachstumsschub verleihen sollten. Vergebens. Zum Glück, sagt heute der Luzerner Wirtschaftsförderer. Die Finanzkrise würde seine Wirtschaftsregion ebenso hart treffen wie Zürich.

Stattdessen zählen Konjunkturforscher die Zentralschweiz zu den robustesten Wirtschaftsgebieten der Schweiz. Das heisst nicht, dass das Gebiet um den Vierwaldstättersee in der aktuellen Rezessionsphase ohne Blessuren davonkommt. Der Konkurs der traditionsreichen Stewo in Wolhusen ist möglicherweise nur ein erstes Alarmzeichen. Doch aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Zentralschweiz gut aufgestellt ? branchen- und unternehmensmässig diversifiziert und ohne nennenswertes Klumpenrisiko.

Auch wenn dies noch keinen absoluten Schutz gegen einen krisenbedingten Absturz darstellt, bietet eine breite Abstützung die beste Gewähr gegen die Folgen einer Wirtschaftsflaute. Deshalb ist die Zentralschweiz gut gerüstet, zumal sie den gleichen Rezepten vertraut, die sie schon in früheren Krisen weniger anfällig gemacht haben. Das gilt auch für die Region Nordwestschweiz, die neben den Life Sciences mit der Logistik und der Messe Schweiz zwei weitere starke Standbeine hat. Oder die blühende Wirtschaftsregion rund um den Lac Léman, von der man in der Deutschschweiz leider zu wenig spricht. Bemerkenswert ist hier der «Spill-over», also der Austausch zwischen den Branchen, der das Wachstum am Genfersee vorantreibt.

Die drei Beispiele zeigen ein Weiteres: Wer allein auf den Finanzsektor setzt, kann sich zwar mit einem schnelleren und höheren Wirtschaftsboom brüsten, wird in einer Finanzkrise aber ebenso schnell und brutal abgestraft. Abgestraft, weil er seine Volkswirtschaft auf eine Basis stellt, die je nach Konjunktur mehr oder weniger tragfähig ist. Wenn die Krise einmal eine Grossbank so richtig erfasst hat, ist die Abwärtsspirale kaum mehr zu stoppen.

Entscheidend sind deshalb die Gesamtstrukturen ? in erster Linie ein ausgewogener Mix an Branchen und Strukuren, der die immer vorhandenen Konjunkturrisiken auffängt und abfedert. «Es ist falsch, nur auf ein Pferd zu setzen», sagt der Basler Konjunkturforscher Thomas Schoder, «aber es ist ebenso falsch, sich bei der Ansiedlung von Unternehmen vom Prinzip des Allerlei leiten zu lassen.» Das spricht auch hier für einen Mittelweg: Bis zu einem gewissen Grad die Bildung von Branchen- und Unternehmensclustern fördern und vorantreiben, doch die Augen offen behalten für Innovationen und zukunftsträchtige Branchen, ohne sich in alle Richtungen zu verzetteln.