Es war kein gutes Zeichen für Tidjane Thiam und seine Bank Credit Suisse: Die Schweizer Nationalmannschaft, gesponsert vom zweitgrössten Kreditinstitut des Landes, schied bei der Fussball-EM gegen Polen aus, nachdem Mittelfeld-Star Granit Xhaka seinen Elfmeter gleich mehrere Meter neben das Tor gesetzt hatte. Die Schweizer Fussball-Fans waren tief enttäuscht. Ähnlich leiden die Credit-Suisse-Anleger. Scharenweise sind sie seit dem Amtsantritt Thiams vor einem Jahr aus dem Titel geflüchtet, der Aktienkurs erreichte wenige Tage nach dem Aus der Kicker ein Rekordtief.

Thiam, Fan des britischen Fussballclubs Arsenal und früher ein passionierter Basketballer, ficht das alles nicht an. Er hat schon ganz anderes erlebt. Als Minister in seinem Heimatland, der Elfenbeinküste, wurde er im Zuge eines Staatsstreichs unter Hausarrest gestellt. Als Chef des britischen Versicherers Prudential überstand er eine Aktionärsrevolte. Er habe ein Faible dafür, unter Druck zu sein, scherzte er kürzlich bei einem Abendessen. Doch mitten im grössten Umbau der Credit Suisse seit fast 30 Jahren fragen sich viele, ob der Branchen-Aussenseiter sich selbst und der Bank nicht zuviel zumutet.

Zweifel über Zweifel

«Am Anfang haben alle gedacht, dass er über Wasser gehen kann», sagt Andreas Brun, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. «Inzwischen denken alle, dass er sich schon mit dem Schwimmen schwer tut.» Zweifel an der Strategie, Zweifel an den Zielen, Zweifel an seiner Eignung – wie konnte der zu Beginn von vielen als Heilsbringer bejubelte Thiam so schnell auf Normalmass schrumpfen? Und wie stehen die Chancen, dass die viertgrösste Privatbank der Welt die Kurve kriegt?

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Die Suche beginnt bei seinem Vorgänger. Brady Dougan hatte die Bank sicher durch die Finanzkrise gesteuert, danach im Überschwang aber auf das falsche Pferd gesetzt. Statt dem knapp am Zusammenbruch vorbeigeschlitterten Erzrivalen UBS reiche Privatkunden abzujagen, verkaufte der gelernte Investmentbanker das Fondsgeschäft und pumpte viel Geld in den riskanteren Wertpapierhandel. Und die Beteuerungen des Langstreckenläufers, dass die Bank für den Fall eines Aufschwungs richtig aufgestellt sei, hatten sich wegen der immer öfter enttäuschenden Ergebnisse irgendwann tot gelaufen.

Mit viel Selbstvertrauen für neue Aufgaben

Der Aufschwung kam nicht. Stattdessen kam Tidjane Thiam. Niemand hatte ihn auf der Rechnung, als Verwaltungsratspräsident Urs Rohner den Ivorer im März 2015 auf den Schild hob. Kein Investmentbanker, ein Versicherungsexperte sollte die Wende bei der Credit Suisse bringen. Der grossgewachsene Manager hatte sich bei Prudential einen Ruf als erfolgreicher Sanierer und Experte für den Boommarkt Asien erworben.

Bei seinem ersten Auftritt vor den Medien hatte er das Publikum mit seinem Charme und klaren Worten schnell auf seiner Seite. Nur bei einer Frage reagierte der Übernächtigte gereizt – der nach seiner mangelnden Erfahrung als Investmentbanker. Er wolle nicht angeben, erklärte er spitz, aber als McKinsey-Berater habe er schon viele Investmentbanken reorganisiert und er verstehe, wie Optionspreise zustande kämen. «Ich habe Physik und Mathematik studiert und offen gesagt ist die Mathematik, die hinter Derivaten steht, relativ primitiv.» An diesen Sätze sollte er ein Jahr später, in der schwersten Krise seiner Amtszeit, noch erinnert werden.

Rohner mit im Boot

TT, wie viele Thiam nennen, ist möglicherweise die grösste Wette, die Rohner als Präsident der Credit Suisse je eingegangen ist. Denn nach einer Rekordbusse in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung musste sich der Jurist gegen Rücktrittsforderungen verteidigen. Mit der Ernennung Thiams nahm Rohner sich selbst aus der Schusslinie, kettete aber sein eigenes Schicksal bei der Bank an Thiam. «Beide wissen: Wenn die Zahlen nicht stimmen, müssen beide gehen», sagt ein Insider.

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Der Präsident steht aber weiter zu seiner Wahl, wie seine Aussage in der aktuellen Handelszeitung beweist: «Ich bin - wie der gesamte Verwaltungsrat – überzeugt, dass er der richtige Mann für diese Aufgabe ist. Er hat die richtigen Massnahmen ergriffen und wird dies weiter tun», sagte Urs Rohner im Interview in dieser Woche.

Der Start glückte

Zunächst zahlte sich die Wahl Thiams voll aus: Am Tag seiner Ernennung schoss die CS-Aktie 8 Prozent hoch, das Institut war an der Börse auf einen Schlag 3,5 Milliarden Franken mehr wert. Im Oktober stellte der Risikoexperte sein Programm vor: Die von seinem Vorgänger hinterlassene dünne Kapitaldecke aufpolstern und den Gewinn kräftig steigern. Das will er mit dem Ausbau der Vermögensverwaltung schaffen, die den Launen der Finanzmärkte weniger ausgesetzt ist.

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Vor allem im Geschäft mit Superreichen Asiaten sieht Thiam ein riesiges Potenzial. Der riskante Anleihehandel kam dagegen auf das Abstellgleis, wie Lokalrivale UBS das schon vor Jahren vorexerziert hatte. Auch die anderen europäischen Investmentbanken Barclays, Royal Bank of Scotland oder Deutsche Bank beschreiten diesen Weg.

Wachstum statt Sparen

Die meisten Konkurrenten suchen ihr Heil vor allem in Sparübungen, um im widrigen Marktumfeld bestehen zu können. So kündigte etwa die UBS kürzlich an, mit der Zusammenführung von Teilen des Vermögensverwaltungsgeschäfts in Amerika und dem Rest der Welt mehrere hundert Millionen Franken sparen zu wollen.

Angesichts der kriselnden Finanzmärkte hat zwar auch Thiam sein Kostensenkungsprogramm verschärft. Trotzdem setzt die Credit Suisse im Gegensatz zu John Cryan und seiner Deutschen Bank, wo Sparen und Schrumpfen über allem steht, noch immer mehr auf Wachstum. Und Thiam kann schon erste Erfolge vorweisen – im ersten Quartal sammelte die Bank deutlich mehr neues Geld in der Vermögensverwaltung ein.

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Regionale Gliederung kann Vorteil sein

Doch die vielen Baustellen machen dem Konzern zu schaffen. Statt der in der Bankenbranche üblichen Gliederung nach Sparten stellte Thiam den Konzern regional auf. Neu besteht das Institut aus dem Schweizer Geschäft, dem asiatischen Geschäft und dem Geschäft in Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Dazu kommen eine Handels-Division und eine Sparte für die Beratung bei Zukäufen und anderen Kapitalmarkt-Transaktionen, die US-lastig sind.

Die regionale Aufstellung ist in der Versicherungsbranche, aus der Thiam kommt, weit verbreitet. Die gesetzlichen Vorgaben sind hier von Land zu Land so unterschiedlich, dass etwa die Renten- oder Krankenversicherungen völlig anders ausgestaltet sein müssen. Auch im Bankgeschäft greifen Staaten mit neuen Anlegerschutz-Richtlinien oder schärferen Kapitalvorgaben immer mehr ein. Das regionale Modell hat für die Credit Suisse zudem den Vorteil, dass sich ein Institut voll auf die lokalen Kunden-Bedürfnisse ausrichten kann. Der typische asiatische Unternehmer will Rendite, der europäische Erbe Sicherheit.

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Interne Kritiker und Zweifler

In Thiams Modell können die Bereichschefs ihr Geld selber ausgeben und Prioritäten setzen, statt Anträge in der Zentrale in Zürich einzureichen. Ein ehemaliger Informatik-Chef einer europäischen Grossbank sieht darin jedoch gewichtige Nachteile. «Natürlich möchte ein Regionalfürst lieber alleine entscheiden können.» Die Erfahrung in der Branche zeige aber, dass die Skalenvorteile in einer zentral geführten Vermögensverwaltung enorm seien. «Das wird ganz fürchterliche Bremsspuren in den Ertragsrechnungen der CS hinterlassen.»

Nicht einmal in seinem eigenen Management hat Thiam mit dem Regionen-Modell alle überzeugt. Aus seiner Sicht ermögliche die neue Struktur ein vereinfachtes Berichtswesen und klare Verantwortlichkeiten, sagt eine Führungskraft. «Aus der Sicht aller anderen ist es verwirrend und viel komplexer.» Es sei eine sehr komplizierte Weise, eine Bank im Tagesgeschäft zu betreiben.

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Zu wenig realitätsnah

Doch Kritik hatte es oft schwer, bis zu Thiam vorzudringen, wie mehrere gegenwärtige und ehemalige Manager berichten. Thiam umgebe sich mit einem inneren Kreise von Vertrauten, die den Zugang zum Chef kontrollieren. Dazu gehörten Personalchef Peter Goerke und Chief Operating Officer Pierre-Olivier Bouee. Beide brachte Thiam von Prudential mit, beide waren einmal bei McKinsey. Andere Sichtweisen kämen so kaum zum Zuge. «Seine Wahrnehmung ist von der Realität abgekoppelt», kritisiert eine Führungskraft.

Dabei wirkt kaum ein Chef eines Schweizer Unternehmens in der Öffentlichkeit so offen und einnehmend. Selbst Leuten, die er das erste Mal trifft, zeigt er private Bilder auf seinem Mobiltelefon. Er ist in der Schweiz viel präsenter als Dougan. Er jettet um die Welt, um Mitarbeiter und Kunden zu besuchen. Bereits fünf Mal reiste er nach Asien, elf Mal in die USA.

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Falschen Moment erwischt

Es ist kein Zufall, dass Thiam besonders oft in New York anzutreffen ist. Denn dort ist ein bedeutender Teil des Investmentbankings angesiedelt. In dem Geschäft fallen die von Thiam angeordneten Stellenstreichungen und Bonuskürzungen besonders drastisch aus. Während selbst viele Investmentbanker den Ausstieg aus Teilen des Anleihehandels verstehen, erregt das «Wie» heftigen Widerspruch.

Thiam reagierte entschlossen auf die Marktverwerfungen vor einigen Monaten und stiess in grossem Stil notleidende Anleihen ab. Dies brockte der Bank im Verlauf von zwei Quartalen aber einen Verlust von rund einer Milliarde Franken ein. Ein hochrangiger früherer Investmentbanker der Credit Suisse erklärt, dass die Bank die Anleihen überhastet und in einem schlechten Moment verkauft und damit unnötige Verluste eingefahren habe. «Prioritäten sind wichtig, aber wie man das umsetzt, hat Auswirkungen auf das Ergebnis.»

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Miese Stimmung unter den Investmentbankern

Thiam, Jahrgangsbester einer französischen Eliteschule, ist hochintelligent und mit einem fantastischen Zahlengedächtnis gesegnet. Die Episode gab aber Kritikern Nahrung, die Thiam von Anfang an zu wenig praktische Investmentbanking-Erfahrung attestierten. Und es war der Moment, als Thiam seine Aussagen einholten, dass er sehr wohl genügend von dem Geschäft verstehe. «Mit seinem Hintergrund muss er sicher noch beweisen, dass er in der Lage ist, das Investmentbanking zu managen», sagt GAM-Fondsmanager Daniel Häuselmann. Ein Credit-Suisse-Sprecher betont dagegen, dass die Bank dank der schnellen Senkung der Risiken besser durch die kürzlichen Marktverwerfungen gesteuert sei.

Die Investmentbanker, die unter Dougan im Konzern lange Jahre das Sagen hatten, spüren ihren Bedeutungsverlust. Entsprechend mies ist die Stimmung im Handel in London und New York, sagen Insider. Ein ehemaliger Spitzenmanager verweist auf die Gefahr, dass wichtige Banker dem Institut den Rücken kehren könnten. Besser ist die Moral in den Vermögensverwaltungs-Einheiten, beobachtet Headhunter Matthias Schulthess. «In den Geschäftsfeldern, in denen verstärkt investiert wird, herrscht Aufbruchstimmung.»

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Im Herbst könnte es kritisch werden

Der Aktienkurseinbruch von fast 60 Prozent seit Thiam das Ruder übernommen hat alarmiert aber viele Mitarbeiter und Anleger. Mit einem Börsenwert von 22 Milliarden Franken ist die Bank noch gut halb so viel wert, wie bei einer Liquidation des Konzerns übrig bliebe. Diesen enormen Abschlag erklärt Barclays-Analyst Jeremy Sigee mit den drohenden Milliarden-Kosten für Rechtsstreitigkeiten. Obwohl Thiam schon 6 Milliarden Franken an Kapital aufgenommen hat und der Konzern inzwischen wetterfester ist, befürchten Anleger, dass das nicht genug sein könnte. «Die Sicherheitsmarge der Bilanz ist beschränkt,» sagte Jupiter-Fondsmanager Cedric de Fonclare. Er befürchte eine weitere Kapitalerhöhung.

«Thiam braucht einen Befreiungsschlag», sagt ein ehemaliger Spitzenmanager der Bank. Wenn er bis im Herbst keine besseren Zahlen zeige, dürfte der Druck der Aktionäre auf ihn massiv zunehmen. Pessimistisch ist auch der Unternehmensberater: «Ich kenne keinen CEO, der bei gleich zwei grossen Finanzunternehmen die Wende geschafft hat.»

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(reuters/jfr)