Die Schweizer Wirtschaft brummt: Im Juli sank die Arbeitslosigkeit auf 3,6%, die Forscher der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) registrierten bei ihrer Umfrage bei 7100 Unternehmen einen breit abgestützten Glauben an den Aufschwung. «Viele Branchen haben an Tempo zugelegt, in den nächsten Monaten dürfte sich diese Entwicklung noch verstärken, die Schweizer Wirtschaft profitiert von der sich erholenden Weltkonjunktur», sagt KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm.

Auch laut den Experten von BAK Basel, der Basler Konjunkturforschungsstelle, ist der Aussenhandel «auf den Wachstumspfad zurückgekehrt». In den ersten sechs Monaten wuchsen die Ausfuhren um 6%. «Nichtsdestotrotz bleiben die Exporte unter den Höchstständen des Jahres 2008», so BAK Basel weiter.

Fast schon euphorische Reaktionen hat eine Reihe von unerwartet guten Abschlüssen von Schweizer Firmen ausgelöst. Die ZKB etwa wurde von den im 1. und 2. Quartal 2010 präsentierten Zahlen zu deutlich mehr als der Hälfte positiv überrascht, wie sie erhoben hat (siehe Grafik rechts). In Krisenzeiten sah es auch schon ganz anders aus, deutlich mehr als die Hälfte der Ergebnisse lagen unter den Erwartungen.

Vorsicht: Wachstumsbremse USA

Wer jetzt glaubt, es brechen zumindest in der Schweiz goldene Zeiten an, der täuscht sich. Denn über der Weltwirtschaft schwebt ein dunkler Schatten. Am Arbeitsmarkt und am Häusermarkt in der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt, den USA, sieht es düster aus. «Der Ausblick für die amerikanische Wirtschaft ist ausserordentlich unsicher», sagte US-Notenbankchef Ben Bernanke Ende Juli vor dem Bankenausschuss des Senats (siehe Seite 21). Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte vor schwächerem Wachstum infolge Ausgabenkürzungen und Haushaltskonsolidierungen in europäischen Ländern. Viele weitere vorauslaufende Indikatoren fallen wieder deutlich, so etwa der Baltic Dry Index: Dieser erfasst die Preise für Schifffracht und ist ein guter Indikator für die Gesundheit der Weltwirtschaft.

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«Das Wachstum der ersten Jahreshälfte in der Schweiz kann nicht einfach auf das Gesamtjahr hochgerechnet werden», warnt darum Markus Irngartinger, Ökonom bei der UBS. Für die Schweiz erwartet er zwar eine «robuste und stabile» Fortsetzung der Erholung, weil es in einigen Teilen der Wirtschaft noch Nachholbedarf gebe. Doch er bestätigt: «Die Schwäche geht derzeit von den USA aus.» Immerhin erwartet Irngartinger dort keinen Rückfall in die Rezession. «Dies könnte eher in einigen südeuropäischen Ländern eintreffen.»

Noch vorsichtiger zeigt sich Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse: «Knapp ein Jahr nach einem solchen Absturz kann die laufende Aufwärtskorrektur nicht als Anfang eines Aufschwungs wie in gewöhnlichen Zyklen interpretiert werden», sagt er. «Wir haben wohl schon drei Viertel der Krise hinter uns, aber wir sind auch noch nicht vollständig durch.» Eine Krise, die mit 2,5 Billionen Dollar für Konjunkturprogramme und dem doppelten Betrag für Bankenrettungen abgewendet wurde, könne nicht einfach so in einem bis zwei Jahren bewältigt werden, so Neff.

Für die kommenden Monate erwartet Neff darum eine Konsolidierungsphase mit «eher negativen Überraschungen, auch in der Schweiz». Die Belebung der globalen Nachfrage kam inzwischen auch hierzulande an, «aber der Eifer, mit dem nun kontinuierlich die Schweizer Wachstumsprognosen nach oben revidiert werden», sei für ihn nicht nachvollziehbar. «Gerade die heutigen Bullen sind vor zwei Jahren noch die schlimmsten Bären gewesen. Insgesamt ist das kein gutes Zeugnis für die Zunft der Prognostiker», so Neff.

Noch längst nicht erholt

Die zyklische Erholung ist zwar eingetreten und «viele Firmen haben bis und mit dem zweiten Quartal 2010 Analysten wie Investoren positiv überrascht», wie auch Neff bestätigt. Doch er weist auf einen weiteren kritischen Punkt hin: «In vielen Bereichen der Wirtschaft arbeitet man noch bis zu 20% unter Normallast» (siehe Text unten).

Auffallend ist auch, dass sich etliche Firmen bei ihren Prognosen zurückhaltend geben. Zurich Financial Services etwa verzichtete ganz auf einen Ausblick. Finanzchef Dieter Wemmer wiederholte lediglich mittelfristige Ziele. Synthes-CEO Michel Orsinger sprach bei der Präsentation des Halbjahresergebnisses von «herausfordernden wirtschaftlichen und industriellen Bedingungen, die weiterhin das Wachstum beeinflussen». Mike Mack, CEO bei Syngenta, musste trotz höherer Absatzmengen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr reduzieren. Und auch das UBS-Management gab sich für das 3. Quartal zurückhaltend.

Zurückhaltung nach aussen

Während also die Konjunkturprognosen immer besser werden, publizieren viele Firmen weiterhin verhaltene Ausblicke. Wie erklärt sich diese Diskrepanz? «Möglicherweise äussern sich Firmen bei anonymen Umfragen positiver als bei externen Anfragen», vermutet Yngve Abrahamsen, Ökonom an der Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich (KOF). Und weiter: «Es gibt noch einige Unsicherheit bezüglich der Entwicklung bei den Devisenkursen, die wiederum die Investitionsbereitschaft beeinflussen kann.» So würden von Firmen vereinzelt Entscheidungen über Investitionen verschoben. «Entscheidend für viele Unternehmen ist aber, mit wem sie Geschäfte machen», sagt Abrahamsen weiter, «denn Asien läuft weiterhin gut, Europa verhalten, und in den USA ist man nach den schlechten Arbeitsmarktdaten vorsichtiger geworden.»


Selbst wenn es jetzt rosiger aussieht: Vor der Krise lief es noch viel besser

Natürlich geht es vielen Firmen deutlich besser. Doch ein Blick auf die Ergebnisse einzelner Unternehmen zeigt, dass es vielen von ihnen vor Beginn der Krise noch deutlich besser gegangen war. So etwa ABB: Der Industriekonzern wird laut Voraussage der Analysten in diesem Jahr 30,5 Mrd Fr. umsetzen - 1 Mrd Fr. weniger als im Vorjahr und 15% weniger als noch 2008. Beim Zementproduzenten Holcim soll der Umsatz laut Analystenkonsens 23 Mrd Fr. erreichen. Das entspricht gerade einmal etwa den Zahlen von 2006. Sulzer dürfte dieses Jahr 3,1 Mrd Fr. umsetzen, wiederum weniger als in den drei Jahren zuvor. Wenn der Industriekonzern Rieter dieses Jahr die Analystenschätzungen von 2,3 Mrd Fr. Umsatz erreicht, bedeutet das eine Verbesserung von 20% gegenüber 2009. Es ist aber immer noch deutlich weniger als in allen Jahren seit der Jahrtausendwende. Bei Clariant liegt der Umsatz seit zwei Jahren ein Drittel niedriger als in den letzten acht Jahren zuvor.

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In der Finanzbranche sieht es nicht besser aus. So fallen bei der UBS die Kommissionseinnahmen; diese sind, anders als die Zins- oder Handelseinnahmen, nicht auf externe Faktoren wie Zinsdifferenzen zurückführbar, sondern widerspiegeln die Kundenaktivitäten. Hier rechnen die Analysten von Natixis beispielsweise für das laufende Jahr mit 15,8 Mrd Fr.; das ist ein Drittel unter dem Stand des Vorjahres. Läuft es bei der UBS gut, ist hier frühestens 2014 das Niveau vor der Krise wieder erreicht. Auch bei der Credit Suisse liegen die Gebühreneinnahmen auf dem Stand von 2005. Swiss Re leidet unter den hohen Überkapazitäten im Rückversicherungsgeschäft. Die für dieses Jahr zu erwartenden Prämieneinnahmen liegen auf Vorjahreshöhe, aber ein Fünftel unter dem Stand vor der Krise.

Immerhin: Trotz teilweise deutlich tieferen Umsätzen haben etliche Firmen ihre Gewinne halten können. «Die Gewinnerwartungen waren zuerst zu niedrig, jetzt besteht aber die Gefahr, dass sie zu stark nach oben korrigiert werden, um danach wieder auf ein realistisches Niveau zurückgeschraubt zu werden», sagt dazu CS-Chefökonom Martin Neff. «Gegenwärtig ist zu viel Konjunktureuphorie im Markt - und das macht mich extrem skeptisch.»(mn)