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So will Apple Spotify aus dem Weg räumen

Spotify (li.) und Apple Music (re.): Wer wird sich durchsetzen? HZ

Apple Music ist seit wenigen Tagen auf dem Markt. Im ausführlichen Test zeigt sich: Der neue Streaming-Dienst ist sehr gelungen und dürfte Bewegung in den Markt bringen.

Von Thomas Heuzeroth («Die Welt»)
am 03.07.2015

Eines muss man Apple lassen: Der Konzern scheint Berge zu versetzen. In der Welt des Musikstreamings heissen diese Berge Taylor Swift und AC/DC. Taylor Swift gibt ihr neues Album «1989» erstmals zum Steaming frei. Und auch AC/DC lässt sich nach langem Zögern endlich erweichen. Die australische Hardrockband ist nun ebenfalls im Stream zu hören.

Apples Musikstreaming ist seit Dienstag verfügbar. Der Dienst mit der Bezeichnung Apple Music kommt über das iOS-Update 8.4 auf die iPhones und iPads. Und diesmal scheint Apple vorgesorgt zu haben. Der Download und die Installation der neuen iOS-Version war in unserem Fall nach knapp 20 Minuten erledigt. In der Vergangenheit ist es dabei immer zu längeren Verzögerungen gekommen, weil die Server des Konzerns unter dem Ansturm zusammenbrachen.

Automatische Verlängerung

Wer das Update installiert hat, findet ein neues Icon mit einer Musiknote auf seinem Bildschirm, über das Apple Music sich starten lässt. Dort bietet Apple den Nutzern ein dreimonatiges Probeabo an, entweder für eine Einzelperson oder für eine Familie mit bis zu sechs Personen.

Das Abo verlängert sich nach 90 Tagen automatisch, bis die Option im Apple-Music-Account deaktiviert wird. Für Einzelpersonen kostet es dann 9,99 Euro pro Monat, für Familien 14,99 Euro. Nun müssen die Geschäftsbedingungen (80 Display-Seiten) akzeptiert werden.

Playlisten von Apples Musikredaktion

Wer mit seinem iPhone zwei iTunes-Accounts nutzt und – je nach Bedarf – hin und her wechselt, sollte nun vorsichtig sein. Um Apple Music zu abonnieren, verknüpft sich das Gerät mit einer Apple-ID. Ein Wechsel ist dann erst nach 90 Tagen wieder möglich.

Apples Musik-App wirkt sehr aufgeräumt. Nutzer können zwischen fünf Bereichen wählen, die unten in der Anwendung angeboten werden. Hinter «Für dich» verstecken sich Empfehlungen für Playlists und Alben von Musikexperten anhand der zuletzt heruntergeladenen Songs und Alben. Apple betont, diese Playlisten würden nicht von Algorithmen zusammengestellt, sondern von Apples Musikredaktion.

Genre auswählen

Wer diesen Bereich zum ersten Mal aufruft, wird aufgefordert, Genres auszuwählen, die man mag – oder eben nicht mag. Genres wie «Rock», «Hörspiele» oder «Electronic» werden durch Kreise dargestellt. Einmal angetippt, werden die Kreise grösser. Zweimal angetippt, vergrössern sie sich noch mehr. Je grösser der Kreis, desto mehr Wert bekommt das Genre. Wer den Finger länger draufhält, löscht ein Genre.

Im weiteren Schritt werden Künstler angeboten, die in gleicher Weise als Favoriten gewählt werden können. Warum Apple gerade diese Künstler anbietet, wird nicht deutlich. In unserem Fall fand sich sogar die griechische Sängerin Nana Mouskouri im Angebot. Möglicherweise ein Zeichen der Zeit, Mouskouri war in den 90er-Jahren Europaabgeordnete.

Playlists mit Motto

Sind erst einmal die Vorlieben eingegeben, bietet Apple Music Playlists an, die in gewisser Weise einem Motto entspringen. Beispiele: «Kochen mit Pep und Pop: klassich-zeitlose Tracks zum Mitsingen beim Würzen». Oder: «Das ist doch alles deine Schuld: Der Soundtrack für eine zerbrochene Liebschaft».

Das klingt zwar lustig, doch die Playlists sind stimmig und trotzdem abwechslungsreich mit bekannteren und weniger bekannteren Stücken. Inwieweit die kurzen Beschreibungen der Playlists bei der Auswahl helfen, ist fraglich. Unsere Kochliste trägt die Beschreibung: «Nicht erst, wenn alle vier Herdplatten heiss laufen und du ins Schwitzen kommst, macht es Sinn, diese Playlist anzuwerfen. Denn sie sorgt von Anfang an bis zum Endspurt für zusätzlichen Dampf in der Küche.» Na ja.

«Alternatives Duschen»

Neben dem Bereich «Für dich» präsentiert Apple unter «Neu» eine Auswahl kürzlich erschienener Alben, Toptitel und viele Playlists, die auch nach Aktivitäten wie Arbeiten, Aufwachen und Chillen geordnet sind. Hilfreich für alle, die Musik gern nach Stimmungen hören. Schön auch: «Alternatives Duschen». Unter «Neu» macht Apple auch Angebote aus dem Bereich «Connect», wo Musiker mit Fans in Kontakt treten können und ihre Musik, Videos und Fotos hochladen.

Wie auch bei Twitter können Nutzer ihren Künstlern folgen. Warum Apple hier eine automatische Folgen-Funktion bereits aktiviert hat, erschliesst sich nicht. Wer einen Titel zu seiner Musikmediathek hinzufügt, folgt automatisch diesem Künstler. Es sei denn, die Funktion wird unter «Connect» deaktiviert. Ausserdem kann der Nutzer die Songs mit Sternchen bewerten – eine Funktion, die mancher bei Spotify vermisst.

Beats 1: Das Apple-Globalradio

Als vierten Bereich in der App bietet Apple sein «Radio» an. Dort versteckt sich der 24-Stunden-Sender Beats 1, der aus Los Angeles, New York und London bestückt wird. Das Konzept ist uns nicht ganz klar geworden. Zum einen gibt sich Apple alle Mühe, seinen Nutzern ein individuell abgestimmtes Musikangebot zu machen, und zugleich wird ein globaler Radiosender für alle beworben. Übrigens auch hörbar für jene, die kein Abo bei Apple Music haben.

Natürlich stehen auch andere Radiosender zur Verfügung, die nach Genre geordnet sind. Etwas aus der Rolle fällt nur das Angebot BBC World Service, ein echtes Radioprogramm. Im fünften Bereich «Meine Musik» liegt die Musikbibliothek des Nutzers, darunter auch die Songs, die aus dem Abodienst heruntergeladen wurden, um sie später beispielsweise im Flugzeug ohne Internetverbindung zu hören.

Weniger Daten als bei Spotify

In der Musik-App ist nicht ersichtlich, in welcher Qualität Apple seine Musik streamt. Der Konzern hatte bestätigt, dass die Datenrate 256 Kilobit pro Sekunde (Kbit/s) beträgt. Konkurrenten wie Spotify, Rdio, und auch Tidal streamen mit 320 Kbit/s. Das bedeutet, dass jede Sekunde 320 Kilobit Daten verarbeitet werden. Je höher diese Rate, desto höher ist im Grunde die Tonqualität. Allerdings steigt damit auch die Menge der Daten, die übertragen wird.

Doch auch die Kodierung der Musik spielt dabei eine Rolle. So können 320 Kbit/s im MP3-Format schlechter klingen als 256 Kbit/s AAC, eine Kodierung, die Apple bei seinem iTunes-Angebot nutzt. Wahrscheinlich streamt Apple auch in AAC, bestätigt wurde das bislang nicht. In unserem Test konnten wir im Vergleich mit Spotify keinen Unterschied in der Tonqualität erkennen.

30 Millionen Songs

Einige Anbieter wie Tidal streamen sogar ohne Verlust, das heisst, sie komprimieren die Musik nicht und übertragen mit bis zu 1411 Kilobit pro Sekunde im verlustfreien FLAC-Format, was jedoch nur in einem Abomodell möglich ist, bei dem knapp 20 Euro pro Monat berechnet wird.

Apple behauptet, mehr als 30 Millionen Songs in seiner Bibliothek zu haben. Diese Zahl gibt übrigens auch Spotify an. Doch beide Bibliotheken haben Lücken, die je nach Musikgeschmack variieren. So hat Spotify im Soundtrack von «Quentin Tarantino's Django Unchanged» deutlich weniger Lücken als Apple. «Loveparade – Das Album deines Lebens» hingegen fehlt bei beiden Anbietern.

Exklusive Kooperation mit Dr. Dre

Das Electronicalbum «Thin Ice» der isländischen Band Gusgus findet sich bei Spotify, nicht aber bei Apple Music. Ebenso «Kool Jazz» von Kool & The Gang. Dafür hat Dr. Dre sein Hip-Hop-Album «The Chronic» exklusiv bei Apple eingestellt. Dr. Dre arbeitet seit der Übernahme seiner Firma Beats für Apple.

Apple hat im Unterschied zu Spotify mehrere Hörspielfolgen von «Die drei ???», was insbesondere für Familien mit Kindern interessant sein dürfte. Das Hörbuch «Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser» von Ernst H. Gombrich fehlt bei Apple, nicht aber bei Spotify. «Fünf Freunde» ist bei beiden zu hören. Musikvideos hingegen gibt es nur bei Apple Music. Leider können sie nicht heruntergeladen werden, zum Betrachten ist also eine Internetverbindung notwendig.

Siri ist miteingebunden

Gefallen hat uns im Test das Einbinden des digitalen Assistenten Siri in Apple Music. Nutzer können nun per Sprache Befehle geben und so Apple Music steuern. Auch wenn Siri auf deutschen Geräten immer wieder Schwierigkeiten hat, englische Titel richtig zu erkennen, ist die Funktion hilfreich. Befehle wie «Spiele den Toptitel von 1982» erkennt Siri ohne Probleme und bedient sich in den Charts. Komplizierter sollte es aber nicht werden. Unser Befehl «Spiele den drittbesten Song von 2008» liess Siri das Lied «Ku-Ku Jodel» von der Gruppe «Oesch's die Dritten» und ihr Album «Jodelzauber» abspielen. Das war 2008 sicherlich nicht das drittbeste Lied in den Charts, auch wenn es im Musikantenstadl den ersten Platz erklomm.

Siri hat zum Start von Apple Music also noch einige Wissenslücken. Ab 2009 kennt Siri die Charts gar nicht mehr. Und der beste Song von 1994 ist zum Abspielen bei Apple Music wohl aus Rechtegründen nicht verfügbar. Dabei hatte Apple genau mit diesem Befehl per Pressemitteilung Siris Künste beworben.

Fazit: Sehr gelungen

Fazit: Apples Auftakt für das Musikstreaming ist sehr gelungen und dürfte Bewegung in den Markt bringen. Der Konzern zählt 800 Millionen iTunes-Konten, viele davon mit Kreditkarte. Sollte sich nur ein Bruchteil der Kunden für den Abodienst entscheiden, könnte Apple schnell am bisherigen Marktführer Spotify vorbeiziehen. Spotify zählt derzeit gut 20 Millionen zahlende Nutzer. Weitere 55 Millionen nutzen den kostenlosen Streamingdienst, der sich über Werbeeinspielungen finanziert.

Doch Apple ist ein Neuling und kann noch einiges von Spotify lernen. So startet das Streaming eines Musikstücks bei Spotify praktisch ohne Verzögerung, während der Nutzer bei Apple Music drei bis fünf Sekunden warten muss, bis die Musik beginnt. Spotify-Nutzer können ihre Streamingqualität selber einstellen, was insbesondere bei der Nutzung im Mobilfunknetz wichtig ist, wo Datenkontingente schnell erschöpft sind.

Überhaupt hat Spotify bereits mit vielen Partnern Kooperationen geschlossen. Und Spotify hat Anwendungen für Hi-Fi-Receiver, Smart-TVs und Set-top-Boxen wie Amazons Fire TV. Die App auf dem iPhone hat sogar eine Joggingfunktion, bei der Musik je nach Schrittgeschwindigkeit abgespielt wird – eine echte Innovation.

Apple Music wird vorerst über das iTunes-Programm auf Computern, iPads und iPhones nutzbar sein, erst im Herbst soll eine Android-Version der App folgen. Diesen Nachteil wird Spotify für sich zu nutzen wissen, denn der Marktführer ist auf allen wichtigen Plattformen präsent.

Der monatliche Preis ist für eine Einzelperson bei beiden Diensten gleich. Mehrköpfige Familien dürften bei Apple besser aufgehoben sein. Spotify verlangt für jeden weiteren Account fünf Euro, Apple lässt insgesamt sechs Nutzer in seinem 15-Euro-Tarif zu. Hier wird sich auch Spotify bewegen müssen.

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.

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