Kunden werden ebenso wie Wähler erkennen, wenn es ihren Führungspersönlichkeiten ernst ist und wenn diese Vertrauen verdienen», sagt James Schiro, CEO der Zurich Financial Services. «Taten zählen mehr als tausend Worte.» In der Politik und der Wirtschaft brauche es jetzt prinzipientreues Handeln. Glaubwürdigkeit könne nur wiedererlangt werden, wenn gemachte Versprechungen erfüllt würden.

Das Vertrauen zurückgewinnen kann allerdings nicht, wer den Kopf in den Sand steckt. «Die Führungskräfte der Schweizer Wirtschaft sitzen zurzeit mit dem Helm im Schützengraben», beobachtet Peter Gomez, VR-Präsident der Finanzmarkt-Infrastrukturbetreiberin SIX Group. «Sie müssen sich der öffentlichen Diskussion darüber stellen, was anständiges Wirtschaften bedeutet und einen entsprechenden Verhaltenskodex nicht nur entwickeln, sondern auch leben.» Auch wenn dies ein schmerzhafter Prozess sei: «Wir müssen aus unseren Fehlern lernen und uns fragen, wie die freiheitliche Marktordnung neu gestaltet werden muss.»

Dafür ist laut Peter Friedli, Gründer von New Venturetec, viel Zeit nötig. «Eine ehrliche und fachkundige Aufarbeitung der Ursachen der Krise, ohne nur auf Sündenböcke einzuhauen, kann helfen, unser Wirtschaftssystem besser zu verstehen.» Auch Ex-Botschafter und Renova-VR Thomas Borer fordert: «Wir müssen die Krise besser erklären. Ich sehe die Tendenz, dass wir oft die Marktwirtschaft als Ganzes verteufeln, anstatt die Umbrüche verständlich zu machen.»

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Ohne Integrität kein Vertrauen

Im Willen zur Transparenz ortet Markus Neuhaus, CEO von PricewaterhouseCoopers Schweiz, einen der drei Schlüsselfaktoren des öffentlichen Vertrauens. «Jeder muss so offen wie möglich kommunizieren; der Status quo sowie die zukünftigen Werttreiber sind offen zu legen, und es ist im Sinne von vertrauensbildenden Massnahmen darzulegen, wie sich das Unternehmen den eigenen Werten und Zielen entsprechend verhält.» Zusätzlich sei «eine Kultur der Verantwortlichkeit» zu praktizieren. Als dritten Schlüsselfaktor brauche es die Integrität der verantwortlichen Personen. «Ohne Integrität kann kein öffentliches Vertrauen entstehen.»

Regulierung wirksamer machen

Für die Zeit nach der Krise brauche es nicht mehr, sondern eine effektivere Regulierung, ist Vontobel-CEO Herbert Scheidt überzeugt. «Die Krise hat aufgezeigt, dass die Banken der Aufsicht meist eine Nasenlänge voraus sind.» Bei der Aufsicht seien «schlagkräftigere Expertenteams» nötig. Ausserdem müsse auf internationaler Ebene sichergestellt sein, dass durch nationale Regulierungen keine Wettbewerbsverzerrungen stattfinden.» Primär seien gerade jetzt Innovationskraft und Unternehmergeist gefragt. «In guten Zeiten fällt es einem leicht, auf die Kräfte des Marktes zu vertrauen. Doch es braucht Mut, dasselbe in schwierigen Zeiten zu tun.» Dennoch erachtet Scheidt die angeküngten Konjunkturpakete als Schritt in die richtige Richtung. Nach Meinung von Bruno Raschle, CEO der Private-Equity-Gesellschadft Adveq, wirken diese aber frühestens mittelfristig. Stimulierungsprogramme sollten weniger auf den Erhalt bestehender Strukturen als auf die Effizienzerhöhung, neue Technologien und Energie sowie auf bessere Bildung ausgerichtet sein. «Die aufgeblasene Finanzindustrie muss über die Beseitigung fauler Kredite, unnötiger Finanzkonstrukte und Deleveraging auf neue Bahnen ausgerichtet werden.»

Unternehmer Daniel S. Aegerter, Gründer der Armada Investment Group, gibt zu bedenken: «Es müssen neue Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die tiefen Zinsen der gesamten Wirtschaft und der Industrie zugute kommen und nicht wieder nur dem Immobiliensektor.» Am Prinzip, dass die Staaten die Rahmenbedingungen setzen, sich aber als Wirtschaftsakteur zurückhalten, dürfe sich auch angesichts der Krise nichts ändern, fordert Uwe Krüger, CEO von OC Oerlikon.

Die grössten Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft

Die Vermeidung einer Kreditklemme und die Rückgewinnung des Vertrauens zwischen den Banken sind für Olivier Steimer, VR-Präsident der Waadtländer Kantonalbank, derzeit die grössten Herausforderung für die Schweizer Wirtschaft. Auch SIX-Group-Präsident Peter Gomez ist überzeugt: «Als Erstes müssen wir den Finanzbereich so stabilisieren, dass das Interbanken-Kreditgeschäft wieder funktioniert.» Dies sei Voraussetzung, dass die Kreditvergabe an die Unternehmen nicht ins Stocken gerate. «Die Unternehmen ihrerseits müssen den Abschwung nutzen, überholte und ineffiziente Strukturen zu bereinigen, sodass sie für den Aufschwung gut gerüstet sind.»

Zurich-CEO James Schiro gibt zu bedenken, dass das Schicksal der Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft sehr stark vom Wohlergehen ihrer Nachbarn und Handelspartner abhängt. «Angesichts des aktuellen Klimas liegt daher für die Schweiz eine der grössten Herausforderungen darin, eine liberale Wirtschaftsordnung aufrechtzuerhalten, die weiterhin offen ist für Handelsverkehr, Kapitalströme und Arbeit.» Ein Rückzug aus dem Globalisierungsprozess wäre für die Schweiz äusserst nachteilig. Dem stimmt Risikokapitalist Peter Friedli zu: «Die Wirtschaftspolitik muss Rahmenbedingungen sicherstellen, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz geschützt wird, ohne die Vorteile der Globalisierung zu schmälern.»

Für Uwe Krüger von OC Oerlikon gilt es, trotz Krise die Vorteile der Schweiz als Innovationsstandort auszubauen. «Dazu brauchen wir neue und übergreifende Anstrengungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung, eine proaktive Innovationspolitik und neue Anreize zur Ansiedlung und Entwicklung von Technologieunternehmen.» Die Krise könne helfen, die Umsetzung neuer Lösungen zu beschleunigen.

Dank krisenresistenten Branchen wie dem Pharma- und Nahrungsmittelsektor präsentiert sich der Schweizer Werkplatz nach Einschätzung von Vontobel-CEO Herbert Scheidt als vergleichsweise stabil. «Es ist also nicht so, dass die Finanzkrise bei uns einen Flächenbrand auslöst.» In der Finanzbranche sei aber eine kritische Selbstreflexion unabdingbar. «Wir müssen uns wieder mehr in Bescheidenheit üben», sagt Scheidt. (spi)