Nachdem in den letzten Jahren das Wohninterieur mit gewobenen Stoffen in kräftigen Farben aufgemischt wurde, so als ob man dem Kodex «Mut zur Farbe» gerecht werde wollte, setzt man nun auf edle Zurückhaltung. Farbige Textilien als Teil der Innenarchitektur und -gestaltung haben sich definitiv durchgesetzt - jetzt beginnt die stilvolle Spielerei mit Möbelstoffen, Kissenüberzügen und Vorhängen. Wie immer ist Tricia Guild, Chefin und kreativer Kopf des Trendlabels «Designers Guild», die Vorreiterin: Bereits in den 1970er Jahren wagte sie es, alte Regeln bezüglich Stilmix zu brechen, und kombinierte unbekümmert Karos mit Blumen und Streifen mit Punkten. Auch bei den Farben mischte sie zusammen, was sich andere nie getraut hätten: Ob Violett und Rot mit Orange oder Lindgrün und Pink und Braun - das Undenkbare wurde möglich. Heute sind solche Stilbrüche in der Textilbranche gang und gäbe.

Vieux Rosé

Lindes Grün, ein Hauch von Gelb und zartes Vieux Rosé mit metallischen und weissen Akzenten - 25 Farbvariationen wurden auf der Palette angerührt und die daraus entstandene, gediegene Kollektion «Whitewell» getauft, vielleicht inspiriert von der sanften Hügellandschaft, den weiten Wiesen und Wäldern, welche die Gegend um Whitewell in Nordwest-England prägen. Die Kollektion spiegelt die Romantik des klassischen Landhausstils und den künstlerischen und kulturellen Einfluss der Bloomsbury Group wieder, einer exzentrischen Gruppe, der in den 1930er Jahren Schriftsteller, Maler, Kunsttheoretiker und andere englische Intellektuelle angehörten.

Soft Colors passen in unsere Zeit, verleihen der kühl-weissen, von Glas und Transparenz dominierten Raumarchitektur eine natürliche Eleganz und Leichtigkeit und sorgen für sommerliche Stimmung. Sie sind Teil des Wohnens, ohne sich aufdrängen zu wollen. Jedoch, was wären die Farben ohne die Dessins? Romantik pur ist auch hier angesagt: Florales triumphiert neben Ornamentik. Mit detailreich verzierten Quasten und Kordeln werden diese ausdrucksstarken Motive zusätzlich unterstrichen. Allerdings kommen sie nur zur Geltung, wenn die Qualität der Stoffe stimmt. Das Grundmaterial ist Seide oder fein gewobene Baumwolle, die in norditalienischen Webereimanufakturen mit Applikationen nach traditioneller oder moderner Stickkunst verziert werden. Letztere zeichnet sich aus durch Hightech-Fäden aus Lurex oder Metall, mit welchen die Weber die Blumen und Blüten sticken, um glänzende Effekte zu erzielen. Diese kunstvollen Manufakturarbeiten sind eine Rarität und haben ihren Preis.

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Malerei und Kunst

Jeder Entwurf entsteht zuerst als handgemaltes Bild und wird dann in Serie auf Stoffe und Tapeten gedruckt. In ähnlichem Stil verfährt Carolyn Quartermaine, Freundin von Tricia Guild und mittlerweile selbst international bekannt und gefragt: Mit Lettern, Ornamenten oder stilisierten Blüten in Gold sind ihre Seidentafte bedruckt, die feinsten werden sogar von Hand bemalt. Die Künstlerin bezieht stets die Malerei in ihre Arbeit mit ein. Ihre Motive skizziert die kreative Britin am liebsten mit dem Pinsel: «Ich arbeite langsam und fülle ganze Zeichnungsblöcke mit meinen Ideen, bis ich das richtige Motiv und die dazu passende Farbe gefunden habe», sagt Carolyn Quartermaine, die 2008 an der Messe «Maison & Objet» zur Designerin des Jahres ernannt wurde.

Es erstaunt auch immer wieder, wie sehr ein neuer Vorhang oder Möbelüberzug die ganze Innenarchitektur beeinflussen und verändern kann. Als ob der Raum ein ständig wechselndes dreidimensionales Bild wäre. Deshalb geniessen Druckstoffe - ob in gedämpften oder brillanten Farben - heute einen hohen Stellenwert: Sie sind erschwinglich und von hochwertiger Druckqualität.

Das Gastro-Unternehmen Tibits setzt schon länger auf eine von Farben- und Motivvielfalt geprägte Umgebung und lässt seine auf vegetarische Speisen spezialisierten Lokale in der Schweiz und London regelmässig von den Innenarchitekten und Dekorateuren der Küsnachter Firma Wohn-In neu einkleiden. Im «Tibits Zürich» sorgt derzeit eine Wandtapete aus einem changierenden Veloursstoff von Designers Guild für Furore: Eingefleischte Vegetarier mag die Samtstruktur an eine Reptilienhaut erinnern - mit einem Augenzwinkern notabene in einem Lokal, in dem alles rein vegetarisch ist.