Auf den ersten Blick haben die 1.-Quartals-Zahlen des US-Softwarehauses Oracle, weltweit grösster Hersteller von Programmen für Firmenkunden, positiv überrascht: Der Lizenzumsatz – im traditionellen Softwaregeschäft die wichtigste Erfolgsgrösse – stieg auf 1,09 Mrd Dollar, das entspricht einem Zuwachs von 35% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Gesamtumsatz, der auch Wartung und Services umfasst, stieg um 25% auf 4,6 Mrd Dollar. In der Schweiz ist Oracle im letzten Quartal gemäss Länderchef Markus Gröninger noch stärker gewachsen als auf Konzernebene.

Die meisten Schätzungen wurden damit deutlich übertroffen und viele Analysten waren voll des Lobes. Sie unterstrichen die Erfolge der Strategie von Oracle, das in den letzten vier Jahren für mehr als 20 Mrd Dollar andere Softwarefirmen aufgekauft hatte, um zum deutschen Konkurrenten SAP, der bei Unternehmensapplikationen Marktführer ist, aufzuschliessen. Positiv vermerkt wurde zudem die Margenausweitung auf 36,6% und das grosse Wachstum bei Middleware-Software, die zwischen den Betriebssystemen und Applikationen auf Grossrechnern sitzt. Für das aktuelle Quartal erwartet die Oracle-Finanzchefin Safra Catz ein Umsatzplus von 18 bis 21%.

Ein Google für den PC

Nur wenige Analysten wagten einen kritischen zweiten BIick. Matthew Palmer, Analyst bei der Dresdner Bank, kam lediglich auf eine akquisitionsbereinigte Umsatzsteigerung von 18% – und nicht auf die 65%, welche die anderen Analysten bejubelt hatten. Und «langfristig sehen wir das fehlende Engagement im Software-als-Service-Geschäft als Bedrohung an», kommentiert Tom Ernst, Analyst bei der Deutschen Bank.
Genau in diese Lücke sprang tags zuvor SAP mit der Ankündigung eines solchen Softwareangebots Business by Design für kleinere und mittlere Kunden – der laut Chef Henning Kagermann wichtigsten Ankündigung seit langem für SAP. Dieses Softwarevertriebs- und Betriebsmodell gilt als zukunftsträchtig – und entspricht etwa dem, was die Google-Angebote für Privatkunden bedeuten.
Niemand hat heute Suchmaschinen auf dem PC oder Notebook und Industrieanalysten erwarten, dass künftig viele Firmen ihre Buchhaltung online abwickeln werden. Analysten zeigten sich von der umfassenden SAP-Lösung beeindruckt und kritisierten nur die noch viel zu langen System-Antwortzeiten von 3 Sekunden. SAP hatte übrigens im letzten Quartal mit einem Applikations-Umsatzplus von 21% besser abgeschnitten als Oracle, wenn man dessen Zukäufe herausrechnet.
Wo SAP hin möchte, steht mit Salesforce.com bereits ein anderes US-Softwarehaus. Das vom Ex-Oracle-Manager Mark Benioff gegründete Unternehmen verzeichnet nicht nur bei vielen kleineren und mittleren Kunden grosse Erfolge, sondern hat mit Dell, Merrill Lynch und Cisco auch arrivierte Grosskunden mit jeweils mindestens 20000 Usern. Der letzte Quartals-Gesamtumsatz lag mit 177 Mio Dollar um 50% über dem Vorjahreswert und wurde nur organisch erzielt. Mit Cisco-Chef John Chambers hat Benioff einen finanziell sehr potenten und ähnlich tickenden Geschäftspartner gefunden. SAP und Oracle werden laut Analysten noch Jahre brauchen, um zu Salesforce.com aufzuschliessen.

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Stolze Bewertungen

Die Aktienbewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 73 widerspiegelt die hohe Umsatz- und Gewinndynamik. SAP kommt auf 21 und Oracle ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 schon fast ein Schnäppchen. SAP ist für Anleger erste Wahl, Oracle fast ebenso gute zweite. Salesforce.com eignet sich nur für risikofähige Anleger – oder solche mit langem Anlagehorizont. Salesforce.com könnte aber auch bald Konkurrenz an der Börse bekommen. Der kleine Anbieter NetSuite hat ein Angebot, das mit dem jetzt vorgestellten von SAP vergleichbar ist und denkt über einen IPO nach. Einer der Investoren bei NetSuite ist Oracle-CEO Larry Ellison.