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Solarbranche: Asiatische Sonne

Produktion von Suntech: Projekte in der Schweiz.

Gleich vier global führende Konzerne aus China zogen in die Schweiz – wegen der Steuern und der Nähe zum Hauptmarkt Deutschland.

Von Christiane Kühl
am 11.04.2012

Arturo Herrero ist Spanier, arbeitet für einen chinesischen Konzern und wohnt in der Schweiz. Dennoch unterstützt er als Fussballfan die deutsche Nationalmannschaft. Er hat keine ­andere Wahl. Denn sein Arbeitgeber Jinko Solar sponsert das Team. Jinko Solar ist eines der aufstrebenden Energieunternehmen aus China, die den europäischen Markt derzeit aufmischen.

Vom grossen Treck nach Europa profitiert ganz besonders die Schweiz. Gleich vier Solarkonzerne aus der Volksrepublik haben das Land zum Standort ihres Europa-Hauptquartiers erkoren. Jinko Solar eröffnete vor wenigen Monaten die Zentrale in Zug. Suntech sitzt mit 50 Mitarbeitern in Schaffhausen, Trina Solar in Wallisellen ZH und LDK Solar Tech baut sein Hauptquartier für Europa in Zürich auf. Alle gehören sie zur globalen Top-Liga der Hersteller von Solarmodulen.

Während Schweizer Firmen wie Von Roll oder OC Oerlikon dem Solargeschäft gerade den Rücken kehren und Zulieferer wie Meyer Burger in einer Krise stecken, zieht es die chinesischen Branchengrös­sen magisch in die Schweiz. Denn sie wittern in Europa das ganz grosse Geschäft.

Ausschlaggebend für die Schweiz waren die zentrale Lage, das hohe Ausbildungsniveau und die Dreisprachigkeit vieler Menschen, erzählt Jinko-Mann Herrero. Und natürlich die niedrigen Steuern. Das Unternehmen koordiniert von Zug aus die Personalpolitik und Logistik in ganz Europa. Auch Suntech nennt die «zentrale Lage in Europa bei gleichzeitiger Nähe zu Deutschland» als einen wichtigen Grund für die Wahl des Standortes Schweiz. Die Bundesrepublik ist für Solarfirmen – auch jene aus China – der mit ­Abstand grösste Absatzmarkt in Europa. Trina Solar verkaufte 2010 fast jedes vierte Modul nach Deutschland.

Grossprojekte auch in der Schweiz

Chinas Solarkonzerne sind bereits heute in viele europäische Grossprojekte involviert, die früher fest in der Hand westlicher Anbieter gewesen wären. Suntech etwa bestückte gemeinsam mit Siemens Frankreichs grössten Solarpark in Les Mées in der Haute Provence mit gut 67 Megawatt Kapazität. Jinko rüstete nahe der Stadt Ravenna in der Emilia-Romagna das mit 62 Megawatt grösste Solarkraftwerk Italiens aus. Trina Solar belieferte im belgischen Antwerpen die mit 40 Mega­watt Leistung grösste Dach-Photovoltaik-Anlage der Welt.

Auch in der Schweiz sind die Chinesen aktiv. Suntech rüstet das nationale Handballzentrum sowie die Sternwarte in der europäischen Heimbasis Schaffhausen mit Solarzellen aus. Beide Projekte sind noch im Bau. Und Jinko Solar liefert Module für die Universität Luzern.

Die Unternehmen sind in ihrem Fach keine Anfänger. Suntech ist die unangefochtene Nummer eins im weltweiten Solargeschäft. Der aus Australien nach China heimgekehrte Photovoltaik-Ingenieur Shi Zhengrong gründete das Unternehmen 2001 in seiner Heimatstadt Wuxi im Delta des mächtigen Jangtse-Stroms. Seither liefert Suntech nach eigenen Angaben mehr als 20 Millionen Solarmodule für Hausdächer, Gewerbe-Immobilien und Solarkraftwerke in über 80 Ländern. Das Unternehmen kann im Jahr Solarmodule mit 2,4 Gigawatt Leistung produzieren. Die Zeitschrift «Technology Review» des Massachusetts Institute of Technology nahm Suntech in ihre Liste der 50 innovativsten Unternehmen weltweit auf.

Ihren rasanten Aufstieg verdankten Chinas Solarkonzerne zunächst ihren im Vergleich zu europäischen und amerikanischen Konkurrenten günstigeren Preisen. In China kostet Arbeitskraft weniger, zudem fördert die Regierung die Solarbranche – etwa mit günstigen Krediten. Doch der Solarboom wurde auch in Europa – insbesondere in Deutschland – durch grosszügige Subventionen befeuert. Die staatliche Unterstützung führte zu einem beispiellosen Aufbau von Produktions­kapazitäten. Bald resultierte ein Überangebot, was die Preise in den Keller trieb.

Viele europäische Hersteller brachte der Preiszerfall an den Rand oder gar in den Ruin, zuletzt musste etwa die deutsche ­Solarzellenherstellerin Q Cells aufgeben. Die Chinesen litten ebenfalls unter der branchenweiten Krise, konnten die Flaute aber besser wegstecken. Suntech zum Beispiel musste sich letztes Jahr einfach mit einer von 19 auf 12 Prozent gesunkenen Gewinnmarge abfinden.

Gekürzte Subventionen

Doch jetzt kommen in Europa weitere Probleme hinzu. Deutschland und Italien wollen die Subventionen kürzen. Die Euro-Krise erschwert zudem die Finanzierung neuer Solarkraftwerke. Und im März haben die Vereinigten Staaten gar Strafzölle auf chinesische Solarmodule verhängt. Erstmals könnte der Heimmarkt deshalb für die chinesischen Firmen wirklich interessant und wichtig werden.

Trotz allem sieht Suntech-Kommerzchef Andrew Beebe auch in Europa weiter Chancen. Deutschlands neue Politik fördere einen Trend von Solarkraftwerken am Boden hin zu kleineren Anlagen auf dem Dach. «Solarspezialisten steigen ­bereits um und verkaufen direkt an Hausbesitzer in Deutschland», erzählt Beebe. Auch der Schweizer Markt bietet Wachstumschancen. Gemäss Schätzungen des Fachverbands Swisssolar soll sich die in­stallierte Photovoltaik-Leistung von heute 210 Megawatt auf rund 12000 Megawatt vervielfachen. Und die chinesischen Anbieter werden dabei kräftig mitmischen.

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