Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Stimmung in Middle East aus?

Samih Sawiris: Die Stimmung dort ist miserabel. Der Höhenflug wurde abrupt gestoppt, und die Landung war ziemlich hart. Wir erleben nun nicht nur eine Wachstumsverlangsamung, sondern eine Stagnation. Genauso wie hierzulande sind die Aktienmärkte total eingebrochen. Weil in Middle East überdimensionale Gewinne erzielt wurden, sitzt der Schrecken tief.

Wie wirkt sich die Krise konkret aus?

Sawiris: Sie hat zu einer gesunden Ernüchterung geführt. Denn zuvor ist unser Wertesystem durcheinander geraten. Ohne viel Arbeit konnten riesige Gewinne erzielt werden. Es genügte, bei einem geplanten IPO mit dabei zu sein und eine Position zu übernehmen, um diese schon am nächsten Tag mit einem satten Gewinn weiterzuverkaufen. Dabei war es unerheblich, ob man wusste, worum es sich bei der Gesellschaft handelte. Und auch die Käufer der Position konnten nochmals mitverdienen. Mit solchen Transaktionen hat man in kürzester Zeit mehr eingenommen als beispielsweise ein seriöser Arzt, der jeden Tag neun bis zehn Stunden seinen Patienten zur Verfügung steht und über Leben und Tod entscheidet.

Wenig betroffen scheinen dagegen die Staatsfonds, die in angeschlagene Banken wie UBS und Credit Suisse investieren.

Sawiris: Die Staatsfonds haben das Problem, dass sie ihre Gelder aus dem Ölgeschäft anlegen müssen. Zudem sind die Aktien von soliden Banken wie der Credit Suisse inzwischen so billig geworden, dass eine solche Transaktion bald ein gutes Geschäft werden dürfte. Die Staaten haben mit dem Öl so viel Geld verdient, dass sie täglich mehrere hundert Millionen investieren müssen. Dabei regelmässig gute Opportunitäten zu finden, ist schwierig.

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Demnach werden bald weitere vergleichbare Investitionen folgen?

Sawiris: Ja. Zwar ist der Ölpreis deutlich gesunken, doch nach wie vor werden hohe Einnahmen aus dem Erdölverkauf erzielt. Die Renditen und Zinsen decken die Kosten, und die neuen Mittel können in neue Anlagen investiert werden.

Hält der Aufschwung in Middle East an?

Sawiris: Der solide Teil des Aufschwungs wird weitergehen. Aber die Exzesse hören auf. Heute sind die Leute kritischer geworden. Doch die soliden Unternehmer vor Ort werden weiter existieren und gute Geschäfte machen.

Wie schätzen Sie die politischen Risiken in der Region ein?

Sawiris: Man darf die Risiken nicht pauschalisieren. Vergleichen wir mit Europa: Wenn es beispielsweise in Bosnien Probleme gibt, dann wird auch niemand davon abraten, in Deutschland zu investieren. Auch der Nahe Osten besteht aus einzelnen Ländern, die total getrennt und unabhängig voneinander sind. Ich komme, was die Einreisegenehmigung betrifft, zum Beispiel leichter in die Schweiz als nach Libyen oder nach Marokko. Dasselbe gilt auch bei den Investitionen.

Wie beurteilen Sie demnach die Lage in Ihrem Land, Ägypten?

Sawiris: Ägypten hat Probleme. Das Land hat eine überdurchschnittlich hohe Geburtenzunahme. Die Armut ist sehr gross. Die Inflation hat die Leute auf das Niveau von vor sechs Jahren zurückgeworfen. Wenn das ägyptische Volk nicht so friedlich wäre, wie es über Jahrtausende gewesen ist, hätten wir wahrscheinlich inzwischen eine Revolution.

Wo sehen Sie die grössten Chancen für ein Wirtschaftswachstum in Ägypten?

Sawiris: Durch die Verlagerung der Wirtschaft vom Staat zu den Privaten haben wir ein Effizienzniveau erreicht, das uns langsam konkurrenzfähig macht. Ich bin beeindruckt, wie viele Produkte Ägypten plötzlich exportieren kann. Ich hätte mir nie im Leben erträumt, dass wir beispielsweise Busse für umgerechnet hunderte von Millionen Franken exportieren können, ohne Staatssubventionen oder fremde Hilfen.

Wie beurteilen Sie den Immobilienboom der vergangenen Jahre in Dubai?

Sawiris: Der Boom war nicht gesund - es war ein Exzess.

Jetzt ist es in Dubai zur Korrektur gekommen. Wird sie nun weiter anhalten?

Sawiris: Ja. Für andere Länder bin ich allerdings weit weniger pessimistisch.

Inwieweit trifft es Orascom, dass die Immobilienpreise inzwischen weltweit zurückgehen?

Sawiris: Wir haben in den letzten Jahren viele Immobilien verkaufen können, in einigen Ländern mussten wir gar einen Verkaufsstopp anordnen, damit wir auch in den nächsten Jahren noch genügend Wohnungen und Häuser im Angebot haben. Wir müssen uns also keine Sorgen machen. Zudem haben wir genügend eigene Mittel für neue Projekte.

Die Käufer von Ferienhäusern und -wohnungen sind weiterhin vorhanden?

Sawiris: Wir haben in den Büchern mehr Aufträge, als wir alleine verbauen können. Wenn die Nachfrage weiter steigt, müssen wir Projekte an Dritte vergeben. Dies gilt für Ägypten, für Oman und auch für die Emirate. Auch werden wir in den nächsten Jahren mit Sicherheit wachsen, denn die Gewinne aus den Verkäufen von diesem und letztem Jahr werden sich erst 2009 und 2010 in den Büchern niederschlagen. Da diese Verkäufe schon getätigt sind, werden wir auf Gewinn- und Bilanzstufe sicherlich auf Kurs sein. Fraglich ist, ob wir heute genauso gut verkaufen wie in den letzten Jahren. Doch die Signale meiner Leute sind positiv.

Wie werden die Projekte finanziert?

Sawiris: Die planerische Vorbereitung neuer Destinationen wird durch eigene Mittel finanziert, in der Regel durch Aktienkapitalerhöhungen. Gebaut werden die Ferienhäuser und Ferienwohnungen, nachdem sie - ab Plan - verkauft wurden. Wir brauchen also keine Fremdfinanzierung.

Wie kommentieren Sie den Aktienkurs von Orascom?

Sawiris: Rückblickend sind wir in diesem Frühling in einem sehr kritischen Moment an die Schweizer Börse gekommen: Einerseits waren Hedge-Fonds, die bereits in unser Unternehmen in Ägypten investiert waren, wegen Redemptions oder Darlehenstilgungen zu Notverkäufen gezwungen. Anderseits reichte die kurze Zeit bis zum Ausbruch der Finanzkrise nicht, um bei den neuen Investoren in der Schweiz und in Europa seriös Fuss zu fassen. Aber es ist klar: Der aktuelle Aktienkurs hat mit dem eigentlichen Wert der Orascom Development Holding AG und ihren Entwicklungsperspektiven nichts zu tun.

An welchem Punkt steht das Orascom-Projekt in Andermatt?

Sawiris: Der Urner Regierungsrat hat die Quartiergestaltungspläne genehmigt, sodass wir 2009 die ersten Baugesuche einreichen können. Die Bauvorbereitungen laufen, im Frühling 2009 wollen wir mit den Bodensanierungen beginnen.

Haben Sie weitere Projekte in der Pipeline?

Sawiris: Wir nehmen teil an einem Bietverfahren für ein Projekt in Montenegro mit über rund 7 Mio m² Land am Strand. In den nächsten Monaten sollten wir in die Endverhandlungen kommen.

Zurück zu Middle East. Wo stehen die Länder in zehn Jahren?

Sawiris: Saudi-Arabien wird auf dem Stand von heute bleiben, wenn es so weitermacht wie bisher. Die Emirate dagegen werden von Europa bald kaum mehr zu unterscheiden sein. Sie sind auf dem guten Weg, eine moderne, internationale Gesellschaft zu werden. Dasselbe gilt für Bahrain, Katar und Oman.

Und Ägypten?

Sawiris: Die Zukunft von Ägypten ist nicht sehr klar. Unser Präsident ist alt geworden, und wir wissen nicht, wer ihn ersetzt. Deshalb wissen wir nicht, wie die künftige Entwicklung aussehen wird.

Wie soll man in Middle East investieren?

Sawiris: Man muss unbedingt die richtigen Partner finden. Ansonsten kann man böse auf die Nase fallen.

Woran erkennt man diese?

Sawiris: Indem man schaut, was sie bisher geleistet haben. Als Unternehmen muss man Partnerschaften mit Unternehmen eingehen und nicht mit Einzelpersonen. Sonst wird es gefährlich. Es gibt in arabischen Ländern mittlerweile genügend solcher Gesellschaften. Doch vielfach machen zweifelhafte Figuren den ersten Schritt gegenüber potenziellen Investoren. Ich sehe immer wieder ausländische Firmen in diese Falle tappen. Einzelpersonen sind keine Partner, sie sind Mittelsmänner. Wer Mittelsmänner für Investitionen braucht, der liegt schon falsch. Wer nur etwas verkaufen will, der braucht «connections».

In welche Bereiche würden Sie als Finanzinvestor einsteigen?

Sawiris: Zukünftig werden die Immobilien wieder attraktiv werden. Sie haben erstmals eine Flaute und Rückgänge zu durchleben nach den übermässig hohen Preisen, bevor sie wieder attraktiv werden. Interessante Länder werden Marokko oder Oman, Jordanien oder Ägypten sein. Etwas länger wird es in Dubai dauern, wegen der hohen Anzahl an Immobilienprojekten. Auch die Aktienmärkte müssen sich erst wieder stabilisieren. Aber dies wird geschehen, wenn sich die Weltmärkte wieder erholen.