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Tourismus
«Sommerfrisch»: Sanftes Klima als Standortvorteil

Stanserhorn: Mit der Cabrio-Bahn den Sommer rentabilisiert. Stanserhorn.ch

In tieferen Lagen werden die Wintersport-Verhältnisse unsicherer. Destinationen müssen umdenken – und eine heikle Wetter-Wette wagen.

Von Andreas Güntert
am 25.11.2015

In Paris startet die UNO-Klimakonferenz. Zwei Auswirkungen der Klimaerwärmung, schrumpfende Gletscherzungen in den Alpen und erhöhte Temperaturen im Hochhaus-Gewimmel der Mega-Metropolen der Welt, sind auch Tendenzen, die den Schweizer Tourismus beeinflussen werden.

Für das klassische Tourismusland Schweiz wird sich der Klimawandel je nach Saison allerdings sehr unterschiedlich auswirken. Im Sommer eher positiv, im Winter für Destinationen in tieferen Lagen negativ. So sieht es die Berner Spezialistin Therese Lehmann in ihrem Basis­szenario: «Von Frühling bis Herbst kann die Klimaveränderung Chancen bieten. Durch wärmere Temperaturen beginnt beispielsweise die Outdoor-Saison früher und dauert länger. Städte und Seelagen könnten von einer gewissen Mediterranisierung profitieren, in den Alpen stellt die Sommerfrische einen Vorteil dar.»

«Sommerfrische» als Vorteil

Mit der «Sommerfrische» bringt die stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern einen Vorteil ins Spiel, an den Schweizer kaum je denken. Für Touristen aus Wachstumsmärkten wie Südostasien oder den Arabischen Emiraten dürfte es aber ein wichtiges Destinationsmerkmal sein: Wenn die Temperaturen, etwa in chinesischen Stadt-Molochen, immer unerträglicher werden, kann die Schweiz mit sanfterem Klima, mit ihrer Berg- oder Sommerfrische punkten.

Gerade für Destinationen in tieferen Lagen kann das ein Aktivposten werden. Denn für Orte, die nicht hoch­alpin liegen, werden die Winter künftig zur ökonomischen Herausforderung. So sieht es Lehmanns Winterszenario: «Durch die ­Erhöhung der Schneesicherheitslinie wird die Erhaltung einer ausreichenden Schneedecke in Lagen zwischen 1000 und 2000 Metern über Meer schwierig. Die ­hohen Kosten, welche die technische Beschneiung bringt, lassen sich kaum vollständig auf Bergbahn- und Skilift-Tickets überwälzen, zumal der Skisport-Markt tendenziell rückläufig ist.»

Klimawandel Die Erde wird immer wärmer. Diesen Dezember diskutiert die Welt in Paris, wie sie den Temperaturanstieg bremsen will. Es ist die wichtigste Konferenz seit 2009. Was dort beschlossen wird, trifft auch die Wirtschaft: Für sie ist der Klimawandel ein Risiko und eine Chance zugleich. Welche Folgen sich für Schweizer Firmen ergeben, beleuchtet die «Handelszeitung» in einer siebenteiligen Serie.
Teil 1: Der Klimawandel als Chance für die Schweizer Wirtschaft
Teil 2: Pflanzen-Stress: Apps gegen den Klimawandel
Teil 3: Klimarisiken: Wenn es Geld statt Wunschwetter gibt
Teil 4: «Sommerfrisch»: Sanftes Klima als Standortvorteil
Teil 5: Das grosse Reinemachen bei der Klimatechnik
Teil 6: Energie aus neuen Quellen
Teil 7: Die Schlüsselrolle der Banken
 

Hoher Wasserverbrauch

Wer sich in tieferen Lagen mit der künstlichen Beschneiung helfen will, muss gewaltige Quellen anzapfen. In der Regel rechnet man damit, dass 1 Kilometer Beschneiungsanlage Investitionen von rund 1 Million Franken verschlingt. Dazu gesellen sich jährliche Unterhaltskosten pro Kilometer und Saison von gegen 30 000 Franken. Aufgrund der Klima­risiken dürften sich zudem auch die ­Finanzierungskosten erhöhen.

So wie Lehmann sieht es auch Touris­tikexperte Jürg Stettler: «Gerade im Winter wird es markant teurer, das System Tourismus zu erhalten – das gilt für Investitions- und Betriebskosten.» Der Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern schlägt einen Saison-Switch vor: «Destinationen in mittelhohen Lagen sollten ihr Bergangebot vermehrt für die Zeit von Frühling bis Herbst ausbauen, als innovative, positive Erlebniswelten mit Top-Qualität.» Es gehe nicht darum, den Europapark am Berg zu kopieren, sondern «die spezifischen Besonderheiten des Standorts zu inszenieren».

Nidwalder Stanserhorn als Musterbeispiel

Was das bedeuten kann, zeigt etwa das Nidwaldner Stanserhorn, bisher kein Trophäenberg der Asiaten, beispielhaft vor. Indem man die weltweit erste Seilbahn mit offenem Oberdeck einführte, schuf man eine Innovation, die sich auszahlt. 2015 schreibt man das erfolgreichste Jahr der 122-jährigen Geschichte der Bahn.

Doch der Winter-Sommer-Switch hat seine Tücken. Schweiz Tourismus schätzt, dass Berggebiete in der Wintersaison – etwa durch höhere Hotelpreise und stärkere Bergbahnnutzung – zwischen 60 und 70 Prozent der touristischen Wertschöpfung eines ganzen Jahres erwirtschaften. Der Saisonwechsel brauche Weitsicht, sagt Stettler: «Wenn man nun verstärkt für das Sommergeschäft aufrüstet, können damit die rückläufigen Wintereinnahmen kurzfristig nur schwer kompensiert ­werden.»

Kaum Höhenvorteil

Trotzdem müssen tiefer gelegene Destinationen aktiv werden. Gewisse nationale Befindlichkeiten jedenfalls bringen nichts. Etwa die weit verbreitete Ansicht, dass Österreich wegen seiner tiefer gelegenen Schneesport-Gebiete härter vom Klimawandel getroffen werde als die Schweiz.

Stettler sagt, dass das nur bedingt stimme: «Das Schweizer Klima ist stärker vom Mittelmeer, dasjenige in Österreich aber vom sibirischen Tief beeinflusst. Der vermeintliche Schweizer Höhenvorteil ist viel geringer, als man meint.»

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