Nächste Woche geht es für den neuen Sonova-Chef richtig los. Zuerst stellt Lukas Braunschweiler in Stäfa das Halbjahresresultat im Detail vor. Dann bricht der 55-Jährige vom Hauptsitz zu einer mehrtägigen Reise mit Investorenpräsentationen in New York, Boston, London und Zürich auf.

Inoffiziell war Braunschweiler aber bereits für Sonova unterwegs, als er noch für den staatlichen Industriekonzern Ruag arbeitete. So konnte man ihn etwa im Oktober beobachten, wie er mit Präsident Robert Spoerry leger über das Messegelände des grossen Hörgeräteakustiker-Kongresses in Nürnberg schlenderte. Die Veranstaltung gilt als das wichtigste jährliche Treffen der Branche in Europa. Hier präsentieren die Hersteller ihre Innovationen. Hier vertiefen sie die Kontakte zu den Kunden. Vieles findet am Rande statt – bei einem guten Essen oder einem Glas Wein.

Für Braunschweiler war es Neuland. Er hatte sich als Ruag-Chef in den vergangenen zwei Jahren mit Flugtechnik und Militärischem befasst. Umstrittene Waffenlieferungen in arabische Länder – und nicht Hörschäden – hielten ihn auf Trab.

Vertrauen zurückgewinnen

Umso wichtiger war es für ihn, in Nürnberg mit dabei zu sein. Hier konnte er aus erster Hand von Akustikern, Konkurrenten und dem Sonova-Präsidenten erfahren, wie es um den angeschlagenen Branchenführer wirklich steht. Zuletzt hatte der Hörgerätekonzern weniger mit innovativen Produkten als mit einem Rückruf, einer Gewinnwarnung und einem Insiderskandal von sich reden gemacht. In der Folge musste der charismatische und lange erfolgreiche Konzernchef Valentin Chapero zurücktreten (siehe Kasten). Seinem Nachfolger fällt jetzt die schwierige Aufgabe zu, das verloren gegangene Vertrauen in Sonova zurückzugewinnen.

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Auf Braunschweiler wartet viel Arbeit. Der Branchenfremde, der von Bekannten als «sehr ehrgeizig» beschrieben wird, muss sich nicht nur schnell mit den verschiedensten Hörsystemen und einem dynamischen Zukunftsmarkt vertraut machen. Der ehemalige Artillerie-Hauptmann der Schweizer Armee trifft in Stäfa auch auf eine komplett andere Firmenkultur als er sie vom Rüstungskonzern Ruag kennt. Der Umgang ist locker. Vom Lehrling bis zum Chef sind fast alle per Du. Türen gibt es praktisch keine.

Probleme gab es aber sehr wohl. So berichten Kenner der Verhältnisse, dass es trotz der Offenheit wiederholt zu dummen Kommunikationspannen kam. Chapero wollte «alle Fäden in der Hand» behalten. Überall soll er mitgeredet haben. Manager erfuhren oft erst über Umwege, was sie eigentlich direkt betraf. Heikel wurde es, als Chapero immer mehr aufs Tempo drückte und mit zwei Firmenkäufen auch neue Probleme ins Haus holte. «Irgendwann haben wir einfach zu viel gemacht», erzählt einer, der sich auskennt. «So haben wir gewisse Entwicklungen im normalen Hörgerätegeschäft nicht mehr gesehen.»

Das muss Braunschweiler ändern. Laut Weggefährten bringt er dazu aber die besten Voraussetzungen mit. Der Schnelldenker gilt «als guter Kommunikator mit klarem Fokus». Hierarchien werden nicht wild übersprungen. Auch soll es der Manager verstehen, Untergebene zum Führen zu ermächtigen und ihnen Inputs zu geben. Braunschweiler soll einen «integrierenden Führungsstil» pflegen. Rapportiert wird aber wieder zurück an ihn.

Investoren werden hiervon wenig spüren. Um das lädierte Sonova-Image bei ihnen wieder aufzupolieren, müssen Zahlen und Ausblick stimmen. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist dabei die Innovation. Sonova ist ein Konzern, der weit mehr als zwei Drittel seines Jahresumsatzes von zuletzt 1,546 Milliarden Franken mit Produkten erzielt, die jünger als zwei Jahre alt sind. Da muss Braunschweiler anknüpfen.

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Nach dem Dämpfer vom Frühling sieht es für den Marktführer aber gar nicht mehr so schlecht aus. So überzeugte Sonova im 1. Halbjahr 2011/12 im Hauptgeschäft mit konventionellen Hörhilfen mit einem organischen Wachstum von 7 Prozent. Sonova konnte also wieder Marktanteile gewinnen – und das, obwohl die ganze Industrie nicht viel von der Krise spürt und Hörgeräte anders als etwa Dentalimplantate wegen weitreichender Kostenübernahme durch die staatlichen Sozialversicherungen auch rege bei den anderen Anbietern wie William Demant, Widex oder GN Resound gekauft wurden.

«Sonova ist wieder überraschend stark unterwegs», meint deshalb Vontobel-Analyst Daniel Jelovcan. Auch mit der Innovationskraft ist er zufrieden. An der Messe in Nürnberg machte Sonova nicht nur mit einem miniaturisierten «Phonak nano» von sich reden. Der Konzern stellte auch neue wasser- und staubresistente Mikrogehäuse für verschiedene Phonak-Modelle vor. Auch im billigeren Markensegment Unitron präsentierte Sonova neue Lösungen.

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Türklinken putzen

Entscheidend wird aber sein, wie diese Innovationen von den Akustikern akzeptiert werden. Sie sind es letzten Endes, die die Produkte an die Hörgeschädigten verkaufen. «Da lohnt es sich für die Hersteller, Türklinken zu putzen», sagt ein Marktkenner. Am liebsten hätten es die Akustiker, wenn die Konzernchefs gleich persönlich bei ihnen in den Läden vorbeikämen.

Den Wettbewerbshütern ist diese Nähe natürlich ein Dorn im Auge. Im Markt werden solche Tipps jedoch durchaus gehört. Schliesslich investieren die Firmen Millionen in immer raffiniertere technische Lösungen. Die Geräte werden nicht nur immer kleiner und schneller. Sie lassen sich zunehmend auch mit anderen Hightech-Computern wie Smartphones vernetzen. Die Akustiker als Detailhändler müssen diese Innovationen verstehen und toll finden – nur so preisen sie diese dann den Hörbehinderten an.

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Sorgenkind mit Rückenwind

Sonova behauptet sich seit langem als Weltmarktführer mit dem leistungsstärksten Portfolio branchenweit. «Diesen Technologievorteil gilt es zu verteidigen», sagt Finanzanalyst Christoph Gretler von der Credit Suisse. Die Produktepalette müsse auch in Zukunft frisch und der Vorsprung auf die Konkurrenz erhalten bleiben.

Manchmal machen es einem die Wettbewerber jedoch auch leicht, sich zu profilieren. So profitiert Sonova im Geschäft mit Innenohr-Prothesen derzeit von einem Rückruf von Hauptrivale Cochlear.

Nachdem sich Sonova bei ihrer Hörimplantate-Tochter Advanced Bionics vor einem Jahr zu einem solchen Schritt genötigt sah, kämpft nun also der australische Anbieter und Marktleader mit Problemen. Die Innenohr-Prothesen von Sonova sind inzwischen aber auch in den USA wieder auf dem Markt. Das Potenzial in diesem Segment gilt als unverändert hoch.

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Braunschweilers Aufgabe ist es nun, es auszuschöpfen. Die Roadshow in den USA und in Europa ist der erste Schritt dazu.

 

Chronologie der Vertrauenskrise: Insider-Skandal mit unabsehbaren Folgen


Ex-Chef Valentin Chapero (links) und Firmenpatron Andy Rhis

Schnell, gut und erfolgreich
Lange gab es für Sonova nur Positives zu berichten. Der Hörgeräte-Hersteller lancierte fürs Ohr nicht nur immer schnellere kleine Hightech-Computer und meldete tolle Absatzzahlen. Mit dem Zukauf zweier Firmen schien der Schweizer Konzern zunächst auch erfolgreich ins Geschäft mit äusserlich unsichtbaren Hörhilfen und Innenohr-Prothesen vorzustossen.

Unerwarteter Rückruf
Doch dann kam der Schock. Beim eben erst gekauften Hörimplantate-Produzenten Advanced Bionics tauchten Probleme auf – und so sah sich der erfolgsverwöhnte Weltmarktführer mit dem leistungsstärksten Portfolio der gesamten Branche Ende vergangenen Jahres plötzlich zu einer schmerzhaften Rückrufaktion mit unabsehbaren Folgen gezwungen.

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Überraschende Gewinnwarnung
Mitte März 2011 folgte für alle überraschend dann die Gewinnwarnung. Nicht nur der Rückruf der Innenohr-Implantate, auch der starke Franken sowie ein verzögertes Umsatzwachstum bei den konventionellen Hörgeräten machten dem Technologiekonzern zu schaffen.

Schwere Versäumnisse
Das alles reichte aber nicht, um den Konzern aus Stäfa ZH in die grösste Vertrauenskrise seiner Geschichte zu stürzen. Der Fehler der Manager war, dass sie die Gewinnwarnung viel zu spät publizierten und es zudem versäumten, für ihre eigenen Aktien und Optionen eine Handelssperre einzuführen. So kam es in den Tagen vor der Gewinnwarnung zu gehäuften Verkäufen, welche «nicht hätten stattfinden dürfen», wie Sonova Ende März einräumte. Unternehmschef Valentin Chapero und Finanzchef Oliver Walker mussten den Konzern per sofort verlassen. Sonova-Mitbegründer und Grossaktionär Andy Rihs gab das Amt des Verwaltungsratspräsidenten ab.

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Harte Vorwürfe
Unklar ist allerdings bis heute, wer vor Publikation der Gewinnwarnung wie viel wusste. Rihs sagt, er habe damals sein Aktienpaket im guten Glauben verkauft und keineswegs kursrelevante Informationen besessen. Sein Rücktritt als Präsident erfolge aus einer «Mitverantwortung für die Versäumnisse, die passiert sind». Seine 300'000 Sonova- Aktien nahm Rihs zum Verkaufspreis zurück. Unter Insider-Verdacht gerieten auch diverse Sonova-Manager und so analysieren die Schweizer Börse und die Zürcher Staatsanwaltschaft bis heute die Umstände, die bei der einstigen Vorzeigefirma zum Kursverlust von über 20 Prozent führten.

Schwierige Beweislast
Viele Verdachtsfälle von Verstössen gegen die Insider- Strafnorm scheitern an der Beweislast. Im Fall Sonova ist allerdings noch nicht einmal klar, wie lange die Ermittlungen von Börse und Staatsanwaltschaft noch dauern. Unbestritten ist lediglich, dass die Vorfälle vom letzten Frühling nicht nur dem Hörgeräte-Hersteller einen Imageverlust zugefügt haben. Solange die Untersuchungen andauern, werden es auch Chapero und Walker schwer haben, eine neue Anstellung zu finden.

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