«Die Finanzkrise, die Entwicklungen in den USA und ihre Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind die derzeitigen Hauptthemen in den Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA», sagt Monika Rühl Burzi, Botschafterin und Chefin Leistungsbereich Bilaterale Beziehungen im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Diese Sorge trifft die Schweizer Unternehmen in besonderem Ausmasse, denn jeder zweite Franken wird im Ausland verdient.

«Wir müssen uns bemühen»

In Bezug auf die USA heisst es für Schweizer Politiker und Unternehmer, dass sie sich in den nächsten Jahren auf einiges gefasst machen müssen. Denn: «Die USA sind bei uns präsenter als die Schweiz in der US-Verwaltung», sagt Thomas Pletscher, Geschäftsleitungsmitglied des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Das heisst: Es liegt an der Schweiz, sich aktiv für ein gutes Verhältnis zur grössten Volkswirtschaft der Welt zu engagieren. Pletscher: «Wir müssen uns bemühen, wenn wir etwas von den USA wollen.»

Ein Grossteil der Schweizer Firmen trauert nach wie vor dem 2006 nicht zustande gekommenen Freihandelsabkommen mit den USA nach. «Zwar haben sich die bilateralen Beziehungen seither nicht massiv verschlechtert», stellt Pletscher fest, doch seien grosse Businessopportunitäten verpasst worden; zudem hätte man die Grössenverhältnisse zu den USA verkleinern können.

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Martin Naville, CEO der Swiss-American Chamber of Commerce, stellt in vielen US-Ämtern eine generelle Verärgerung über die Schweiz fest. Sie könnten nicht nachvollziehen, dass die Schweiz eine derartige Chance habe vorbeiziehen lassen. Die Folge: Die Situation der Schweiz sei schwieriger geworden. Angesichts der Annäherungen zwischen der EU und den USA, nicht zuletzt auch wegen der Finanzkrise, könne die Schweiz im besten Fall das Ausgehandelte nachvollziehen. Allerdings ist die Schweiz in den letzten zwei Jahren nicht untätig geblieben. 2006 wurde das Kooperationsforum Schweiz-USA für Handel und Investition gegründet, das gegenwärtig an fünf Themen arbeitet: Zusammenarbeit im Bereich des elektronischen Handels;

Schaffen neuer Rahmenbedingungen für die Übermittlung von personenbezogenen Daten von Firmen aus der Schweiz an Firmen in den USA;

Verhandlungen über ein plurilaterales Abkommen zur Bekämpfung von Fälschung und Piraterie im Bereich geistiger Eigentumsrechte; Handel und Sicherheit;

Aufhebung des US-Importverbots für Schweizer Fleisch.

Bundesrätin Doris Leuthard hat vor knapp drei Wochen mit Susan Schwab, der US-Handelsbeauftragten, eine Erklärung über den elektronischen Handel unterzeichnet. Für Naville ist es wichtig, dass die Schweiz diese Diskussionsplattformen mit der nächsten US-Administration am Leben erhält, denn die Resultate der letzten Jahre seien «eher bescheiden».

Botschafterin Rühl Burzi ruft in Erinnerung, dass die USA für die Schweiz einer der bedeutendsten Wirtschaftspartner bleiben: Nummer eins für Schweizer Direktinvestitionen und Nummer zwei als Exportdestination. Doch die Zukunft ist laut der Seco-Expertin durch Unsicherheit geprägt. Von Januar bis September 2008 sind Schweizer Exporte in die USA um 1,6% gewachsen, Schweizer Importe aus den USA jedoch um 4,1% gesunken. Darüber hinaus müsse der nächste US-Präsident das grosse Handelsdefizit reduzieren und die US-Ersparnisse erhöhen. «Das wird auch Konsequenzen für Schweizer Exporteure nach sich ziehen», sagt Rühl Burzi.

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Gemäss Angaben des Seco zeigen sich Schweizer Unternehmen ferner besorgt über die laufend neuen unilateralen Sicherheitsmassnahmen in den USA (siehe «Nachgefragt» auf dieser Seite) und die starken Schwankungen des Dollarkurses.

 

 

NACHGEFRAGT


«Protektionismus und Regulierung nehmen zu»

Der CEO der Swiss-American Chamber of Commerce, Martin Naville, über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA.

Was dürfen die Schweizer Unternehmen vom nächsten US-Präsidenten erwarten?

Martin Naville: Generell wird der nächste Präsident wenig Spielraum haben. Die jüngste Vergangenheit mit zwei Kriegen, der Kreditkrise und dem Aufräumen nach den verschiedenen Rettungspaketen wird ihn in den kommenden Monaten stark in Anspruch nehmen.

In welchen Bereichen erwarten Sie am meisten Veränderungen?

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Naville: Der Regulierungsdruck wird sicher massiv zunehmen, ebenso der protektionistische Druck. Die Pharmaindustrie und der Finanzsektor, also die Banken und die Versicherungen, werden sich auf härtere Zeiten einstellen müssen. Kommt hinzu, dass die Sicherheitsstandards für Zulieferfirmen nicht einfacher werden.

Woran denken Sie?

Naville: Zum einen müssen in dreieinhalb Jahren sämtliche Container mit Destination USA durchleuchtet und kontrolliert werden. Zudem sorgen die Visa-Vorschriften immer noch für Schwierigkeiten und Ärger, namentlich die Verfügbarkeit von Visa für kurzfristige Arbeitsbewilligungen in die USA. Mit dem Electronic System of Travel Authorization, mit dem sich Geschäftsleute und Touristen für visafreie Reisen voranmelden können, kommt eine weitere Erschwerung hinzu.

Also nur eine Teilentwarnung im Bereich der Sicherheit?

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Naville: Ich erachte die US-Sicherheitskontrollen, so verständlich sie auch sind, tendenziell als grosses Problem für den freien Verkehr von Personen, Gütern, Services und Investitionen. Damit ist nicht nur die Schweiz konfrontiert.

Wie stark wird die Finanzkrise die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA beeinflussen?

Naville: Das bilaterale Verhältnis dürfte kaum beeinträchtigt werden, weil beide Länder überdurchschnittlich hart getroffen wurden. Indes könnten die Themen Bankgeheimnis und Steuern die Beziehungen belasten.