Herr Hinrichs, wie nimmt Standard&Poor's in der Schuldenkrise seine gesellschaftspolitische Verantwortung wahr?

Torsten Hinrichs: Wir sind uns der gesellschaftlichen Auswirkungen der Downgradings sehr wohl bewusst. Aus diesem Grund gehen wir sehr sorgfältig vor und bemühen uns, die qualitativen Anforderungen der herausgegebenen Ratings und die Transparenz unserer Arbeit ständig zu verbessern. Marktteilnehmer und die breite Bevölkerung können sich darauf verlassen; wir werden unsere Meinung erst dann kundtun, wenn wir analytisch zum Schluss kommen, die Ratings adjustieren zu müssen. 

Demonstrationen auf den Strassen, politischer Druck - wie unabhängig können Sie heute überhaupt noch agieren?

Die Unabhängigkeit ist einer der Grundpfeiler unseres Geschäftsmodells. Wir fühlen uns deshalb von Politik und Wirtschaft frei. Das verleiht den Ratings von Standard & Poor's eine hohe Glaubwürdigkeit und einen Mehrwert auf den Kapitalmärkten. 
Wenn wir damit beginnen, unsere Entscheidungen von äusseren Einflüssen abhängig zu machen, würden wir zum Spielball von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Dazu bieten wir nicht Hand.

Wirklich? Die Ratingagenturen lassen sich für die erstellten Kreditbewertungen von Unternehmen und Staaten bezahlen. 

Kein Geschäftsmodell ist frei von potentiellen Interessenskonflikten. Überall wo Geld fliesst, egal ob die Ratings von Investoren, Emittenten oder Staaten herausgegeben werden. Wichtig ist, diese Interessenskonflikte transparent zu machen und ihnen wirkungsvoll zu begegnen.

Das genügt einigen Politikern aber nicht. Sie wollen eine staatlich organisierte Ratingagentur. 

Glauben Sie wirklich, dass eine von der EU staatlich finanzierte Ratingagentur während der Schuldenkrise zu objektiveren Urteilen gekommen wäre? Wohl kaum. Sie müssen sich vor Augen führen, dass Staaten gleichzeitig Investoren, Gesetzgeber, Emittenten und Oberaufseher über die Märkte sind. Da türmen sich gleich vier potentielle Interessenskonflikte auf. 

Das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie zu den finanziellen Profiteuren der Schuldenkrise gehören. Staatliche Agenturen hätten dieses Problem nicht. 
Wir sehen uns überhaupt nicht als Gewinner der Krise. Es stimmt zwar, dass die Nachfrage für Ratings von Firmen und Staaten in Europa in den vergangenen Monaten kräftig angestiegen ist. Andererseits gingen die Aufträge zur Bewertung von strukturierten Produkten kräftig zurück.

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Als weiterer Vorwurf steht im Raum, Standard & Poor's, Fitch und Moody's würden von den Regierungen in Washington und London gesteuert, weil diese ein Interesse an einem schwachen Euro hätten. 
Diese Verschwörungstheorie entbehrt jeglicher Grundlage. Wir verfolgen keine politische Agenda. Unsere Aufgabe ist es, Märkte und Anleger mit vorwärts gerichteten Meinungen zur Zahlungsfähigkeit von Staaten und Unternehmen zu versorgen.

Sie müssen sich auch deshalb kritische Fragen gefallen lassen, weil Ratingagenturen während der Finanzkrise durch Abwesenheit glänzten.

Tatsächlich lagen unseren Ratings im US-Häusermarkt Annahmen zugrunde, die in dieser Form nicht eingetroffen sind. Das hat letztlich zu weit stärkeren Herabstufungen geführt als im historischen Vergleich zu erwarten gewesen ist. Fakt ist aber auch, dass jeder Marktteilnehmer von den gleichen Erwartungen ausging und die Problematik eng auf den US-Häusermarkt begrenzt war. Die Ratings aller anderen Anlageklassen, in Europa oder den USA, haben sich erwartungsgemäss verhalten. 

Wie können Sie nach dieser fatalen Fehleinschätzung sicher sein, dass Ihre Ratings heute korrekt sind? 



Wir haben unsere mathematisch-statistischen Verfahren, welche die Grundlage von Verbriefungsratings bilden, überarbeitet. Wir vergewissern uns, dass die Banken, die Kredite bündeln und verkaufen wollen, sich selbst ein zutreffendes Bild über die Qualität der Schuldner machen konnten und diese Daten auch zur Verfügung stellen. Wenn wir hiervon nicht überzeugt sind, lehnen wir das Rating ab. Desweiteren haben wir eine stärkere organisatorische Trennung zwischen Analyse, Erstellung und Kontrolle der erstellten Ratings und schärfere Compliance-Anforderungen eingeführt.

Welche Vorschläge macht Standard & Poor's, um die Schuldenkrise zu bewältigen?
Es geht nicht darum, was Standard & Poor's will. Wir sind nicht der Massstab. Unsere Rolle ist es, zu beobachten und zu bewerten, und zwar anhand unserer veröffentlichten Ratingkriterien. Ganz abgesehen davon verbietet uns die internationale und europäische Rechtslage, zu beraten und aktiv Vorschläge zu unterbreiten. 

Stehlen Sie sich mit dieser Aussage nicht zu leicht aus der Verantwortung?

Selbstverständlich berücksichtigen wir die Anstrengungen der letzten Monate und haben dies in unseren Analysen - etwa zu Italien - auch explizit erwähnt. Allerdings haben wir auch darauf hingewiesen, dass es gemäss unserer Ratingmethodik vorteilhaft wäre, wenn neben den beschlossenen Sparmassnahmen das Thema Wirtschaftsimpulse stärker in den Fokus rückt. Darüber hinaus sollte der Einfluss von Ratings auf die Preisgestaltung von Anleihen nicht überbewertet werden. Frankreich konnte sich trotz Downgrade auf dem Kapitalmarkt problemlos refinanzieren