Das Lebengeschäft wird durch die tiefen Zinsen belastet, im Nichtlebenbereich befinden sich die Prämien im Sinkflug und an den Kapitalmärkten lässt sich auch kaum Geld verdienen. Wovon lebt eine Versicherung derzeit überhaupt?

Manfred Knof: Klar ist, dass die drei für die Versicherer wichtigen Einnahmenquellen - Einkommen aus Lebensversicherungen, aus der Nichtlebensparte und aus Kapitalerträgen - teilweise am Versiegen sind. Eine Konsequenz für mich ist, dass die Prämien im Nichtlebenbereich steigen müssen. Offen bleibt aber, wer den ersten Schritt macht. Die Anbieter belauern sich derzeit noch, da jeder weitere Marktanteile gewinnen möchte.

Wann werden die Prämien spätestens steigen müssen?

Knof: Das ist abhängig von den Aktienmärkten. Je schlechter diese performen, umso eher werden die Versicherer auf eine Prämienerhöhung angewiesen sein. Zudem spielt auch die Schadenentwicklung eine wichtige Rolle. In den letzten Jahren konnten die Versicherer unter anderem auch deshalb gute versicherungstechnische Ergebnisse ausweisen, weil grosse Naturkatastrophen ausgeblieben sind.

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Welches Unwetterrisiko sehen Sie für die Schweiz?

Knof: Die Schweiz ist sehr exponiert, was Naturkatastrophen angeht. Es braucht nicht viel, bis ganze Landesteile unter Wasser stehen. Zudem bereiten uns Hagelschläge Sorgen. Während es in den vergangenen zwei Jahren kaum hagelte, hatten wir in diesem Jahr schon zwei grosse Hagelzüge.

Werden Sie die Combined Ratio - also die Schaden-/Kostenquote - auf dem guten Niveau von 93,2% halten können?

Knof: Unsere Combined Ratio kommt unter Druck. So verzeichneten wir bereits im Winter eine steigende Schadenfrequenz. Dazu kommt die Teuerung. Aber auch die Rezession hat einen Einfluss auf die Combined Ratio. So steigt beispielsweise der Altwagenbestand, was höhere Reparaturkosten zur Folge hat. Im Unfall- und Krankenbereich steigen in Rezessionszeiten die Zahl der Invaliditätsfälle und Krankheitsanmeldungen.

Seit Längerem herrscht weltweit ein tiefes Zinsniveau. Wie schlecht steht es um das Lebengeschäft?

Knof: Es gibt keinen Grund zur Panik, weil alle Versicherer auch über mehrere Jahre eine Niedrigzinsphase durchstehen können. Aber es ist natürlich klar, dass die Profitabilität leidet.

Erreichen Sie Ihre Zielsetzung, zur Nummer drei in der Schweiz heranzuwachsen?

Knof: Wir sind auf gutem Weg. Im Nichtlebenbereich sind wir mit der Mobiliar praktisch auf gleicher Höhe und im Lebensversicherungsbereich haben wir im letzten Jahr einen Platz gutgemacht. Wir haben aber bewusst etwas Gas weggenommen.

Also ist das angestrebte Wachstum vorübergehend auf Eis gelegt?

Knof: Es ist nicht aus den Augen, aber es steht aufgrund der erschwerten Wirtschaftssituation im Moment nicht mehr im Vordergrund. Ich bin überzeugt, dass wir dank unseres Kostensparprogramms gestärkt, und hoffentlich stärker als die Konkurrenz, aus der Krise hervorgehen werden. Dann werden wir das Gaspedal wieder durchdrücken.

Ist Allianz Suisse auf Kurs?

Knof: Sofern nichts Ungewöhnliches passiert, gehe ich davon aus, dass wir bei aktuellem Geschäftsverlauf gut über die Runden kommen. Das Schwergewicht hat sich aber auch für uns verändert. Während wir in den vergangenen drei bis vier Jahren bei guten Ergebnissen überdurchschnittlich gewachsen sind, steht jetzt die Haltung und Sicherung der Profitabilität im Vordergrund. Daher haben wir im Januar unser «Fit-Programm» lanciert, das den Kundenservice erhöht und Kosten von jährlich 50 Mio Fr. einspart. Das wird unsere Kostenstruktur im Markt erheblich verbessern.

Daher auch der Umzug nach Wallisellen im Jahr 2012 oder 2013?

Knof: Das wird noch einen zusätzlichen Spareffekt bringen. Die Lage hier in der City ist sehr teuer und nicht zwingend erforderlich. Selbst Kunden fragen mich, warum die Allianz Suisse in der Nähe der Bahnhofstrasse, auf dem teuersten Boden der Schweiz, angesiedelt sein muss. Unser Geschäft wird ja in der Regel nicht hier, sondern direkt beim Kunden oder über das Internet abgeschlossen.

Kommt beim Umzug nicht doch ein bisschen Wehmut auf?

Knof: Nein, das ist nicht die Frage. Weil wir auf drei Standorte innerhalb der Stadt Zürich verteilt sind, gibt es viele Synergie- und Zeitverluste wegen der Pendlerei. Zudem entsprechen die Einteilung und die Arbeitsflächen in unseren bestehenden Gebäuden nicht mehr den Anforderungen einer modernen Arbeitskultur.

Zurück zum operativen Versicherungsgeschäft. Welche Sparte ist im Nichtlebenbereich derzeit interessanter - Motorfahrzeug- oder Hausratversicherungen?

Knof: Beide Sparten sind wichtig für Allianz Suisse. In der Hausratversicherung ist die Profitabilität höher. In Anbetracht des Volumens aber ist die Motorfahrzeugversicherung interessanter. Aber ich möchte das gar nicht auseinander dividieren. Der Kunde braucht beides. Deshalb macht es keinen Sinn, sich auf eine Sparte zu konzentrieren.

Also wollen Sie in beiden Sparten wachsen?

Knof: Zuerst wollen wir sicherstellen, dass wir in beiden Bereichen Geld verdienen. Natürlich wollen wir auch wachsen, und das tun wir auch: Sowohl in der Hausrat- als auch in der Motorfahrzeugversicherung legen wir schneller als der Markt zu. Nur die Geschwindigkeit hat sich in der letzten Zeit verlangsamt.

Die Allianz Suisse vergibt auch Hypotheken. Macht das für einen Versicherer Sinn?

Knof: Im Wesentlichen beschränken wir uns beim Hypothekengeschäft auf Wohnliegenschaften. Bei den Beleihungssätzen gibt es aufsichtsrechtliche Vorgaben. Wir machen auch keine Luxusprojekte. Dadurch sind bestimmte Risikosegmente und -klassen ausgeschlossen. Umso mehr können wir unseren Privatkunden attraktive und wettbewerbsfähige Konditionen anbieten. Da die Hypotheken oft mit einer Lebensversicherung kombiniert werden, ist die Vergabe für uns ein sehr wichtiges Instrument zur Kundenbindung.

Konkurrentin Helvetia generiert den Abschluss von Lebensversicherungen unter anderem über die Raiffeisen-Kooperation. Wäre für Sie eine ähnliche Partnerschaft sinnvoll?

Knof: Wir betreiben keine exklusive Bankpartnerschaft analog zur Helvetia. Ich glaube, in der Schweiz ist die Kooperation zwischen Banken und Versicherern nach wie vor schwierig. In Deutschland oder Frankreich funktionieren sie auch deshalb gut, weil dort beispielsweise Lebensversicherungen als Anlageprodukte gelten und steuerlich begünstigt sind. In der Schweiz sind diese aufgrund der Stempelsteuer benachteiligt. Deshalb bewegen sich hier die Verkäufe von Lebensversicherungen im überschaubaren Rahmen.

In der beruflichen Vorsorge sorgt derzeit die Unterdeckung der autonomen und halbautonomen Pensionskassen für Schlagzeilen. Wie stark profitieren Sie als Vollversicherer davon?

Knof: Die Grosswetterlage spricht ganz klar für die Vollversicherung. In der Finanzkrise ist die Vollversicherungslösung der Versicherer die Antwort für Sicherheit und Stabilität. Das Wachstum, das wir im BVG-Geschäft in den beiden letzten Jahren verzeichneten, zeigt, dass die Kunden die Vollversicherung bewusst wählen, weil das Risiko nicht vom Kunden getragen werden muss wie bei den autonomen und halbautonomen Sammelstiftungen.

Also verzeichnen Sie im laufenden Jahr ein gutes Wachstum?

Knof: Das Wachstum hat sich infolge der schwierigen Marktsituation natürlich verringert. Treibende Kräfte sind in diesem Geschäft Lohnsummenerhöhungen und Einmaleinlagen. Die Rezession führt dazu, dass die Löhne weniger oder nicht angehoben werden und dass die Einmaleinlagen zurückgehen. Daher werden die Wachstumsraten im BVG-Geschäft 2009 leicht tiefer ausfallen als in den Vorjahren.

Erhalten Sie dennoch mehr Anfragen von Unternehmen, die ihre BVG-Gelder in Sicherheit bringen möchten?

Knof: Das ist so. Das Problem ist aber, dass die Kunden aufgrund der Unterdeckung der Sammelstiftung, bei der sie angeschlossen sind, finanziell gefangen sind. Bei einem Wechsel würden Sie einen Teil des Kapitals verlieren. Daher wünsche ich mir künftig gleiche Spielregeln und eine einheitliche Aufsicht für die Akteure der 2. Säule.