Der Flächenbrand der Finanzkrise breitet sich rasant aus. Kaum eine Woche vergeht mehr, ohne dass eine einstmals stolze Traditionsbank in Schieflage gerät und auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die US-Bank Wachovia sowie die drei europäischen Finanzinstitute Bradford & Bingley, Fortis-Bank und Hypo Real Estate sind nur die jüngsten Beispiele in einer Reihe von prominenten Opfern.

Wenig erstaunlich, dass angesichts der regelmässigen Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt die Unsicherheit bei den Anlegern von Tag zu Tag zunimmt. Nicht mehr nur die Investoren an der Börse sehen ihr Vermögen dahinschmelzen, auch die vorsichtigen Sparer sorgen sich um ihr Kapital. «Anfragen nach der Sicherheit der Kundengelder haben in jüngster Zeit stark zugenommen», erklärt Marc Weber, Leiter Portfolio Services beim VZ Vermögenszentrum. Besonders seit mit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers einigen Anlegern klar geworden ist, dass ihre vermeintlich sicheren Investitionen in kapitalgeschützte Derivate vor einem Totalverlust nicht gefeit sind. Nun reagieren die Bankkunden auf die stetige Verunsicherung und suchen Schutz vornehmlich bei kleineren Instituten, die von den Finanzmarktturbulenzen wenig betroffen sind.

Kunden wollen wechseln

Gar von einer Welle von Grossbankkunden, die wechselwillig seien, spricht Simon Netzle, Mediensprecher der St. Galler Kantonalbank. «Wir spüren die Zuwanderung in allen Bereichen, diesmal sind aber auch viele verärgerte Kleinanleger dabei. Das Bedürfnis nach Sicherheit hat mit den jüngsten Turbulenzen noch zugenommen», so Netzle.

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Ähnlich sieht die Situation bei den Raiffeisenbanken aus, die von den unterschiedlichsten Kundensegmenten, von Privaten und Firmen, angegangen werden. «Die Turbulenzen der vergangenen Wochen haben den bereits hohen Kundenzustrom noch verstärkt», hat der Leiter der Medienstelle, Franz Würth, festgestellt.

Zurückhaltender äussern sich dagegen PostFinance und die Luzerner Kantonalbank. Beide Finanzinstitute spüren zwar einen Zuwachs an Neukundengeldern, führen diesen Umstand aber nicht auf Einzelereignisse zurück.

UBS spürt Verunsicherung

Auf der anderen Seite will die Credit Suisse von einem Exodus ihrer Kunden nichts wissen. Die Grossbank betont, dass sie noch im 1. Semester 2008, also mitten in der Finanzkrise, in der Schweiz einen Zuwachs der Netto-Neukundengelder in der Höhe von 6,8 Mrd Fr. verzeichnen konnte. «Verschiebungen bei den Kundenvermögen in beide Richtungen gibt es aber immer», sagt Credit-Suisse-Sprecher Georg Söntgerath. Aktuelle Zahlen zu den Zu- und Abflüssen in den vergangenen Wochen sollen mit dem Ergebnis zum 3. Quartal ausgewiesen werden.

Wie die Credit Suisse will auch die UBS genaue Angaben zu den Vermögensveränderungen mit der Quartalsberichterstattung Anfang November publizieren. Die Grossbank räumt allerdings ein, dass sie aufgrund der schwierigen Finanzmarktsituation bei ihren Kunden eine Verunsicherung feststellt. «Es gibt Kunden, die im laufenden Jahr ihr Geld auf verschiedene Banken verteilt haben. Das ist ein natürlicher Reflex», erklärt Dominique Gerster, Sprecher der UBS. Für die Grossbank sei dies schmerzhaft und man werde alles daransetzen, diese Kunden zurückzugewinnen.

Einlegerschutz als Thema

Dass die Anleger und Sparer in turbulenten Zeiten ihre Kontoverbindungen auf mehrere Banken übertragen, hängt wohl auch mit dem sogenannten Einlegerschutz zusammen. Sollte ein Finanzinstitut Konkurs anmelden, so ist nämlich ein Betrag in maximaler Höhe von 30000 Fr. pro Person gesichert. Im Rahmen der aktuellen Finanzkrise wird nun auch über eine allfällige Erhöhung auf 100000 Fr. diskutiert. Da dies ein branchen übergreifendes Thema ist, verweisen die Banken auf die Bankiervereinigung.

 

 


Kantonalbanken mit Wettbewerbs-vorteilen in der Refinanzierung

Die Kreditkrise zeigt Auswirkungen im Kampf um die Firmenkunden in der Schweiz. Nach wie vor haben in diesem Feld die Schweizer Kantonalbanken, die vergleichsweise wenig betroffen waren, die Nase vorne. Sie können vielmehr, dank der Staatsgarantie, die dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der Kunden entgegenkommt, von den aktuellen Rahmenbedingungen profitieren.

Aber auch die Grossbanken spüren wegen der Kreditkrise etwas weniger Wettbewerb von den ausländischen Banken, die in der Schweiz in den letzten Jahren sehr aktiv geworden sind.

Wie Hanspeter Hess, Direktor des Verbandes Schweizerischer Kantonalbanken (VSKB), anlässlich der Jahreskonferenz des Verbandes bemerkte, sollten die Kantonsinstitute im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), dem eintrübenden konjunkturellen Umfeld zum Trotz, kein Terrain verloren haben. Gemäss einer Studie von Demoscope würden 31% der Unternehmen 2007 eine Kantonalbank als ihre Hauptbankbeziehung bezeichnen. Dieser Anteil soll sich, gemäss Hanspeter Hess, auch im kommenden Jahr zumindest nicht verringern.

Dabei geht allerdings vergessen, dass einige Kantonalbanken ohnehin im Vergleich zu den Grossbanken über einen Wettbewerbsvorteil in der Refinanzierung verfügen. «Einige Kantonalbanken sind heute wegen des Kundengelderüberhangs sogar in der Lage, ihr Firmengeschäft intern zu einem gegenüber dem Kapitalmarkt günstigeren Satz zu refinanzieren», erklärt Karl Spielberger, Leiter Firmen UBS Schweiz, und ergänzt: «Dies wirkt sich dann auf die Preise aus.»

Und dies funktioniert wie folgt: Die hohe Kreditwürdigkeit der Kantonalbanken wegen der Staatsgarantie führt zu besseren Ratings. Dadurch refinanzieren sich die Staatsinstitute am Geldmarkt günstiger. Die tieferen Refinanzierungskosten können dann in Form von tieferen Zinsen an die Kunden weitergegeben werden, was zu einer Marktverzerrung führen kann. (rs)