Es ist das Branchennarrativ der Stunde: Eine im November willkürlich vom Bundesrat verordnete Senkung der Verzinsung der Milliardengelder, welche AKW-Betreiber für die Stilllegung und Entsorgung ansparen, koste die Stromkonzerne dreistellige Millionenbeträge. Das verhindere Investitionen in die Energiewende.

Axpo hat die halbe Nordostschweiz aufgeboten und die BKW nutzt den Hype um die Abschaltung ihres AKW in Mühleberg für Seitenhiebe gegen den Bund. Nur eine ist still: Alpiq. Und das vermutlich zu Recht. Denn das Narrativ stimmt nicht. Das zeigen Recherchen im Umfeld des Fonds und der Blick zurück in die Geschichte von Alpiq, die vor zwei Jahren beinahe kollabiert wäre.

Es ist Sommer 2017, bei Alpiq brennt das Haus. Wegen der gesunkenen Strompreise schreibt der Konzern Verlust, innert weniger Jahre ist das Eigenkapital um 4 Milliarden Franken auf die Hälfte zusammengeschmolzen. An der Spitze des Konzerns steht Jasmin Staiblin. Sie steuert den Dampfer mit stoischer Miene durch den Sturm. Doch die Wellen sind hoch und der Wind bläst von allen Seiten. Ihr halbwegs brauchbares BBB-Rating hat Alpiq nur noch dank dem Goodwill der Analysten. Diese betrachten die schlechten Zahlen als zyklische Taucher und drücken beide Augen zu. Weiter tauchen darf Alpiq nicht mehr. Ihre Schulden sind zu gross, die Einnahmen im Vergleich dazu viel zu klein. 

Doch die schlechten Nachrichten ebben nicht ab. Im August 2017 sorgt eine 175-Millionen-Franken-Busse in Rumänien für Schlagzeilen. Gleichzeitig muss Staiblin das Projekt abblasen, einen Teil der Wasserkraftwerke an Investoren zu verkaufen. Keiner will als Juniorpartner einsteigen. Einen Bericht des Bundesrats über den Zustand der Wasserkraft kritisiert Staiblin als zu optimistisch. Die halbe Schweiz ärgert sich über Alpiq – und die andere Hälfte sorgt sich um sie. 

Kursturbulenzen und ein Rating nahe an der symbolischen Grenze

Sanierungstechnisch ist Alpiq nach dem Wasserkraftdebakel wieder auf Feld eins. Die Credit Suisse senkt das Kredit-Rating von Mid BBB auf Low BBB, was einem Schuss vor den Bug gleichkommt. Innert weniger Tage sinkt Ende September der Aktienkurs von Alpiq um einen Fünftel. In Aarau reicht der grünliberale Stadtrat Alexander Umbricht eine Anfrage ein, die von einem «möglichen» Konkurs von Alpiq handelt. Die Stadt ist mit 2 Prozent an Alpiq beteiligt. 

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Das Rating beschäftigt Analysten und Anleger. Fällt es unter «Investment Grade», bedeutet das nicht nur, dass institutionelle Anleger wie Pensionskassen zum Verkauf von Obligationen gezwungen wären. Es könnte, wie die «Sonntagszeitung» spekuliert, auch Probleme im Stromhandel verursachen, wo Alpiq auf den Ruf als vertrauenswürdiger Handelspartner angewiesen ist. Und im Handel verdient Alpiq noch immer gutes Geld.

Stenfo: Die Pensionskasse der Atomkraftwerke

Fonds
Die staatlichen Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo) verwalten die Gelder, welche die AKW-Betreiber für den Ausstieg ansparen. Ende 2018 lagen in den beiden Fonds 7,4 Milliarden Franken. Die Gelder sollen sicherstellen, dass für den Abbruch der Kraftwerke und die Entsorgung des Atommülls genügen Mittel bereit stehen. 

Zins
Aufgrund der zu erwartenden Rendite und Teuerung werden die Fondsbeiträge festgelegt. Weil der Bundesrat die angenommene Realrendite von 2 auf 1,6 Prozent gesenkt hat, drohen den AKW-Betreibern nun höhere Beiträge. Derzeit geht man davon aus, dass die AKW-Betreiber rund 23 Milliarden Franken für Rückbau und Entsorgung ansparen müssen.

Alpiq ist am Boden. Hat sie sich nicht nur kommerziell, sondern auch kommunikativ verrannt? 2016 hatte die «Basler Zeitung» ein internes Papier veröffentlicht, das darlegte, wie Alpiq an Subventionen kommen und Risiken abschieben könnte. Eines der formulierten Ziele: «Die Kernkraftwerke können in einer Auffanggesellschaft zusammengefasst und einem staatlichen Eigner übergeben werden.» Dass Alpiq versuchte, Kosten auf die Allgemeinheit abzuschieben, kam schlecht an.

Über die AKW haften alle mit Alpiq

Und plötzlich sorgt sich nicht nur die Öffentlichkeit um Alpiq, sondern auch die Konkurrenz. Denn ein Netz an Solidarhaftungen sorgt dafür, dass alle Atomstromkonzerne miteinander verhängt sind. 23 Milliarden soll der Ausstieg der fünf Atomkraftwerke dereinst kosten. Eigentlich bezahlt jeder seinen Anteil. Doch wenn er nicht kann, müssen die anderen einspringen. Und das gibt im Ausstiegsfonds zunehmend zu reden. Bereits 2016 hat die Anwaltskanzlei Wenger Plattner ein neues Mandat erhalten, wie aus den Geschäftsberichten hervorgeht. Sie soll die Risiken abschätzen, die sich aus der Fondskonstruktion ergeben. 

An der Sommersitzung 2017 präsentierten die Anwälte ein Papier über die «Folgen einer allfälligen Insolvenz einer Kernkraftbetreiberin oder deren Eigentümer für die Fonds». Der Bericht ist geheim. Anfragen der «Handelszeitung» dazu beantwortet die Fondsleitung nicht.

Warum ist die Finanzlage der Stromkonzerne so heikel? Es geht vor allem um die zwei AKW in Leibstadt und Gösgen. Aktionäre wie Alpiq und Axpo sind dort jeweils indirekt über eine Betreibergesellschaft beteiligt. Selber hat diese kaum Reserven. Braucht es Geld für den Atomausstieg, finanzieren die Eigentümer dies über höhere Preise für den bezogenen Strom. Doch was, wenn der, der den teuren Strom kaufen sollte, nicht mehr da ist? 

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Mit seinen Abklärungen beweist der Fonds eine gute Nase. Denn im Sommer 2019 wird Alpiq offiziell ein Ringfencing ihrer AKW-Risiken ankünden, um sich für neue Investoren attraktiv zu machen. Was das heisst, darüber rätselt inzwischen die ganze Branche.

Keine Subventionen, höhere Kosten

Im Herbst 2017 verschlechtert sich die Lage für Alpiq weiter. Im November entscheidet sich die Energiekommission des Nationalrats gegen neue Subventionen für die Wasserkraft. Kurz darauf kübelt Energieministerin Doris Leuthard eine Senkung der Wasserzinsen. Gleichzeitig verteuert sich der Atomstrom, denn das AKW Leibstadt, an dem Alpiq einen Drittel hält, muss wegen Materialfehlern in eine verlängerte Pause. Und als ob das nicht reichen würde, verteuert der Bundesrat mit einer neuen Kostenstudie auch noch den Atomausstieg, was höhere Beiträge an den AKW-Fonds bedeutet. 

Aus dem Fond selbst droht ein Risiko: Zwar ist dieser solide finanziert. Doch wie bei Pensionskassen können Kursverluste zu Sanierungsmassnahmen führen. Zu Nachschüssen, die sich Alpiq nicht leisten kann. Und so kommt der Fonds, in dem alle grossen Stromkonzerne Einsitz haben, Alpiq im Dezember 2017 mit einem sonderbaren Schritt entgegen. Er beschliesst, die Anlagerisiken zu senken. Die neue Strategie mit einem Viertel weniger Aktien wird ab 2018 umgesetzt. Sie nimmt in Kauf, dass weniger Ertrag anfällt. 

In den öffentlichen Protokollen taucht der Name Alpiq nicht auf. Dort wird die Strategieänderung bloss mit der «Risikofähigkeit der Betreiber» begründet. Doch von den grossen Stromkonzernen braucht nur einer den Strategiewechsel. Axpo-CFO Joris Gröflin machte unlängst am Rande der Jahrespressekonferenz klar, dass es die Änderung für Axpo nicht gebraucht hätte. Und die BKW wehrt sich sogar juristisch dagegen. «Das kam klar von Alpiq», sagt ein Strommanager, der nicht mit Namen genannt werden will. «Für die anderen hat das keinen Sinn gemacht.»

Alpiq verkauft 5 Prozent an Leibstadt

Alpiq arbeitet weiter an ihrem Rückzug aus den AKW-Risiken. Im Februar 2018 verkauft sie der BKW eine 5-Prozent-Beteiligung am AKW Leibstadt. Aus Sicht der BKW, die sich eben erst eine grünere Strategie verpasst hat, lässt sich das nur schwer erklären. «Auch bei den 5 Prozent ging es darum, Alpiq zu entlasten», erzählt der Insider. Der Stromkonzern widerspricht: «Alpiq verkaufte 5 Prozentpunkte (...), damit die Tochtergesellschaft Alpiq Suisse SA eine reine Wasserkraftgesellschaft wird, die dem Markt 100 Prozent erneuerbaren Strom aus heimischer Wasserkraft zur Verfügung stellen kann», hält Alpiq-Sprecher Richard Rogers fest. Gruppenweit hält Alpiq auch nach der Transaktion noch 27,4 Prozent an Leibstadt und 40 Prozent an Gösgen. 

Für Alpiq geht die Strategie auf. Die vorsichtigere Anlagestrategie beim Atomfonds verhindert wohl tatsächlich Nachschüsse, denn 2018 wird ein schlechtes Börsenjahr und die Fondsansprüche sind danach gerade noch knapp gedeckt. Doch die Rechnung für das Plus an Sicherheit kommt bald: Ende 2018 kündete der Bund erstmals an, dass er unter anderem wegen der vorsichtigeren Anlagestrategie die Zinsannahmen des Fonds senken will, was höhere Beiträge bedeutet. 

Heute kann sich Alpiq diese Beiträge leisten. Anfang 2018 kam der Befreiungsschlag mit dem Verkauf des Servicebereichs für 850 Millionen Franken. Zwar liegt das Rating von Alpiq noch immer bei BBB. Doch Augen muss keiner mehr zudrücken. Der Verkauf sei in der allerletzten Minute erfolgt, erzählt ein Alpiq-Insider. «Wären die Verträge nicht an diesem Wochenende im März unterschrieben worden, hätten die Banken am Montag das Rating gesenkt.» Man habe sich ernsthaft um das Überleben von Alpiq gesorgt. 

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Die Rechnung für den Rettungsring bezahlen Axpo, BKW und die anderen AKW-Aktionäre. In einem eh schon von Streitereien über die Ausstiegskosten belasteten Klima lieferten sie dem Bundesrat mit ihrer Strategieänderung die Steilvorlage für höhere Fondsbeiträge – wohl ohne dass ihnen das bewusst war. Zwar wird dem Vernehmen nach derzeit darüber verhandelt, die Risiken der Anlagestrategie wieder hochzufahren. Doch dass das den Bundesrat noch von der tieferen Verzinsung der Fondsguthaben abbringt, ist unwahrscheinlich.