Am Donnerstag, 8. September 2005, versucht Speedel erneut den Börsengang. Noch im vergangenen Mai musste das Basler Biopharma-Jungunternehmen die Aufnahme von 300 Mio Fr. Börsenkapital abblasen, nachdem kurz zuvor die Konkurrenzfirma Arpida beim IPO gefloppt war. «Seither hat sich das Marktumfeld für Biotechnologie zwar leicht verbessert, doch ist fraglich, ob es zurzeit ein Fenster zur Platzierung neuer Biotech-Aktien gibt», kommentiert LODH-Finanzanalyst Karl-Heinz Koch.

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Investoren dürften abwarten

Dies scheint man auch bei Speedel erkannt zu haben und verzichtet deshalb kurzerhand auf ein Offering. Doch kurios ist nicht nur die Kotierung ohne Kapitalbeschaffungsabsicht. Nach Auskunft von CEO Alice Huxley denkt auch das bisherige Aktionariat Huxley selbst hält 27%, Novartis und DSM kommen zusammen auf 12% nicht daran, sich aus Speedel zurückzuziehen. Die geringe Bereitschaft der Altaktionäre zur Veräusserung ihrer Anteile wird dem Kurs der Speedel-Papiere zwar Auftrieb verleihen. Viele Investoren dürften allerdings abwarten, ob es überhaupt zu einem liquiden Handel mit aussagekräftigen Aktienpreisen kommt, bevor sie auf den möglicherweise zu teuren Speedel-Zug aufspringen. Als Anhaltspunkt für den Unternehmenswert kann der Wandelpreis von 125 Fr. je Aktie herangezogen werden, der im August für ein 70-Mio-Fr.-Wandeldarlehen vereinbart wurde. Damit käme Speedel auf einen Gesamtwert von rund 1 Mrd Fr. Positiv auf die Attraktivität von Speedel auswirken dürften sich auch die mit der Börsenkotierung verbundenen regelmässigen Analystenberichte. Nick Miles, Director Investor Relations: «Investoren erhalten dadurch eine unabhängige Beurteilungsgrundlage.» Diese Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung ist allerdings bloss ein Nebeneffekt des Börsengangs.

Wichtiger ist die Erweiterung der Finanzierungsoptionen. Speedel verbrennt zurzeit jährlich rund 60 Mio Fr. Ohne neues Kapital kann die Firma ihre Forschung noch bis zum 1. Quartal 2007 finanzieren. Mit der Kotierung hat Speedel nun die Möglichkeit, sich an der Börse mit frischem Geld zu versorgen. Nach Einschätzung von LODH-Analyst Karl-Heinz Koch ist die Platzierung neuer Aktien allerdings nicht zwingend: «Denkbar ist auch eine strategische Partnerschaft beim Niereninsuffizienz-Präparat SPP301, das Speedel zurzeit im Alleingang durch Phase III zu bringen versucht. Dies könnte bis zu 500000 Fr. in die Kasse spülen.»


Des Weiteren kann Speedel ab 2007 mit einem rasch steigenden Cash-inflow aus der Kommerzialisierung des Blutdrucksenkers SPP100 rechnen. Das von Novartis einlizenzierte Präparat verfügt über eine extrem lange Halbwertszeit und schliesst damit eine gefährliche Sicherheitslücke. Denn herkömmliche Blutdrucksenker wie Diovan wirken nach acht Stunden Schlaf nur noch begrenzt, sodass der Blutdruck nach dem Aufwachen gefährlich nach oben schnellen kann. Demgegenüber verspricht SPP100 dank einer Halbwertszeit von bis zu 30 Stunden auch in den Morgenstunden Schutz vor Herzattacken. Karl-Heinz Koch: «SPP100 hat das Zeug zum Blockbuster.» Falls das Präparat gut startet, kann Speedel schon in wenigen Jahren mit Lizenzeinnahmen von jährlich mindestens 100 Mio Fr. rechnen genug, um sich auch auf lange Sicht unabhängig zu finanzieren.


Nachgefragt: «Kurzfristig haben wir keine dringenden Finanzierungsbedürfnisse»

Alice Huxley, CEO der Basler Biopharmafirma Speedel, bringt das Unternehmen am 8. September 2005 an die Börse. Damit soll die Attraktivität des Unternehmens steigen.

Im Mai 2005 haben Sie das IPO von Speedel kurzfristig abgesagt. Was ist dieses Mal anders? Vor allem, wie sich Speedel dem Publikum öffnet. Im Mai versuchten wir ein klassisches IPO, das Kotierung und Fundraising kombiniert. Jetzt gehen wir den einfacheren Weg, indem wir lediglich unsere Aktien kotieren ohne neues Geld aufzunehmen.

Welchen Aktienpreis erwarten Sie? Weder wir noch die Banken werden den Preis diktieren. Wir überlassen die Preisbildung dem Markt.

Heute besitzen Sie als CEO 25% der Speedel-Aktien, was dem Unternehmen Glaubwürdigkeit verleiht. Wie wird Ihr Anteil nach dem IPO sein? Genau gleich wie bisher.

Was bringt Speedel das IPO? Eine höhere Visibilität der Firma und ihrer Leistungen sowie eine bessere Positionierung unter den internationalen Biopharma-Unternehmen. Ferner können wir den Status einer börsenkotierten Firma in unsere Lizenzierungsaktivitäten einbringen. Zudem haben wir Zugang zum Aktienmarkt, falls wir in Zukunft Geld beschaffen wollen.

Bisher hat Speedel kein marktreifes Produkt. Ab wann wollen Sie Geld verdienen? Wir erwarten ab 2007 dauerhafte Einkünfte aus dem Verkauf unseres Flaggschiffs SPP100 ein blutdruckregulierendes Medikament , das wir zusammen mit Novartis entwickeln und das Novartis ab 2007 vermarkten soll.

Hoffnungsträger ist das Diabetes-Niereninsuffizienz-Medikament SPP301. Weil Speedel das Heilmittel allein entwickelt, verdoppelt sich die Overall-Burn-Rate auf 60 Mio Fr. Haben Sie die Finanzierung langfristig im Griff? Mitte August 2005 hatten wir zirka 122 Mio Fr. zur Verfügung. Dies reicht für unsere heutige Pipeline bis mindestens Ende 1. Quartal 2007. Kurzfristig haben wir also keine dringenden Finanzierungsbedürfnisse. Mittelfristig könnten wir einen Teil unserer Projektfinanzierungen durch ein Partnering abdecken.

Falls SPP301 floppen sollte: Haben Sie Nachfolge-Produkte? Ja, wir haben weitere Produkte im Köcher, etwa ein Blutverdünnungsmittel. Ferner arbeitet unsere Late-Stage-Forschungseinheit an weiteren viel versprechenden Projekten. Gleichzeitig halten wir ständig Ausschau nach attraktiven In-licensing-Möglichkeiten.