Führung: Vom Strategen zum Lenker

Zumindest auf YouTube fällt Spiesshofers Einstand flau aus. Befragt von einer ehemaligen Fox-News-Mitarbeiterin, gibt sich der spröde Schwabe im schwach frequentierten Konzern-filmchen zwar redlich Mühe, den überschäumenden Enthusiasmus eines Joe Hogan zu mimen. Doch der frischgebackene CEO ergeht sich in PR-Floskeln wie «ABB – the place to be». Die intrinsische Überzeugungskraft seines amerikanischen Vorgängers fehlt. Der ehemalige Unternehmensberater kann nur gewinnen, wenn er in seiner neuen Chefrolle einen eigenständigen und glaubwürdigen Führungsstil entwickelt.

Denn Spiesshofer wird im Technologiekonzern bislang gefürchtet, aber nicht geschätzt. Sein strategischer Scharfsinn und seine Meriten im Übernahmegeschäft sind unbestritten. Doch der studierte Ingenieur und Betriebswirtschafter gilt im Umgang als sehr fordernd und wenig charmant. Kritiker kreiden dem ambitionierten Manager nebst Arroganz auch die mangelnde Erfahrung im Tagesgeschäft an. Der Quereinsteiger hat lediglich drei Jahre operative Verantwortung als ABB-Divisionsleiter vorzuweisen. Zuvor war Spiesshofer für strategische Belange zuständig. Allerdings hat er die Automationssparte in seiner kurzen Regentschaft zur Hochblüte geführt, was ihm letztlich auch den Chefsessel einbrachte. Spiesshofer fehlt jedoch die Erfahrung in den längerfristig orientierten Energiebereichen, die rund 40 Prozent des ABB-Geschäfts ausmachen. Der neue CEO ist gefordert. Er muss vom Denker zum Lenker und Brückenbauer werden.

Schwellenmärkte: Gebremste Euphorie

Ohne die forsche Expansion in die Märkte der aufstrebenden Länder wäre ABB nicht dort, wo das Unternehmen heute steht. Über 50 Prozent des Umsatzes generiert der Industriekonzern in den Schwellenländern. Seit Monaten verunsichern allerdings die verhaltenen Wirtschaftszahlen in Ländern wie China und Brasilien. Spiesshofers Problem dabei ist: Auf die entscheidenden Faktoren hat er keinen Einfluss, denn die Krise ist ma­kroökonomischer Art. Das Wirtschaftswachstum lässt nach. Daneben geraten nun auch die lokalen Währungen unter Druck, weil der Kapitalmarkt ein Ende der ultralockeren US-Geldpolitk antizipiert.

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Dabei haben jene gesellschaftlichen Trends nach wie vor Gültigkeit, die für das ABB-Geschäft wichtig sind. So steigen die Löhne in China und anderswo weiter an. Und damit verbunden nimmt die Automatisierung in der Industrie zu. Auch der Energieverbrauch erhöht sich, was Investitionen in die Infrastruktur früher oder später nötig macht. Nur wann, das bleibt offen. Und dort, wo ABB Handlungsspielraum hatte, ist unter Joe Hogan schon einiges geschehen. In Indien wurde nach ernsthaften Problemen 2010 das Portfolio bereinigt und ein neues Management eingesetzt. In China hat sich ABB im Bereich Automation bereits gut aufgestellt. Und in Brasilien ist ABB stark im Geschäft mit Rohstoffminen, das weniger volatil ist als die Erschliessung neuer Quellen. Zugespitzt heisst das: Im Bereich der Schwellenländer ist schon erledigt, was zu tun war. Spiesshofer bleibt das grosse Warten auf die Stabilisierung der Situa­tion in den dortigen Märkten.

Energiewende: Grüne Luftschlösser

Seien es Höchstspannungs-Gleichstromleitungen, Generatoren für Windparks oder Umrichter für Solar­anlagen: Das Produkteportfolio von ABB ist prädestiniert für die Energiewende in Europa und anderswo. Entsprechend ist die Auftragspipeline des Technologiekonzerns prall gefüllt. Doch entgegen den wiederholten Beteuerungen des ABB-Managements kommen viele der Grossaufträge nicht zum Abschluss. So steht etwa seit 2008 das Geschäft mit Transformatoren, Schaltanlagen und Energietechnik unter massivem Druck. Dies, obwohl der Erneuerungsbedarf der Stromnetze rund um den Globus gross ist. Alleine in der Schweiz belaufen sich die nötigen Inves­titionen ins Hochspannungsnetz auf einen mehrstelligen Milliardenbetrag.

Doch die Staatshaushalte stehen unter Sparzwang. Auch herrschen in der Stromproduktion wegen der wirtschaftlichen Flaute massive Überkapazitäten bei den Kraftwerken. Dies führt zu sehr tiefen Strompreisen. Mit der Konsequenz, dass den öffentlichen Versorgern die nötigen Mittel fehlen, um den ökologischen Umbau der Energieversorger voranzutreiben. Neben den knappen Finanzen dämpft das unsichere regulatorische Umfeld die Spendierfreude. Wenn Investoren nicht wissen, ob und zu welchen Konditionen die Produktionsanlagen in Zukunft staatlich gefördert werden, dann warten sie zu. Löst sich diese Investitionsblockade, dann ist ABB mit ihren Produkten und Lösungen für die Energiewende bestens positioniert. Vorderhand jedoch bleiben die Wachstumsaussichten verhalten.

Strategie: Kraft durch Zukäufe

Die Ära Hogan hat ABB nachhaltig verändert. Für rund 10 Milliarden Franken hat der smarte Amerikaner in seinen fünf Amtsjahren Firmen zugekauft. Die grössten Brocken – Baldor und Thomas & Betts – haben die Kräfte innerhalb des Technologiekonzerns verschoben. Statt Energietechnik ist nun ­Automation Trumpf. Die dazugehörigen Divisionen steuern mittlerweile rund 65 Prozent zum ABB-Betriebsertrag vor Abschreibungen bei. Mit den Zukäufen hat Hogan den Konzern auch geografisch ausbalanciert, indem er Nordamerika als Markt fürs Automationgeschäft überhaupt erst erschlossen hat.

Neo-CEO Spiesshofer kann diese Früchte nun ernten. Will heissen: Das Synergiepotenzial der Firmen ausschöpfen und die Produkte der Zukäufe auch in anderen ABB-Märkten anbieten. Doch die Frage stellt sich, welche Übernahmepläne der 49-jährige Manager künftig schmiedet. Auch wenn ABB die Dividenden konstant hält, stehen dem Technologiekonzern bis zu 7 Milliarden Franken für Akquisitionen bereit. Ist der letzte Grosskauf Thomas & Betts verdaut, dürften auch grössere Zukäufe wieder in Reichweite rücken. Zu den Übernahmekandidaten, die in Analystenkreisen gehandelt werden, gehört Rockwell. Der letzte eigenständige Automationskonzern mit US-Sitz setzt 6 Milliarden Dollar um. Vor allem im Bereich der diskreten Steuerungen würde Rockwell den Technologiekonzern ergänzen. Bislang verkauft ABB vor allem Motoren und Antriebe. «Sie haben in der Automation die Muskeln. Ihnen fehlt aber das Hirn», sagt ein Insider.

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Kostenmanagement: Gefahren des Sparens

Die vergangenen Jahre berichtete der Konzern kontinuierlich über Effizienzsteigerungen. 6 Milliarden Dollar an Kosten sparte das Unternehmen nach eigenen Angaben ein. Über die Wirkung der Programme gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Analysten der Bank HSBC rechneten aus, dass die Einnahmen und der Gewinn pro Mitarbeiter trotzdem abnahmen. Doch ohne die Kostenreduktion hätte Joe Hogan im garstigen Umfeld der Weltwirtschaft nie die Margen halten können, die er bis zuletzt auswies. Spiesshofer seinerseits hatte als Divisions-chef die Effizienzprogramme mitgetragen und will den Kurs beibehalten. Künftig soll der Kostenblock jährlich um rund 1 Mil­liarde Franken verkleinert werden.

In der Branche ist umstritten, ob das gelingen wird. Kenner der Verhältnisse halten den Skeptikern allerdings entgegen, dass beim Konzern schon heute über 1000 Projekte zur Effizienzsteigerung in der Zukunft bereitliegen. Die einen haben ein Volumen von nur einigen Hunderttausend Franken, andere gehen in die Millionen. Spiesshofer profitiert damit von den Vorarbeiten unter Hogan. Doch Kosten senken ist nicht gleich Kosten senken. In der Vergangenheit ist es ABB gelungen, die Sparübungen umzusetzen, ohne die Substanz des Konzerns zu gefährden. Sie waren keine grossen, einmaligen Restrukturierungsprogramme wie etwa bei Siemens, sondern permanente, dafür klei­nere Optimierungen. Insgesamt hat ABB auch kein Personal abgebaut. Man wird Spiesshofer daran messen, ob er die Balance hält zwischen Kostensenken und Wahrnehmen von Wachstumschancen.

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