Gibt es ein Schweizer Spital, in dem Sie sich nicht behandeln lassen würden?

Heinz Locher:
Davon gibt es viele.

Zum Beispiel?
Namen nenne ich keine. Aber ich ginge nicht in Kliniken mit grossem Angebot und kleinen Fallzahlen.

Sie meiden also kleine Regionalspitäler.
Nicht unbedingt. Die Grösse eines Hauses ist in Sachen Qualität nicht so relevant. Wichtig ist, dass sich ein Spital auf gewisse Eingriffe spezialisiert. Das Spital Rorschach zum Beispiel hat ein Schwergewicht auf die minimal invasive Chirurgie gelegt. Oder die Martini-Klinik im deutschen Hamburg. Sie ist die absolute Spezialistin für Prostata-Entfernungen. Die dortigen Ärzte machen den Eingriff 2100 Mal pro Jahr. Im Kanton Zürich entfernen 11 Spitäler rund 600 Vorsteherdrüsen pro Jahr. Müsste also Heinz Lochers Prostata raus, ginge er nach Hamburg. Meine Schweizer Krankenkasse kennt die Martini-Klinik auch bestens.

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Zurück in die Schweiz. Kleine Häuser, die alles anbieten, würden Sie boykottieren?
Richtig. Das sind für mich klare «no-go areas».

Hohe Fallzahlen bedeuten hohe Qualität?
Das ist wissenschaftlich erhärtet, ja. Das beste Beispiel für mich ist die Orthopädie in der Berner Klinik Sonnenhof. Die dortigen Ärzte haben Weltruf und bieten Behandlungen in bester medizinischer Qualität.

Gibt es weitere Kriterien für die Auswahl eines guten Spitals?
Die gibt es. Wichtig ist auch, dass sich die Chef- oder Belegärzte gegenseitig auf die Finger schauen und sogenannte Peer Reviews durchführen. Und schliesslich ist eine ausgebaute Fehlerkultur bedeutsam.

Was heisst das konkret?
Spitäler müssen von Fluggesellschaften lernen. Das Universitätsspital Basel hat das in der Anästhesie zusammen mit der Swissair eingeführt. Kein Witz. Es muss sichergestellt werden, dass sich Fehler nicht wiederholen und dass die ganze Klinik aus Fehlern lernt.

Wie soll ein Patient wissen, welche Klinik für sein Leiden die beste ist? Nur wenige Qualitätskriterien sind öffentlich zugänglich und für Laien verständlich.
Es reicht völlig, wenn der Hausarzt Bescheid weiss. Bislang aber haben Spitäler und Ärzte die Veröffentlichung von Qualitätsdaten erfolgreich verhindert. Und die Krankenkassen haben zu wenig Druck gemacht. Das Gesundheitswesen ist die Dunkelkammer der Nation.

Ändert sich das?
Viel zu langsam. Wir brauchen keine Verbesserungen, wir brauchen einen Quantensprung.

Viele Schweizer möchten möglichst nahe am Wohnort ins Spital. Wenn sich aber alle spezialisieren, kann dieser Wunsch nicht mehr erfüllt werden.
Richtig, aber das ist nicht relevant. Entscheidend ist doch für alle Versicherten, eine möglichst gute Behandlung zu bekommen. Je spezialisierter diese ist, desto weiter muss man halt reisen.

Spitäler klagen über zunehmenden wirtschaftlichen Druck, der die Qualität der medizinischen Leistungen zu beeinträchtigen drohe.
Eine Ausrede. Das Gegenteil ist richtig. Eine Schweizer Klinik plant Hüftoperationen wenn immer möglich so, dass an einem Tag nur linke Hüften und am anderen Tag nur rechte Hüften unter das Messer kommen. Das spart im OP aufwendige Umbauten und erhöht die Produktivität deutlich – bessere Prozesse, mehr Sicherheit und Qualität, weniger Kosten.

Gibt es Qualitätsunterschiede zwischen privaten und öffentlichen Spitälern?
Es gibt in beiden Kategorien gute und schlechte Häuser. Mit dem Eigentümer hat das nichts zu tun.