Paradigmenwechsel bei der Spitalfinanzierung: Im Rahmen der KVG-Revision wollen die eidgenössischen Räte ab 2011 die heutigen Leistungsabrechnungen durch Fallpauschalen ersetzen. Ein Spital kann nicht mehr die effektiven Kosten für einen Behandlungsaufenthalt verrechnen. Mit den Diagnosis Related Groups (DRG) soll stattdessen ein fester Vergütungstarif pro Diagnose festgelegt werden.

Die Reform befindet sich auf der Zielgeraden. In einem Monat wandelt sich der Trägerverein SwissDRG, an dem sämtliche grossen Interessenvertreter im Gesundheitswesen beteiligt sind, in eine Aktiengesellschaft um. Sie soll sich mit der weiteren Umsetzung des Projekts befassen. «Der Wechsel zu DRG wird einschneidend sein», glaubt Simon Hölzer, Mitglied der Geschäftsleitung beim Spitalverband H+ und künftiger Geschäftsführer der SwissDRG AG.
Trotzdem sind sich sowohl Spitalvertreter wie auch Krankenversicherer einig, dass die Revision nötig ist. «DRG werden zu mehr Effizienz im stationären Bereich führen und für die Grundversicherung deutlich zu spüren sein», meint Peter Indra, Leiter des Direktionsbereichs Kranken- und Unfallversicherung beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie Autor des Standardwerkes über DRG in der Schweiz.

Spitäler werden sich vernetzen

Fritz Britt, Direktor des Krankenkassenverbandes Santésuisse, glaubt, DRG könnten das Kostenwachstum im Spitalbereich halbieren. «Das sind keine Peanuts. Es geht um über 100 Mio Fr. jährlich», so Britt.
Strukturell dürfte die Spitallandschaft durch die DRG gehörig in Bewegung geraten. «Insbesondere Konzentrationseffekte in verschiedenen Leistungsbereichen sind zu erwarten», sagt Indra. Denn bei den rund 1000 bis 1200 angestrebten Diagnosegruppen müssen Spitäler aus Wirtschaftlichkeitsgründen eine gewisse Mindestfrequenz erreichen. Es wird also kaum mehr jedes Regionalspital alles anbieten. «Deshalb wird die Vernetzung zwischen den Spitälern zunehmen», ist Hölzer überzeugt. Diese könne aber auch umgekehrt wirken. So glaubt er, dass Universitätskliniken einfache Eingriffe an die Regionalspitäler delegieren werden. Von DRG profitieren werden nach Ansicht der Experten jedoch eher die wirtschaftlich und qualitativ gut arbeitenden Spitäler.
Ebenso profitieren die Krankenkassen. «Wenn nur noch ein Abgeltungsmodell für die ganze Schweiz gilt, lassen sich interne Prozesse zur Rechnungsverarbeitung vereinfachen», meint Yves Seydoux, Kommunikationschef der Groupe Mutuel. Er hofft zudem auf schlankere Strukturen bei den Versicherern und erleichterte Tarifverhandlungen mit den Spitälern beim Managed Care.
Allerdings bergen DRG auch Gefahren. So wird noch mehr als beim ambulanten Tarmed-System der gläserne Patient befürchtet. «Der Wettbewerb unter den Spitälern soll durch die grössere Transparenz besser spielen. Allerdings bringen Systemwechsel regelmässig einen Kostenschub – die Einführung von DRG wird also allenfalls mittelfristig kostendämpfend wirken können, insofern sie sich überhaupt auf die Kostenentwicklung auswirkt», warnt Seydoux.

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Schlupflöcher stopfen

Walter Bosshard, Gesamtprojektleiter von SwissDRG, ist derzeit damit beschäftigt, Schlupflöcher zu stopfen. «Die Tarifpartner möchten während der ersten Jahre der Einführung ein Monitoring durchführen, um sicherzustellen, dass keine unerwünschten Effekte auftreten», sagt er.
Wiedereintritte mit derselben Hauptdiagnose in einer bestimmten Zeit sollten zudem von den Spitälern als Garantiefall behandelt werden müssen. «Und eine systematische, bewusste Falsch-Codierung, die in eine höher bewertete DRG steuert, würde sich rächen», glaubt er, «dann sinkt für die entsprechende Gruppe in den Folgejahren das Relativgewicht und damit auch der Preis.» Zudem gibt sich Bosshard zuversichtlich bezüglich der Behandlungsqualität: «In keinem Land konnte nachgewiesen werden, dass die Behandlungsqualität wegen der Einführung von DRG gesunken ist.»