1. Home
  2. Unternehmen
  3. Spuhler verschafft sich Zeit für strategische Fragen

Nachfolge
Spuhler verschafft sich Zeit für strategische Fragen

Peter Spuhler: Der Unternehmer nimmt sich mehr Zeit für strategische Fragen.   Keystone.

Peter Spuhler, Vollblut-Unternehmer und Patron von Stadler Rail, gibt einen seiner vielen Jobs in neue Hände. Die Arbeit wird ihm dennoch nicht ausgehen. Und das «Stöckli» lockt ihn.

Von Marcel Speiser und Bernhard Fischer
am 20.09.2017

Tritt ein Unternehmer kürzer, kommt das für die Öffentlichkeit immer überraschend. Der Abschied von Peter Spuhler als Chef seiner Stadler Rail ist da keine Ausnahme. 30 Jahre lang arbeitete Patron Spuhler Tag und Nacht für sein Unternehmen. Aus einer unbedeutenden Mini-Firma mit 18 Angestellten, die er 1989 für 4,5 Millionen Franken kaufte, machte er einen global konkurrenzfähigen Bahnkonzern mit einem Umsatz von über 2 Milliarden Franken und mehr als 7000 Mitarbeitern. Das ist eine unternehmerische Leistung, die in jüngerer Zeit ihresgleichen sucht.

Am 9. Januar wird Peter Spuhler 59 Jahre alt und erreicht damit ein gewisses Alter. Der frühere Eishockey-Spieler und Vater von zwei Kindern strotzt zwar nach wie vor vor Kraft und Energie. Aber er muss diese nicht mehr Tag für Tag im operativen Mikro-Management aufzehren. Schliesslich hat er es im Gegensatz zu vielen Vollblut-Unternehmern nicht unterlassen, seine Führungséquipe so aufzustellen, dass Stadler Rail auch ohne ihn funktioniert.

Der Neue ist ein «Wegbegleiter»

Sein designierter Nachfolger und bisheriger Stellvertreter, der 47-jährige Deutsche Thomas Ahlburg, ist seit 2012 bei Stadler an Bord und kennt das Bahngeschäft aus dem Effeff. Spuhler nennt ihn wohlwollend «Wegbegleiter», eine Bezeichnung, bei der mehr mitschwingt als Fachkenntnis, Management-Talent und das Abliefern von guten Zahlen im Herzstück der Stadler-Produktion in Bussnang TG. Als «Wegbegleiter» war und ist der in Kreuzlingen wohnhafte Familienvater Ahlburg für Spuhler ein unternehmerischer Sparringpartner, der ihn – wie es in einer Medienmitteilung zum Chefwechsel heisst – «auch menschlich restlos überzeugt».

Zwar monieren Kritiker, Ahlburg fehle im Umgang mit Zulieferen, Geschäftspartnern und Verhandlungsdelegationen das joviale, einnehmende und kooperative Element, das die Grösse eines Patrons wie Peter Spuhler ausmache. Sicher aber ist: Wenn Spuhler Ahlburg zum Chef kürt, lässt er keinen Versuchsballon steigen, sondern ist sich seiner Sache sehr sicher. Und sollte er sich dennoch täuschen, kann er als Präsident und Mehrheitseigentümer – Spuhler kontrolliert 80 Prozent der Stadler-Anteile, je 10 Prozent besitzen das Kader und die deutsche RAG Stiftung – jederzeit die Reissleine ziehen. Und notfalls wieder selbst in die Hosen steigen.

Zurücklehnen, Nachdenken

Das aber ist nicht der Plan. Der Plan ist, mehr Zeit für strategische Weichenstellungen zu haben. Und auf solche Weichen werden die Züge von Stadler Rail in den kommenden Jahren häufig zufahren. In der Branche ist ein anhaltender Konsolidierungsprozess im Gange. Die grossen Europäer – Alstom, Siemens und Stadler – loten schon seit Jahren Kooperationsmodelle aus oder reden über Joint Ventures. Jüngst holte Siemens auch die kanadische Bombardier dazu und spricht mit ihr über ein gemeinsames Unternehmen. Hintergrund all dessen ist, dass die einstigen Marktdominatoren aus dem Westen zusehends von Bahn-Giganten aus China bedrängt werden. Und selbst eine vergleichsweise kleine Skoda aus Osteuropa schnappt den Platzhirschen regelmässig Aufträge vor der Nase weg.

Soll Stadler also einen Rivalen übernehmen? Wie wäre ein solcher Deal zu finanzieren? Wäre ein Börsengang eine Option? Welche neuen Märkte könnten mit welchen Risiken erschlossen werden? Solche Fragen werden es sein, die Spuhler noch stärker als bisher umtreiben werden. Stadler ist Spuhlers Baby. Er will sicherstellen, dass es auch die nächsten dreissig Jahre so prächtig gedeiht wie es die letzten dreissig Jahre gediehen ist. Zwischen zwei Management-Meetings oder beim Business-Lunch schafft das selbst Workaholic Spuhler nicht.

Zumal er neben Stadler ja noch weitere Eisen im Feuer hat. Er sitzt im Verwaltungsrat der Immobilienfirma Allreal, ebenso beim Bauunternehmen Walo. Beim Autozulieferer Autoneum, beim Textilmaschinen-Konzern Rieter und beim Fahrzeug-Bauer Aebi Schmidt ist er über sein Family Office PCS Holding auch finanziell stark engagiert. Selbst als Vize-Präsident des Hockey-Clubs ZSC Lions hat Spuhler derzeit alle Hände voll zu tun. Denn der Spitzenclub ist diese Saison noch überhaupt nicht auf Touren gekommen.

Faszination «Stöckli»

Dann ist da noch die Politik, die zweite, zeitraubende Leidenschaft von Peter Spuhler. Jahrelang war er das wirtschaftpolitische Schwergewicht der SVP, politisierte für die Volkspartei im Nationalrat, gab aber 2012 seinen Rücktritt, als ein Auftragsloch bei Stadler seinen besonderen Einsatz forderten. Doch Leute, die Spuhler gut kennen, wissen: Es könnte durchaus sein, dass Spuhler in Bundesbern ein Comeback gibt. «Ein Sitz im Stöckli würde Peter reizen», sagt einer, der regelmässig mit Spuhler spricht. Klar ist: Auch nach seinem Rücktritt aus dem Nationalrat hat Spuhler öffentlich immer wieder politisch Stellung genommen, mitunter auch gegen seine Partei. Und: Als Thurgau-Vertreter sitzt derzeit Spuhlers langjähriger Kompagnon Roland Eberle in der kleinen Kammer. Eberle erreicht nächstes Jahr das Pensionierungsalter.

Anzeige