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Börseninterview
«Stadler verlässt den Weg der Unabhängigkeit nicht»

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CEO Thomas Ahlburg und Präsident Peter Spuhler: Das Führungsduo von Stadler Rail.Quelle: Keystone

Experte Jacques Stauffer schafft Klarheit über die Aussichten an der Schweizer Börse und zum möglichen IPO von Stadler.

Von Marc Bürgi
am 16.06.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Jacques Stauffer*: Die Investoren und die Finanzmärkte werden primär von den Veränderungsraten wirtschaftlicher Kennzahlen beeinflusst, aber diese müssen auch in Zusammenhang mit der absoluten Höhe des entsprechenden Faktors beurteilt werden. Was bedeutet vor diesem Hintergrund die soeben erfolgte, siebte Zinserhöhung in den USA? Belastet sie die Aktienmärkte, oder ist sie vorteilhaft, weil wir langsam zur Normalität zurückkehren und höhere Zinsen das Wirtschaftswachstum spiegeln? Wir beobachten zurzeit zwar eine erhöhte Volatilität der Märkte, dies jedoch von einem rekordtiefen Niveau herkommend. Es ist deshalb angebracht, von einer Entwicklung in Richtung Normalität zu sprechen. Obwohl viele Anleger die erneut normalen Risikoverhältnisse scheuen, zeigen unsere proprietären Risikoindikatoren ein konstruktives Risikoumfeld an, das es zu nutzen gilt – trotz, oder gerade wegen den steigenden Zinsen.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der Schweizer Aktienmarkt hat in den letzten zwölf Monaten keinen Blumentopf gewonnen und hinkt gegenüber globalen Aktien in Franken gerechnet 12,5 Prozent hinterher. Amerikanische Titel hingegen übertreffen den weltweiten Aktienkorb um 7 Prozent. Betrachtet man die letzten fünf Jahre, erhöht sich diese Differenz sogar von 19,5 auf 44,5 Prozent. Es ist naheliegend, dass Anleger für Schweizer Aktien ein gewisses Nachholpotenzial orten. Wir sehen zurzeit jedoch keinen Grund für eine Trendwende der Schweizer Börse.

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* Jacques E. Stauffer ist Gründungspartner und CEO beim Vermögensverwalter Parsumo Capital AG. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung und in der Beratung institutioneller und privater Anleger, unter anderem bei der Credit Suisse.
Quelle: ZVG

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Die relative Attraktivität der Schweizer Börse gegenüber anderen Märkten ist bestenfalls mittelmässig. Für die kommenden Monate empfehlen wir weiterhin den Aufbau von Positionen in den wachstumsstarken Schwellenländern, in der Region Asien-Pazifik und in Europa. Die Schweizer Börse wird sich in den nächsten zwölf Monaten nur knapp halten können.

Warum?
In einem globalen Umfeld ausgeprägter Machtpolitik sind die Tugenden der Schweiz kurzfristig wenig gefragt.

Die US-Notenbank Fed und die EZB haben diese Woche ihre Zinssitzungen abgehalten. Haben sich die Chancen auf einen Zinsschritt der Schweizerischen Nationalbank damit erhöht?
Das kommt auf die Schwäche des Frankens an. Der Mix von steigenden Zinsen und gleichzeitig anhaltenden geopolitischen Risiken sorgt zurzeit für ein interessantes Wechselspiel bei der Ermittlung des richtigen Equilibriums zwischen dem Franken und den beiden Hauptwährungen Euro und Dollar. Seit Februar hat sich der Dollar dem Trend des Euros gegenüber dem Franken angeschlossen und tendiert ebenfalls stärker – der Franken hat zu beiden Währungen also nachgegeben. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Monaten fortsetzen. Bis die SNB der internationalen Zinsentwicklung folgt, dürfte es jedoch noch länger dauern. Langfristig gesehen ist der Zeitpunkt tiefster Zinsen aber auch in der Schweiz Vergangenheit.

Die US-Regierung hat jüngst eine Liste mit den chinesischen Produkten veröffentlicht, auf die bald Zölle gelten. Wird dies den US-Handelskonflikt mit China verschärfen?
Ja, der Konflikt scheint sich zu verschärfen, beide Länder haben ihre Rhetorik um eine Stufe erhöht. Das Hauptargument der US-Regierung für höhere Zölle ist das Handelsdefizit. Dabei spricht Präsident Trump bewusst nur vom Handelsdefizit der Güter und nicht von der Leistungsbilanz, die auch die Dienstleistungen umfasst. Diese ist für die USA nämlich positiv, da Amerika im Dienstleistungssektor seit jeher einen protektionistischen Ansatz verfolgt. Deshalb ist die ungewöhnlich offen ausgesprochene Entrüstung der G6 gegenüber den USA verständlich. China erhält damit illustre und geeinigte Alliierte, und die Diskussion über das Handelsdefizit könnte sich für die USA als Bumerang erweisen.

Stadler hat am Freitag seine Jahreskonferenz abgehalten. Seit Jahren wird über einen Börsengang des Schienenfahrzeugherstellers spekuliert. Für wie wahrscheinlich halten Sie ein IPO des Unternehmens?
Ich halte das für eher unwahrscheinlich. Das Traditionsunternehmen Stadler wird den erfolgreichen Weg der Unabhängigkeit nicht verlassen.

Kommende Woche wird das Ölkartell Opec über eine Aufhebung seiner Förderbremse beraten. Rechnen Sie mit einem weiter steigenden Ölpreis?
Die Opec wird sich hüten, ihre aktuell erfolgreiche Politik zu ändern. Seit dem Tief von rund 25 Dollar stieg der Ölpreis temporär auf über 80 Dollar. Bemerkenswert ist die Differenz der Notierungen zwischen WTI und Brent, die zeitweise mehr als 10 Dollar betragen hat. Die USA schaffte es, in wenigen Jahren ihre Förderung über den eigenen Bedarf hinaus zu steigern und gar als Verkäuferin aufzutreten, was sich in den tieferen WTI-Preisen spiegelt. Die weltweit anziehende Nachfrage wird zu leicht höheren Notierungen führen und den Gap zwischen WTI und Brent mittelfristig noch mehr ausweiten. Dieser Entwicklung sind allerdings Grenzen gesetzt, weil die Konkurrenz spielt, und das ist gut so.

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