Firmenchef Ed Breen war begeistert. Vom Bahnhof her schlenderte der damalige Chef des US-Milliardenkonzerns Tyco durch die malerische Altstadt an den Rhein. Spätestens nach dem Mittagessen am Fluss war er von der Stadt überzeugt. Nur wenig später wurden Teile der Rechts- und Finanzabteilungen hierher verlegt. Das war 2007. In der Zwischenzeit sind die Schaffhauser Büros von Tyco zu klein geworden. Das Unternehmen errichtet derzeit im benachbarten Neuhausen einen Neubau. Schon im April soll er eröffnet werden und 75 Arbeitskräften Platz bieten, bestätigt Firmensprecherin Catherine Bennett.

Das Industriekonglomerat steht nicht allein da. In den letzten Jahren entschieden sich zahlreiche internationale Unternehmen für einen Sitz in der Munotstadt. Darunter befinden sich Garmin, der Hersteller von Navigationsgeräten, oder das Internet-Portal Groupon (siehe Tabelle). Erst vor wenigen Wochen gründete der ­Finanzkonzern Moody’s eine Firma in Schaffhausen. Wann die Firma operativ tätig wird und wie viele Mitarbeiter sie ­beschäftigen wird, ist noch offen.

Schaffhausen hat sich im Schatten von Zug und Zürich beinahe unbemerkt zu ­einem ernst zu nehmenden Standort für internationale Firmensitze gemausert. Heute kommt rund die Hälfte aller Steuereinnahmen des Kantons von den rund 400 Firmen, die in den letzten 15 Jahren unter der Ägide der kantonalen Wirtschafts­förderung angesiedelt wurden. Seit 2006 haben sich pro Jahr konstant 25 bis 30 ­Unternehmen niedergelassen.

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Wettkampf um Firmen wird härter

Die Entwicklung ist erstaunlich, denn das Geschäft mit den Ansiedlungen wird zunehmend härter. 2007 zählte die Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area (GZA) 108 Ansiedlungen, 2011 waren es 91. Die schwierige Wirtschaftslage er­schwere Firmenzuzüge, erklärt Lukas Huber, stellvertretender Geschäftsführer der GZA. «Die Firmen sind zurückhal­tender, das schwierige Umfeld lässt die Nachfrage zurückgehen», so Huber. Auch die ungeklärten Fragen im steuerlichen Bereich liessen die Firmen vorsichtiger werden. Zudem mache der nach wie vor starke Franken den Standort Schweiz teurer, so Huber. Und die Konkurrenz schläft nicht. Grossbritannien tritt auf dem Markt aggressiver auf, auch Dubai und Singapur möchten ein Stück vom Kuchen. Irland und die Niederlande sind erbarmungs­lose Konkurrenten, wenn es um Internet-Unternehmen oder Hauptquartierprojekte geht.

Fragt man bei den Firmen nach, weshalb sie in Schaffhausen neue Büros eröffnet haben, hören sich die Gründe sehr ähnlich an. Der Flughafen Kloten ist nahe, Büroflächen sind günstiger als in Zug, und im Grossraum Zürich ist es einfach, geeignete Mitarbeiter zu finden. Eine eher unter­geordnete Rolle spielt die Steuerersparnis. Laut der jüngsten Erhebung von BAK Basel Economics liegt Schaffhausen bei der Steuerbelastung in der Schweiz nur im Mittelfeld. Sicher sind tiefe Steuern wichtig, erklärt ein Steuer­berater. Viel wichtiger sei aber, dass der Kanton schnell und zuverlässig Verhandlungen mit den Steuerberatern und dem ansiedlungswilligen Unternehmen abschliessen könne. Die Wege in Schaff­hausen gelten als kurz und die wichtigen Entscheidungsträger werden schnell mit einbezogen. Damit laufe Schaffhausen derzeit allen anderen Regionen in der Schweiz den Rang ab, auch Zug.

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Ausserdem spielt die Cluster-Bildung eine wichtige Rolle. «Oftmals ziehen ­Unternehmen nach, wenn ein wichtiger Konkurrent sich in einer bestimmten Region niederlässt», stellt Maire Walsh, Partnerin Steuer- und Rechtsberatung beim Be­ratungsunternehmen PwC, fest. Nach Ansicht eines Zürcher Steuerexperten dienen diese Firmen dann als Referenzen für weitere Unternehmen. Dem steuergünstigeren Luzern würden derzeit solche Testimonials noch fehlen.

«Die Steuerbelastung ist zwar ein wesentlicher Faktor, um im internationalen Wettbewerb überhaupt in die engere Standortauswahl zu kommen. Doch es spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle, und da kann Schaffhausen punkten», erklärt Thomas Holenstein von Generis. Anders als in der übrigen Schweiz wird die Wirtschaftsförderung im Kanton von Generis, einem privaten Unternehmen, betrieben. Die Firma erbringt mit rund 40 Mitarbeitenden Markteintritts-Dienstleistungen für Unternehmen sowie Marketingaufgaben für die öffentliche Hand. Die kantonale Wirtschaftsförderung für den Kanton Schaffhausen ist das grösste Mandat. «Als Wirtschaftsförderung sind wir ein One-Stop-Shop und betreuen Firmen vom ersten Interesse bis zur Ansiedlung», erläutert Holenstein.

Die Wirtschaftsförderung Schaffhausen hat sich auf die Ansiedlung von internationalen Hauptquartieren und von Hightech-Unternehmen spezialisiert. Viele Konzerne haben an verschiedenen europäischen Standorten unterschiedliche Funktionen verteilt. Generis hilft dabei, diese zusammenzulegen. Das prominenteste Beispiel dafür ist der Konsumgüterkonzern Unilever. Direkt am Bahnhof gelegen, liess sich das Unternehmen einen topmodernen Bürokomplex errichten. Darin hat Unilever verschiedene Unternehmensfunktionen im Bereich des Supply Chain Management in Schaffhausen zusammengelegt und derart die Kosten ­gesenkt. «Unser Ziel ist es, dass solche Funktionen hierher verlegt werden und mit ihnen die gut bezahlten Mitarbeiter», so Holenstein. Damit die Unternehmen auch möglichst lange bleiben, werden Leistungsverträge mit ihnen eingegangen. «Sie beinhalten Gegenleistungen in Form langjährig zu erhaltender Arbeitsplätze, Investitionsverpflichtungen sowie auch Wegzugsklauseln nach Ablauf der Steuerprivilegierungsperiode», erklärt Holenstein. Reine Briefkastenfirmen ohne Substanz interessieren den Wirtschaftsförderer nicht.

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Auch linke Politiker wie Kantonsrat Florian Keller von der Alternativen Liste erkennen in der Ansiedlungspolitik kein Problem, solange die Unternehmen auch wirklich Arbeitsplätze in der Region schaffen. Keller fordert aber mehr Transparenz bei den Steuervergünstigungen, mit denen die Firmen angelockt werden; zudem ­bereiten ihm die steigenden Immobilienpreise im Kanton Sorgen. «Günstiger Wohnraum verschwindet und wird durch teuren ersetzt», so Keller.

Fragezeichen bei Amazon

Nicht immer läuft aber alles nach Plan. So habe sich ein Unternehmen für einen Sitz in Schaffhausen entschieden, nur habe die Unternehmensleitung nicht mit dem Management gerechnet, erklärt ein Kenner der Szene. Denn das habe sich schlicht geweigert, in die Schweiz zu ziehen. Und nicht alle prominenten Unternehmen, die sich im Schaffhauser Handelsregister finden lassen, sind in der Stadt operativ tätig. Vor wenigen Monaten etwa trug der Online-Händler Amazon eine Firma in Schaffhausen ein. Geschehen ist seither nichts. Eine Anfrage, was die Firma plant, blieb bislang von Amazon unbeantwortet.

Eine sehr konkrete Ankündigung erfolgte dagegen von der Firma Groupon, dies schon heute vom Standort überzeugt ist. «Wir möchten Groupon in der Schweiz zentralisieren und an unserem internationalen Hauptgeschäftssitz in Schaffhausen viele unserer Aktivitäten konzentrieren», bestätigt eine Groupon-Sprecherin. Dafür sei auch ein weiterer Stellenausbau notwendig.

 

Arbeitsplätze und Steuerkraft: Steuereffekte von gut 60 Millionen Franken

Vorgehen
Will eine ausländische Firma Abteilungen oder ihren Sitz ins Ausland verlagern, vergleicht sie verschiedene Standorte miteinander. Bis zu fünf kommen in eine engere Auswahl. Diese werden genau geprüft, indem Abklärungen vor Ort vorgenommen werden. Ist ein Entscheid gefallen, wird eine Firma gegründet. So fällt es einfacher, Mitarbeiter anzuheuern und Lokalitäten zu mieten.

Langwieriges Verfahren
Die Dauer des Ansiedlungsprozesses hängt stark vom Unternehmen ab. Er kann von einem Monat bis zu zwei Jahren dauern. Vom Entscheid für einen bestimmten Ort bis zum Moment, da dort auch wirklich Mitarbeiter beschäftigt sind, können oft Monate vergehen.

Wirtschaftsfaktor
Zwischen 1997 und 2011 wurden in Schaffhausen 390 Firmen angesiedelt. Gemäss der kantonalen Wirtschaftsförderung schufen diese Unternehmen rund 2900 Arbeitsplätze. Insgesamt befinden sich im Kanton rund 38000 Arbeitsplätze.

Steuereffekt
Die Steuereinnahmen aus Neuansiedlungen stiegen bis 2006 kontinuierlich an. Die Wirtschaftskrise bremste jedoch das Wachstum. 2010 bezahlten juristische Personen insgesamt rund 38 Millionen Franken Steuern. In der Summe enthalten sind die Kantonssteuer, der Kantonsanteil aus der direkten Bundessteuer und die Gemeindesteuer. Natürliche Personen entrichteten Abgaben über 21 Millionen Franken. Der indirekte Steuereffekt auf das lokale Gewerbe wird auf 2,5 Millionen Franken geschätzt.

Steuersenkungen
Aufgrund der hohen Einnahmen aus den neu angesiedelten Firmen bewilligte der Kanton Schaffhausen im Jahr 2007 bei den juristischen Personen eine Senkung der Kantonsund Gemeindesteuer von rund 50 Prozent.