Auf ihrer Expansion in die Märkte Europas prüfen immer mehr Firmen aus Indien und China, was die Schweiz für Unternehmen zu bieten hat. Klar zugenommen hat die Zahl der entsprechenden Anfragen etwa in den Kantonen Bern, Schwyz und Uri. «Die Kontakte mit Unternehmen aus Indien und China, die sich für die Ansiedlung im Kanton Bern interessieren, nehmen zu», beobachtet Denis Grisel, Leiter der Wirtschaftsförderung des Kantons Bern.
Die Standortförderung des Bundes ist in China bereits aktiv. Indien hingegen ist noch Neuland. Derzeit prüfe der Bund das Marktpotenzial und den Aufbau einer Standortpromotion in Indien, sagt Michael Mayer, Leiter Standortpromotion beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

*Inder ziehen nach Schaffhausen*
Das Rennen um die erste grössere Firmenansiedlung aus Indien hat der Kanton Schaffhausen gemacht. «Mit der Aftek Infosys Ltd aus Mumbai haben wir ein bedeutendes indisches Technologieunternehmen an Land gezogen, das einen Teil seiner Headquarterfunktionen nach Schaffhausen verlegen wird», gibt Thomas Moser von der Wirtschaftsförderung Kanton Schaffhausen der «Handelszeitung» auf Anfrage bekannt.
Günstige Steuerbedingungen vor allem für Holdings haben bereits einige bedeutende internationale Konzerne nach Schaffhausen gelockt: Der zweitjüngste Neuzugang ist das US-Aluminium-Recycling-Unternehmen Aleris, das seinen Europa-Hauptsitz in Schaffhausen etabliert. Auch andere US-Konzerne wie Wal-Mart, John Deere, Timberland, der Spezialitätenchemiekonzern Hercules sowie der Technologiekonzern Kennametal haben Headquarterfunktionen dorthin verlagert. Neben einem Totalsteuereffekt von 40 Mio Fr. seit 1998 schuffen die neu angesiedelten Firmen in Schaffhausen rund 1000 Arbeitsplätze.
Es ist kein Zufall, dass die indische Hightech-Firma Schaffhausen als Standort gewählt hat. Die neuen Schweizer Steuerparadiese werden wegen massiven Steuersenkungen immer attraktiver und machen den alten Steueroasen zu schaffen.
So zieht Unilever Schweiz heuer vom etablierten Steuereldorado Zug nach Thayngen SH. Dort konzentriert der Konzern seine bisher in Zug domizilierten vier operativen Business Units.
Ähnlich ergeht es dem Kanton Schwyz mit dem amerikanischen Konzern Kimberly-Clark. Dieser verlegt seine Hakle-Produktion in Reichenburg SZ ins Tela-Werk in Niederbipp BE. Betroffen davon sind rund 150 Mitarbeitende. Nach Niederbipp abgezogen werden auch Logistik, Verkauf und Administration.
Joana Filippi von der Schwyzer Wirtschaftsförderung betont allerdings, dass der Abzug von Produktionsstätten durch neu zugezogene Unternehmen aus der Finanzindustrie kompensiert würde.
Auffällig ist, dass Kantone, die wie Thurgau in den vergangenen Jahren Steuersenkungen durchgeführt haben, überdurchschnittlich viele ausländische Firmen anziehen, die tatsächlich Arbeitsplätze schaffen - also keine Briefkastenfirmen.
Im verschärften Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen schlagen bezeichnenderweise die Verlierer neue Töne an und plädieren für interkantonale Zusammenarbeit. Filippi: «Ich bin überzeugt, dass die Förderung von funktionalen (nicht politischen) Wirtschaftsräumen für die Ansiedlung und Pflege von bestehenden Unternehmen in der Schweiz immer wichtiger wird.»
Die neuen Steuerparadiese haben aber ihre Attraktivität nicht auf sicher. Einige Firmen, die heuer in Sarnen - also dem neuen Obwaldner Steuerhimmel - neu registriert wurden, waren gemäss Handelsregister zuvor im Kanton Schaffhausen angesiedelt.

*Tiefere Steuern entscheidend*
Wer sich nicht bewegt, wird links liegen gelassen. Das ist eine Tatsache. Wenn auch spät, will nun auch der Kanton Graubünden die Steuersätze nach unten revidieren. Markus Haltiner von der Wirtschaftsförderung Kanton Graubünden: «Wir spüren starken Druck von hier ansässigen Unternehmen, die steuerlichen Nachteile auszugleichen.»
Die Steuerbelastung ist nach Haltiner ein zentrales Entscheidungskriterium bei der Standortwahl: «Standorte mit ungünstigen Steuerkonditionen kommen oft gar nicht in eine erste Auswahl, geschweige denn in eine Shortlist.» Um steuerlich attraktiver zu werden, nehmen die Bündner von juristischen Personen gar Mindereinnahmen von 58 Mio Fr. in Kauf.

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