Was unterscheidet die Yale School of Management (SoM) von ihren europäischen Konkurrenten?

Stanley Garstka: Ich denke, dass das Konzept der MBA-Ausbildung in Europa etwas anders ist. Es ist meiner Meinung nach viel stärker berufsorientiert. In Amerika sind wir ebenfalls berufsorientiert, aber wir versuchen die Leute auch zu bilden. So gesehen ist unser MBA fast eher eine Art geisteswissenschaftlicher Abschluss in Management anstatt das Erwerben von spezifischen Fähigkeiten, um ein bestimmtes Managementproblem zu lösen.

Bekommen Sie viele Bewerbungen aus Europa?

Garstka: Nicht so viele, und das sagt wohl etwas darüber aus, wie konkurrenzfähig die europäischen Schulen geworden sind. Wir erhalten viele Bewerbungen aus dem Fernen Osten, aber auch aus Südamerika und Mexiko. Derzeit haben wir Vertreter von etwa 45 Ländern an unserer Schule. Das ist sehr viel für eine so kleine Schule, denn wir nehmen jedes Jahr nur zwischen 200 und 240 Studenten in unser zweijähriges Programm auf. Das ist übrigens ein weiterer Unterschied zu Europa, wo einjährige Programme stark gefördert werden.

Der Präsident der Universität Yale, Richard Levin, möchte die Ausbildung internationaler machen. Was heisst das für die SoM?

Garstka: Wir denken über mögliche Beziehungen nach und welche Executive-Programme wir anbieten wollen. Wir haben schon einige solche Programme auf höchstem Niveau, beispielsweise mit den Präsidenten aller grossen chinesischen Universitäten. Im Moment stellen wir ein MBA-Programm für Executives im Gesundheitssektor zusammen. Wir werden eine hochkarätige Gruppe von 25 bis 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben, durchschnittlich etwa 38 bis 40 Jahre alt, mit viel Erfahrung.

Wieso gerade Gesundheit?

Garstka: Einer unserer Vorteile liegt darin, dass wir auf den Campus der gesamten Universität Yale zurückgreifen können, indem wir mit verschiedenen Fakultäten zusammenarbeiten, in diesem Fall mit der Yale School of Medicine und der Yale Law School. Dies erlaubt uns übrigens auch, «Dual Degrees» anzubieten, etwa in einem gemeinsamen Studiengang mit der Umwelt- und Forstwirtschaftsschule und einem gleichzeitigen Abschluss als MBA und Masters in Umweltwissenschaften.

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Haben Sie im Rahmen der Internationalisierung von Yale auch Programme ins Auge gefasst, die Studenten für einen Teil ihrer Ausbildung an eine ausländische MBA-Schule führen?

Garstka: Das ist eine Knacknuss, denn eine 300-jährige Institution wie Yale ist ein bisschen in ihren alten Gewohnheiten festgefahren. Derzeit wird kein Kurs von irgendeiner anderen Universität an einen Yale-Abschluss angerechnet. Wir drängen als Management School seit längerem auf eine Änderung, und ich denke, dass die ganze Universität das möchte. Um das richtig zu machen, müssen wir uns aber im Einklang mit dem Rest von Yale bewegen.

Ist dabei für Sie auch Europa von Interesse?

Garstka: Europa ist schwieriger, denn wir sind klein, und Europas Managementausbildung ist bereits sehr weit fortgeschritten. Zwar teilen wir viele Fakultätsressourcen und Wissenschaftler, aber das hat sich bis jetzt noch nicht in Lehr- oder Austauschprogrammen niedergeschlagen.

Werden wir dazu in baldiger Zukunft etwas hören?

Garstka: Oh ja, keine Frage! Wir müssen sogar. Wir haben eben erst einen neuen Dean ernannt, und ich vermute, dass er im Moment viel Zeit mit Yale-Präsident Levin verbringen wird, um die Details auszuarbeiten.

Welche Universitäten betrachten Sie als Ihre grössten Konkurrenten?

Garstka: So gut die europäischen Managementschulen sind, sie sind doch noch nicht ganz so gut wie unsere Schulen in den USA. Und wie erwähnt verfolgen europäische und amerikanische Institute einen etwas unterschiedlichen Ansatz. Weil die Welt komplizierter, globaler und schneller wird, empfiehlt sich meiner Meinung nach eine Ausbildung, die Wert auf generische Fähigkeiten legt anstatt auf die Vermittlung spezifischer Techniken oder Ansätze, die schnell veralten können. Natürlich lehren alle Schulen dasselbe Grundwissen wie Present Value usw. Aber lehren sie auch das Handhaben von Veränderung in einem komplexen System?

Und wie tun Sie das in Yale?

Garstka: Wir haben Glück, dass wir sehr intelligente Studenten bekommen, die man auf unterschiedlichste Weise fordern kann und mit grossen Ideen konfrontieren, die sie auch verstehen. Wir vermitteln neben Grundwissen auch Strukturen, um mit der zunehmend komplexen Welt umzugehen. Das funktioniert fast wie eine Gehirnwäsche. In einer verzwickten Lage nehmen unsere Absolventen später ganz automatisch diese wunderbaren Strukturen zur Hand, die wir so gründlich vermittelt haben, und bringen umgehend Ordnung in eine Situation wie ein guter Manager.

Was für Menschen sind Yale-Studenten?

Garstka: Letztlich geht es um Unternehmertum. Das erklärte unser erster Dean, William Donaldson ­ bis vor kurzem Chef der Börsenaufsicht SEC ­ vom ersten Tag an, als vor 28 Jahren unsere Schule gegründet wurde. Unternehmer sind nicht nur Gründer von Gesellschaften, sondern Leute, die Dinge verwirklichen. Diese Art von Person besucht allerdings kein einjähriges Skill-Programm.

Sind diese Macher soziale Wesen?

Garstka: Wenn ein Student nach Yale kommt, wird er vom ersten Moment an diesen starken Gemeinschaftssinn spüren. Jeder kennt hier jeden, die Studenten die Lehrkräfte und umgekehrt. In diesem Umfeld lernen Studenten auch ausserhalb des Klassenzimmers. Etwas Besonderes an der Management School ist zudem dieser Sinn für soziale Verantwortung. Natürlich ziehen wir Leute an, die in unserer Wirtschaft gern viel Geld verdienen möchten. Wir haben aber eine ganze Reihe von Absolventen, die unglaublich erfolgreich sind und gleichzeitig wunderbare Wege gefunden haben, die Gesellschaft an ihrem Erfolg teilhaben zu lassen, etwa mit der Einrichtung von Kinderkrippen für alleinerziehende Mütter.

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Wie verbindet sich das mit dem Unternehmergeist?

Garstka: Ein Unternehmer ist sich seines sozialen Umfelds stärker bewusst. Gute Unternehmer sind aufmerksame Beobachter und sehen sich dauernd nach guten Gelegenheiten um. Und wir bekommen einen guten Teil von wirklichen Unternehmern. Das schafft gelegentlich auch Probleme, denn sie sind schwieriger bei einem Arbeitgeber zu platzieren. Personalrekrutierer wollen oft lieber Erbsenzähler.

Und trotzdem möchten Sie mehr unternehmerische Geister ausbilden?

Garstka: Ja, genau! In diesem Zeitalter kann man kein Unternehmen schaffen, das mit Erbsenzählen für die nächsten fünf Jahre zufrieden ist, denn die Welt wird an diesem Unternehmen vorbeiziehen. Wir brauchen viel mehr Kreativität, Glanz und Unternehmertum im Management! Im Grunde geht es um Prinzipal und Agent, um es auf die Managementtheorie hinunterzubrechen. Der Agent geht ins Unternehmen und arbeitet. Der Prinzipal, also der Unternehmer, denkt komplett anders. Und in Managementschulen müssen wir besser werden in der Ausbildung zu Unternehmern statt zu Agenten, denn das ist der Bereich, in dem der wirkliche Wert in unserer Wirtschaft heute geschaffen wird.

Welches sind Ihre Ziele für die Yale SoM?

Garstka: Wir bei der SoM würden gern bekannt sein als Ort, wo ein Rekrutierer hingeht, wenn er wirklich jemanden sucht, der über Management, Organisation und Gesellschaft nachdenken kann und der ein Unternehmen fordert und zum Denken anregt. Denn die Yale School of Management bringt solche Leute hervor.

Zur Person

Stanley Garstka (61) ist stellvertretender Dean der Yale School of Management (SoM), Professor für Management. Sein Doktorat machte er an der Carnegie Mellon University; er ist Experte in Konkursverfahren und Restrukturierungen sowie Finanzbuchhaltung. Er war Dozent an der University of Chicago, bevor er zur Yale SoM stiess. Neben der Lehrtätigkeit ist Garstka unter anderem unabhängiger Berater bei der Auswahl von «Anbietern unabhängiger Unternehmensanalysen» im Rahmen des Wall-Street-Vergleichs mit der US-Börsenaufsicht SEC.

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Yale School of Management (SoM): Günstige Kredite - auch für Ausländer

Jedes Jahr nehmen 200 bis 240 Studierende das zweijährige MBA-Programm in Yale auf. Die SoM hat keine «Undergraduates» und einige wenige Doktoranden. Das Durchschnittsalter der Studierenden liegt bei etwa 27 Jahren. Der Frauenanteil liegt bei etwa 34%. Schätzungsweise 30% der Studierenden sind verheiratet und haben Familie. Eine typische Klasse hat im Mittel einen Anteil von 25% bis 30% ausländischer Studierender. Neu wird ein MBA für Executives angeboten, daneben sind massgeschneiderte Executive-Programme erhältlich.

Die Studiengebühren allein betragen 36800 Dollar pro Jahr, doch müssen inklusive Unterhalt und Lehrmaterial rund 58000 Dollar veranschlagt werden. Gemäss Stanley Garstka lohnt die Investition: «Der führte eine Studie durch zum der Management-Schulen auf Basis des Salärunterschieds der Absolventen vor und nach dem MBA-Kurs. Ich glaube, wir schnitten als Nummer eins oder zwei ab.» Jedes Jahr werden Stipendien über mehrere Mio Dollar vergeben, und alle Studierenden ­ auch ausländische ­ haben Zugang zu Krediten zu günstigen Konditionen. (sj)