Die Währungskrise beschert Schweizer Konsumenten so manches Schnäppchen. Coop senkte wegen des schwachen Euro die Preise von 400 Produkten um durchschnittlich 10 Prozent. Die Migros verbilligte 355 Artikel um 5 bis 15 Prozent. Und Denner setzte bei 220 Produkten oder 12 Prozent des Sortiments den Rotstift an.

Doch der Eindruck von Preissenkungen auf breiter Front täuscht. Die Währungsgewinne der Konsumenten könnten deutlich grösser sein. Der Franken wertete gegenüber dem Euro innert Jahresfrist um 12,5 Prozent auf, in den letzten zwei Jahren waren es sogar 17 Prozent (siehe Grafik). Die Waren aus dem Euro-Raum müssten eigentlich in ähnlichem Ausmass billiger geworden sein.

Das ist jedoch nicht der Fall. Die Importpreise sanken gemäss Schweizerischer Nationalbank im letzten Jahr nur um 2,2 Prozent, innerhalb von zwei Jahren um 5 Prozent, wenn man die sogenannte Kernteuerung betrachtet (siehe Grafik). Die Kernteuerung eignet sich besser für die Untersuchung der Wirkung von Wechselkursveränderungen, weil die stark schwankenden Rohstoffpreise und die Preise für landwirtschaftliche Produkte ausgeklammert bleiben.

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Die Strategie der besten Exporteure

Untersuchungen zeigen, dass Wechselkursveränderungen nur unvollständig an die Konsumenten weitergegeben werden. Das gilt auch für die Schweiz. Gemäss einer Studie der Nationalbank schlagen Wechselkursveränderungen zwar relativ schnell - innert drei bis vier Monaten - auf die Preise für importierte Güter durch, aber nur sehr unvollständig: Auch langfristig wird nur ein Drittel der Wechselkursveränderung an die Kunden weitergegeben. Eine genauere Analyse zeigt, wo die Übertragung blockiert wird. Tiefere Importpreise werden zwar fast vollständig an die Konsumenten weitergegeben - hier scheint der Wettbewerb der Händler zu spielen. Doch die EuroSchwäche kommt gar nicht erst bei den Importpreisen an.

Nun hat Nicolas Berman, Assistenzprofessor am Institut de hautes études internationales et du développement in Genf, gemeinsam mit zwei französischen Kollegen erstmals erklären können, warum die Importpreise kaum sinken. Anhand von Exportdaten von fast 150000 französischen Firmen untersuchten die Forscher, wie Exporteure auf eine Abwertung des Euro reagieren. Die besten Exportfirmen - das sind relativ wenige, die aber für den allergrössten Teil der französischen Exporte verantwortlich sind und die besten Geschäftsresultate erzielen - erhöhen ihre Preise im Zielland, wenn sie dank einer Euro-Abwertung wettbewerbsfähiger werden. Für starke Firmen wie L’Oréal, für die Luxusmarken aus der französischen Mode- und Kosmetikwelt, für Autofirmen wie Renault, Peugeot oder Citroën lohnt es sich bei einer Euro-Abwertung, die Importpreise in der Schweiz hoch zu halten und so die Margen zu erhöhen.

Nur kleinere und weniger produktive Exporteure wählen die andere Strategie: Sie nutzen die Euro-Schwäche dazu, ihre Exporte auszuweiten und so ihren Marktanteil in der Schweiz zu steigern - oder überhaupt erst in den Schweizer Markt einzusteigen. Diese Strategie lohnt sich für die Exportstars auch deshalb nicht, weil sie wegen der zusätzlichen Vertriebskosten in der Schweiz ihren Absatz nicht so so stark ausweiten können wie die kleineren Exporteure. Deren Mengenausweitung genügt jedoch nicht, um das Preisniveau im Zielland stark zu beeinflussen.

Die Untersuchung der Exportstrategien der französischen Firmen erklärt somit zu einem guten Teil, warum Wechselkursveränderungen so schwach auf die Importpreise durchschlagen. Die Schweiz mit ihrem hohen Importanteil an hochwertigen Produkten und starken Marken ist von diesem Mechanismus besonders stark betroffen.

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Die Erkenntnis der Forscher dämpft die Hoffnung der Konsumenten: Wenn die starren Importpreise auf einer vernünftigen Strategie der Exportfirmen beruhen, setzt das der Schweizer Wettbewerbspolitik enge Grenzen - und schränkt den Handlungsspielraum der hiesigen Händler ein. Die Politik hat in den letzten Jahren einiges getan, um den Wettbewerb zu fördern: Ausbau der Befugnisse der Wettbewerbskommission, Erleichterung von Parallelimporten durch die Änderung des Patentgesetzes auf Mitte 2009 und schliesslich die einseitige Einführung des Cassis-de-Dijon-Prinzips in der Schweiz auf Mitte 2010.

Seither dürfen Waren, die in der EU rechtmässig hergestellt worden sind, auch in der Schweiz verkauft werden. Lebensmittel brauchen allerdings für die erstmalige Einfuhr eine Bewilligung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Bisher hat es 11 Gesuche bewilligt, 14 abgelehnt, 30 sind noch hängig. Bei einigen der zugelassenen Produkte fällt es schwer, von einer Verbesserung zu sprechen: Schinken mit einem höheren Wasseranteil ist wohl billiger, aber nur auf Kosten der Qualität.

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Neue Verpackungen

Auch gibt es viele Ausnahmen vom Cassis-de-Dijon-Prinzip, und beispielsweise Warnhinweise auf Kosmetikartikeln müssen zwingend in drei Landessprachen angegeben werden. Coop-Sprecherin Denise Stadler dämpft deshalb die Erwartungen: «Es wird nur wenig Preissenkungspotenzial geben, denn die Verpackungen müssen wir grösstenteils doch weiterhin neu produzieren.» Dass das BAG die Regeln sehr restriktiv auslegt, musste Denner bereits erfahren. Das BAG verlangt, dass auf der Verpackung das Produktionsland explizit durch einen Hinweis «hergestellt in …» und den ausgeschriebenen Ländernamen gekennzeichnet werden muss. Name und Adresse des Herstellers sowie das Kürzel EU und «DE» für Deutschland genügen dem BAG nicht. Dagegen führt Denner nun Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.

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Nachdem Denner das Recht erstritten hat, die Elmex-Zahnpasta am offiziellen Kanal des Herstellers vorbei einzuführen, will der Discounter in Zukunft mehr parallel importieren. Doch der Fall Elmex ist noch nicht erledigt: Die Herstellerin Gaba International hat gegen das Urteil der Wettbewerbskommission vor Bundesverwaltungsgericht rekurriert.

Einsparpotenzial begrenzt

Die Grossen wie Migros und Coop haben ein zusätzliches Problem: «Es erweist sich als komplex, auf dem Graumarkt grosse Mengen zu beschaffen, um die Filialen flächendeckend zu beliefern und damit konstant tiefe Preise anbieten zu können», sagt Migros-Sprecherin Monika Weibel. Oft reicht das deshalb nur für zeitlich befristete Aktionen, wie im laufenden Jahr zum Beispiel zwei Mal mit einem Duschmittel von Axe in der Migros. Je besser die Produzenten ihre Warenströme im Griff haben, desto schwieriger wird es für die Schweizer Detailhändler, Waren für den Parallelimport zu beschaffen.

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Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzte das Einsparungspotenzial für Konsumenten und Unternehmen dank Cassis-de-Dijon auf zwei Milliarden Franken. Auch bei Denner glaubt man an die preissenkende Wirkung, aber: «Die prognostizierten Einsparungen dürften kaum zu realisieren sein.»

Die gefühlten Preise sinken freilich sowieso nicht. In der letzten Umfrage zur Konsumentenstimmung gab eine Mehrheit der Befragten an, dass die Preise ihrer Ansicht nach in den letzten zwölf Monaten gestiegen seien.