Dieses Jahr werden Herr und Frau Schweizer zum Christmas-Shopping nicht mehr so freudvoll nach New York fliegen. Manch einer wird als Alternative Paris, Frankfurt oder Mailand erwägen. Denn der Dollar ist der neue Teuro. Der Greenback hat zum Schweizer Franken innerhalb eines halben Jahres um rund 16% zugelegt. Der Euro dagegen ist im gleichen Zeitraum 6% billiger geworden. Fazit: Wer zum Shopping ins Euroland fährt, bekommt für seine Schweizer Franken rund 20% mehr als in den USA.

Wer in die EU liefert, leidet

Das wissen auch die exportorientierten Schweizer Unternehmen. Nur sind sie weniger flexibel als die Konsumenten. Wer teuer - also in der Schweiz - produziert und in Länder mit schwacher Währung - also in die EU - exportiert, hat das Nachsehen. Deshalb stöhnt und ächzt so manches Unternehmen über den starken Franken, und Volkswirtschafter rechnen vor, welchen Schaden die Schweiz davontragen würde, wenn der Euro längerfristig unter 1.50 oder gar 1.45 Fr. bliebe. Was bei aller Rechnerei oft vergessen geht, sind die Gegengeschäfte in günstigen Euro - und vor allem die positiven Folgen des erstarkten Dollar.

Die Ergebnisse einer Umfrage der «Handelszeitung» bei international tätigen Schweizer Unternehmen zeigen tatsächlich: Das Plus infolge des starken Dollar vermag erstaunlich oft das Minus aus der Euro-Schwäche zu kompensieren. Zudem kaufen manche Unternehmen auch in Euro ein und profitieren so vom tiefen Kurs. Andere haben Kosten und Erträge gleichmässig auf die Währungsräume verteilt, sodass Kursschwankungen nicht ins Gewicht fallen.

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Risiko mit Hedging begrenzen

«Wir haben keine Nachteile durch den schwachen Euro, sondern eher einen Vorteil», sagt Dirk Kirsten, CFO des Zahnimplantate-Herstellers Nobel Biocare. Nordamerika mache etwa 30% des Geschäfts aus. «Der Dollar hat damit momentan einen positiven Einfluss auf unsere Umsatzentwicklung.» Dies gilt natürlich umso mehr, als Nobel Biocare in Euro rapportiert. «Bisher haben wir aber auch auf Stufe Betriebsgewinn Währungseffekte durch gezieltes Hedgen zum grossen Teil neutralisieren können.»

Auch Konkurrent Straumann begrenzt - wie die meisten international aufgestellten Unternehmen - die Kursrisiken durch Fremdwährungstransaktionen. 49% des Umsatzes stammen aus dem EuroRaum, 18% aus dem Dollar-Raum. Straumann rapportiert in Franken. Sinkt der Euro-Kurs um 1 Cent, sinkt daher der Umsatz um rund 3 Mio Fr., das Betriebsergebnis um 1,5 Mio Fr. Die Schwankungen des Dollar-Kurses machen nur etwa halb so viel aus. Pech hat Straumann, weil der Anteil der Kosten in Dollar im Verhältnis zum Umsatz höher ist als beim Euro. «Der Dollarkurs müsste schon aussergewöhnlich hoch sein, um einen schwachen Euro vollständig zu kompensieren», sagt Straumann-Sprecher Thomas Konrad.

Positiv sieht Swatch-Präsident Nicolas G. Hayek die Balance zwischen tiefem Euro und starkem Dollar: «Der Anstieg des Dollar kompensiert den Rückgang des Euro.» Die Swatch Group verkauft nur 20 bis 24% in den Euro-Raum.

Positiv ist die Währungssituation auch für den Biotech-Konzern Actelion, der etwa je 40% des Umsatzes in den USA und in Europa macht. «Weil der Dollar mehr zugelegt, als der Euro nachgegeben hat, sind wir nicht zu unserem Nachteil betroffen», sagt Kommunikationschef Roland Häfeli. Allerdings wagt er angesichts der heftigen Kursschwankungen keine Zukunftsprognosen.

Beim Zementkonzern Holcim spielt das Euro-Tief aus anderen Gründen keine grosse Rolle: «Wir produzieren und verkaufen lokal, also haben wir praktisch kein Fremdwährungsrisiko», sagt Firmensprecher Peter Gysel. Lediglich 3% des Nettoverkaufsertrags fielen in Schweizer Franken an.

Ähnlich klingt es beim Technologiekonzern Sulzer, der etwa je einen Viertel des Umsatzes in Euro und Dollar macht. «Währungsschwankungen wirken sich im Wesentlichen nur bei der Umrechnung in die Berichtswährung Schweizer Franken aus», sagt Sulzer-Sprecherin Verena Gölkel.

GF: Ausbau in Asien und Amerika

Der grösste Schweizer Autozulieferer, Georg Fischer (GF), baut seine Position in Asien und Amerika gezielt aus, «um einen geografischen Ausgleich zu erreichen», sagt Konzernsprecherin Bettina Schmitt. Währungsrisiken versucht GF durch natürliches Hedging zu reduzieren, «indem wir gezielt in denjenigen Währungsräumen einkaufen und produzieren, in denen wir auch verkaufen». So zum Beispiel bei GF Automotive, wo sich alle europäischen Werke als auch alle Kunden im Euro-Raum befinden. Zudem kaufe auch GF AgieCharmilles viel in Euro ein. Und: «Die Euro-Schwäche dürfte unsere Kunden im EuroRaum und deren Verkauf in andere Währungsräume stärken, wovon GF wiederum profitieren könnte.» Über die konkreten Auswirkungen des tiefen Euro-Kurses will GF aber erst anlässlich der Halbjahresergebnisse informieren.

Anders beim Hörgerätehersteller Sonova, wo aktuelle Zahlen und Schätzungen für die Zukunft auf dem Tisch liegen, weil er erst vor zwei Wochen über das Geschäftsjahr 2009/10 berichtet hat: CFO Oliver Walker rechnet für das neue Geschäftsjahr mit einem positiven Währungseffekt von 10 Basispunkten bei der Betriebsgewinnmarge und 0,4% beim Umsatz.

Lonza: Mehrere Millionen mehr

Der Feinchemiekonzern Lonza freut sich über den starken Dollar, der im Konzern eine grössere Bedeutung hat als der Euro. «Etwa 50% der Einnahmen sind in Dollar, aber nur 40% der Kosten», erklärt der Head of Group Treasury, Günther Jakob. Und eine Pro-forma-Rechnung zeigt: Das Nachsteuerergebnis 2009 wäre um 7 Mio Fr. besser ausgefallen, wenn der Dollar 10% stärker notiert hätte. Umgekehrt hätte ein um 5% schwächerer Euro das Ergebnis um rund 3 Mio Fr. geschmälert.

Novartis verweist auf die wirklichen «Probleme, mit denen die Finanzmärkte, die Zentralbanken und die Regierungen in den letzten 18 Monaten fertig werden mussten». Daneben erscheine die Euroschwäche als ein weniger wichtiges Problem. Da der Pharmakonzern die Zahlen in Dollar ausweist, sei ohnehin das Verhältnis des Euro zum Dollar massgebend.

Konkurrent Roche rechnet in Schweizer Franken ab. Aber auch er nimmt die Kursschwankungen dank natürlichem Hedgen gelassen. «Mit den Produktions-, Forschungs- und Entwicklungszentren in Europa und den USA fallen auch erhebliche Kosten in Euro und Dollar an», sagt Konzernsprecher Alexander Klauser.