Tortilla aus der Kapsel – Start­up-­Gründer Carlos Ruiz und seine Firma Flatev haben mit der Erfindung seiner Fladenmaschine im Nespresso-­Stil internationale Preise gewonnen. Vom Thur­gauer Kaffeemaschinenhersteller Eugster/Frismag, der Nes­presso und Jura beliefert, wollte Ruiz die Fladenmaschine zu Tausenden herstellen lassen.

Dafür holte er Arthur Eugster als strategischen Investor ins Boot, der die Maschinen mitentwickeln, produzieren und das Startup mitfinanzieren sollte. Viele Millionen sind geflossen – nur das fertige Produkt fehlt bis heute und damit auch die Umsätze. Flatev wirft nun Eugster vor, sich nicht an die Vereinbarungen zu halten. Eugster widerspricht entschieden. Es steht Aussage gegen Aussage. Klar ist nur: Die Beziehung ist zerrüttet. Jetzt sprechen die Anwälte.

Flatev ist kein Einzelfall. Zwischen 10 und 30 Prozent aller Startups in der Schweiz haben früher oder später mit ihren Geldgebern oder Anteilseignern zu kämpfen. Bei fast allen geht es um Konflikte über Stimmrechte, Rentabilitätsziele, Geschäftsstrategien oder einfach nur um die Kontrolle bis hin zur Übernahme des Unternehmens und dessen Patente.

Kehrseite des Startup-Paradies

Hören tut man von solchen Fällen nur selten. Jungunternehmer wollen es sich nicht verscherzen. Investoren meiden das Publikum und sorgen sich um ihren Ruf. Dazwischen passieren Missverständnisse und Machtkämpfe, welche die Kehrseite des in der Öffentlichkeit vorzüglich dastehenden Gründerplatzes Schweiz darstellen. Gerade in Corona-Zeiten offenbaren sich die Sollbruchstellen der lokalen Startup-Szene.

«Risikokapitalgeber nutzen die Gunst der Stunde, um an günstige Deals zu kommen.»

Regula Buob, Startup-Stiftung WA de Vigier
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Die Softwarefirma Sherpany, auf Anwendungen für das Sitzungsmanagement spezialisiert, hatte Schwierigkeiten, eine Finanzierungsrunde aufzubauen. «Unsere institutionellen Investoren haben plötzlich angefangen, Spielchen zu spielen, und wollten neu verhandeln», sagt CEO Tobias Häckermann. Startups werden neu bewertet, was den Einstiegspreis ins Unternehmen senkt oder die Anteilsansprüche der Investoren erhöht. Und somit die Kontrolle über das Unternehmen. «Einige Investoren und Risikokapitalgeber nutzen die Gunst der Stunde, um an günstige Deals zu kommen», sagt Regula Buob, Leiterin der Startup-Stiftung WA de Vigier.

Investitionen gehen zurück

Das führt oft zu Spannungen, die selten in Statistiken stehen. Zumindest lässt sich im «Swiss Venture Insights Report» für das erste Quartal 2020 nachlesen, dass Schweizer Venture-Capital-Investitionen im Vergleich zum Vorjahresquartal um 100 Millio­nen Franken zurückgegangen sind: «Frühphasen-Startups, die noch keinen Umsatz haben, machen Investoren in diesen Zeiten besonders nervös», sagt ein Zürcher Entrepreneurship-Experte.

upbeat – Die Schweizer Podcast-Serie zu Schweizer Startups

Wöchentliche Interviews mit den innovativen Gründerinnen und Gründern des Landes. Gespräche über Ideen, Risiken und Nebenwirkungen.

Jetzt reinhören.

Sherpany die Stange gehalten habe schliesslich ein Privatinvestor. Die Finanzierungsrunde konnte abgeschlossen werden, aber institutionelle Investoren seien abgesprungen. «Wir konnten die schlechten von den guten Investoren trennen.» Häckermanns Erfahrung: «In Krisenzeiten fangen Investoren an, Geschäftspläne zu hinterfragen, die sie davor für gut befunden haben.» Darin sieht er ein Grundproblem, denn es zeige, wie sich in der Schweiz Erwartungen und Ambitionen der Investoren von der wahren Story der Startups entfernt haben.

Die Jungfirmen haben gelernt, einen Hype um ihre Idee zu konstruieren, damit sie an Gelder von Investoren kommen, die oft überzogene Renditeerwartungen und keine Geduld für die Firmenentwicklung haben.

«Ohne Strategie und oder Verständnis»

Diese Erfahrung hat auch Yosef Akhtman gemacht, Gründer von Gamaya, einem Startup im Bereich Präzisionslandwirtschaft. «Institutionelle Investoren wollten die Firma kontrollieren, ohne eine Strategie oder ein grundlegendes Verständnis für die Technologie und den Markt zu haben.» Nachdem er fünf Jahre lang CEO von Gamaya war, wurde er «gefeuert». Akhtman hält noch rund einen Viertel der Aktien.

Das Fazit vieler Gründer: Was von den Unis kommt, ist hoch innovativ. Das wird aber selten von den Erfindern geschäftlich umgesetzt. Meist schlagen Grossfirmen zu., den Investoren fehlen Geduld und Know-how. Anwälte haben mit der Start­up-Welt nicht genügend Erfahrung. Entwicklungsprozesse sind im Vergleich mit Nationen wie Israel, den USA oder England zu wenig standardisiert. Und Gründer sprechen mit Investoren nur selten auf Augenhöhe.

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