PATEK PHILIPPE/VACHERON CONSTANTIN. Um Ideen waren noble Fachhändler im fernen Südamerika im frühen 20. Jahrhundert nicht verlegen. Zur Steigerung von Uhrenabsatz und – zugegebenermassen – auch der Zahlungsmoral kreierten Juweliere wie Gondolo & Labouriau oder A. Campos eine Art Lotterie. Weil Glücksspiele verboten waren, mussten die potenziellen Teilnehmer demzufolge Mitglied eines Klubs sein. Von diesen existierten 1907 in Brasilien 54 mit jeweils 180 Mitgliedern. Bei Gondolo & Labouriau nannte sich die Gemeinschaft Piano do Club Patek Philippe System.

Brasilianische Genauigkeitsfans

Die Hauptdarsteller des bühnenreifen Geschehens kamen der Leidenschaft vermögender Brasilianer für Präzisionszeitmesser, damals noch Taschenuhren, sehr entgegen. Das, obwohl Pünktlichkeit in Südamerika nicht unbedingt grossgeschrieben wird! Irgendwann 1872 knüpfte aber Norbert Antoine de Patek aus Genf höchstpersönlich die Kontakte zu Gondolo & Labouriau in Rio de Janeiro. Die Lieferung einer ersten, ganz normalen Taschenuhr erfolgte noch im November des gleichen Jahres. Das Abenteuer Chronometro Gondolo mit speziellen Uhrwerken startete hingegen erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Charakteristische Merkmale waren eine S-förmig geschwungene Minutenradbrücke, Innenvierkant in der Federhauswelle, Zahnräder aus 9-karätigem Gold, Anker mit seitlichen Flügeln, Moustache-Anker genannt, spiraliger Exzenter zum fein dosierten Verstellen des Rückerzeigers und eine Unruhspirale mit hoch gebogener Endkurve, auch Breguetspirale genannt.Die Rohwerke fertigte LeCoultre exklusiv für Patek Philippe, denn kein anderer Ebauches-Fabrikant war damals imstande, innerhalb kurzer Zeit eine beträchtliche Anzahl an Rohwerken in der gewünschten Qualität zu liefern.

Auch Vacheron mit Connections

Nicht minder interessiert blickte damals ein anderer Top-Player der angesehenen Genfer Luxusuhrenszene auf den wichtigen brasilianischen Markt. Vacheron & Constantin wartete dort mit Präzisionstaschenuhren auf, deren Ebauches von LeCoultre stammten. Natürlich besassen auch diese Uhrwerke über konstruktive Details, welche sie vom Gängigen differenzierten: Schwanenhalsfeder-Feinregulierung für den Rücker, Unruhspirale mit Phillips’scher Endkurve, Saphir-Deckstein für den Zapfen der Unruhwelle, ein Chaton aus Massivgold und mit insgesamt 18 Steinen. Für diese Zeitmesser hatte das Unternehmen am 28. Mai 1907 unter der Nummer 22193 rechtlichen Schutz für den prestigeträchtigen Namen Chronomètre Royal erhalten. In den Vertrieb der königlichen Chronometer war der brasilianische Agent A. Campos eingebunden.

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Aus der Tasche ans Handgelenk

Mit Blick auf die zukunftsweisende Zeitenwende im frühen 20. Jahrhundert führte an Armbanduhren kein Weg vorbei. Den Anfang machte auch hier die Manufaktur Patek Philippe, welche den Chronometro Gondolo, fabricado expressamente para Gondolo & Labouriau Relojoeiros Rio de Janeiro, von 1910 bis 1927 in unterschiedlichen Ausprägungen fürs Handgelenk offerierte.

Sekundenzeiger gab es keinen

Die Charakteristika der 12-linigen Handaufzugskaliber entsprach denjenigen für die Taschenuhren. Bei den Goldgehäusen herrschte formale Vielfalt: Rund, quadratisch, rechteckig, Tonneau oder Kissen. Auch Damen kamen übrigens zu ihrem Recht. Der Werksdurchmesser von gut 27 mm beeinträchtigte jedoch die feminine Attitüde. Mit Blick auf den Terminus Chronometro verwundert nur eines: Keine der Armbanduhren besass einen Sekundenzeiger. Und das legt die Vermutung nahe, dass der Begriff allein für Zeitmesser stand. Vacheron & Constantin liess sich mit der Entsendung seines namhaften Chronomètre Royal an den Unterarm bis 1953 Zeit, als die Welt wieder mehr Lust auf Luxus verspürte. Gleich fünf verschiedene Werkskaliber kamen seinerzeit zum Einsatz. Ihre Basis stammte einmal mehr von LeCoultre im Vallée de Joux. Mit dieser Firma war Vacheron & Constantin als Mitglied der Gruppe S.A.P.I.C. (Société Anonyme de Produits industriels et commerceaux) nämlich seit 1938 aufs Engste verbandelt. Allerdings erfolgte die akribische Feinbearbeitung der Werke gemäss den hohen Vacheron-Constantin-Standards und die überaus sorgfältige Regulierung ausnahmslos an den Ufern der Rhone. Diese Arbeitsteilung und den hohen Aufwand verlangte allein schon das restriktive Reglement zur Erlangung des begehrten Genfer Siegels. Nicht weniger als elf verschiedenen Qualitätsanforderungen mussten die verbauten Uhrwerke genügen. Dabei galt es auch, die Kontrollen eines speziellen Genfer Prüfbüros anstandslos zu absolvieren. Das Bureau officiel de lEtat pour le contrôle facultatif des montres de Genève agierte unabhängig von den anderen Institutionen dieser Art in der Schweiz. Nur Uhrwerke, welche den dortigen Genauigkeitsnormen genügten, durften damals die besagte Genfer Punze tragen. Seit dem 22. Dezember 1994 verknüpft sich der sogenannte Poinçon de Genève nicht mehr mit einer amtlichen Genauigkeitsprüfung. Das soll jedoch nicht heissen, dass die uhrmacherischen Ansprüche gesunken sind. Damals verkörperte die legendäre Royal eine der ganz wenigen Armbanduhren, welche die amtliche Chronometerprüfung durch ihren klangvollen Namen unmittelbar zum Ausdruck brachte. Mit anderen Worten: Ohne entsprechendes Gangzeugnis blieb diesen Armbanduhren der imageträchtige Titel verwehrt. Vacheron bot zwischen 1953 und 1958 auch eine Automatik-Version mit den Kalibern 1019 und 1019/2 an, welche sich ebenfalls durch den kleinen bzw. den zentralen Sekundenzeiger voneinander abhoben. Der beliebte Selbstaufzug bescherte Vacheron & Constantin innerhalb von fünf Jahren einen Absatz von gut 630 Stück. Als LeCoultre ab 1959 die deutlich optimierten Automatikkaliber 1070 und 1071 sowie ab 1963 die Weiterentwicklungen 1072, 1072/1 und 1072Q (mit Fensterdatum) präsentierte, gehörte Vacheron & Constantin beinahe selbstverständlich zu den Kunden. Die letztgenannten beiden Uhrwerke wurden 1967 lanciert und verfügten bereits über eine Unruh mit variablem Trägheitsmoment. 1973 standen die Zähler etwa bei stolzen 1225 Exemplaren. Somit kann die Kaliberfamilie 107x als erfolgreichste im Zusammenhang mit dem Chronomètre Royal gelten, denn das 1974 eingeführte und bis 1975 gefertigte Automatikkaliber 1096 findet sich nur in etwa 330 königlichen Chronometern. Bleibt das 3,5 mm flache Automatikwerk 1126, das ab 1988 in zirka 1160 Armbanduhren dieses Typs Verwendung fand. Summa summarum stehen in den Büchern von Vacheron & Constantin also etwas mehr als 3800 Armbanduhren dieses Typs. Und diese relativ geringe Stückzahl macht ihn für Sammler ausgesprochen interessant.

Renaissance bei beiden Marken

2007 steht sowohl bei Patek Philippe wie auch bei Vacheron Constantin im Zeichen interessanter Neuauflagen dieser chronometrischen Klassiker. Bei Patek Philippe entstammt das gestalterische Vorbild der neuen Referenz 5098 P dem Jahre 1920. Das seinerzeit verwendete Uhrwerk mit der Nummer 180782 war rund, besass einen Durchmesser von 12 Linien und kam aus den Werkstätten des Ebauches-Fabrikanten LeCoultre. Im Retro-Gondolo mit guillochiertem Zifferblatt und den eher zierlichen Gehäusedimensionen von 32 x 42 mm kommt hingegen das von Grund auf neu entwickelte Form-Handaufzugswerk 25-21 REC zum Einsatz. Es versteht sich als legitimer Nachfolger des legendären Kaliber 9‘‘‘90, welches vermutlich 1930 in der Referenz 77 seinen Einstand gab, und wartet mit Gyromax-Unruh, frei schwingender Unruhspirale sowie Genfer Siegel auf. Im Gegensatz zu den Gondolo-Originalen verfügt das gewölbte Platin-Gehäuse über einen zeitgemässen Sichtboden. Vacheron Constantin zelebriert den 100. Geburtstag seines Chronomètre Royal durch eine entsprechend limitierte Sonderedition, in der aber nun das gleich doppelt zertifizierte Manufakturkaliber 2460 SCC mit Selbstaufzug tickt. Neben dem Genfer Siegel kann es auch eine amtliche COSC-Chronometerprüfung vorweisen. Das Goldgehäuse mit einem Durchmesser von 39 mm widersteht dem nassen Element bis zu einem Druck von 3 Atmosphären.Als ganz besonderes Merkmal besticht der Chronomètre Royal 1907 durch ein elegantes, handgefertigtes Emailzifferblatt mit weissgoldener Basis und augenfälliger, weil bordeauxroter 12. Wer einen der 100 königlichen Chronometer des Jahres 2007 ergattern möchte, sollte rasch zum Juwelier seiner Wahl aufbrechen. Denn nach Aussagen von Vacheron Constantins CEO Charly Torres sind alle Exemplare längst schon an den Fachhandel vorverkauft.

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