Als Financier haben Sie schon viele Krisen überstanden: Haben wir die Finanzkrise hinter uns?

Tito Tettamanti: Das Schlimmste ist vorbei. Das Risiko, dass das ganze System kollabiert, ist inzwischen gering.

Sind die Hoffnungen auf eine baldige Erholung in den USA, welche die Börse antreiben, berechtigt ?

Tettamanti: Die US-Konjunktur wird sich rascher als jene in Europa erholen. Aber wir werden keine Boomzeiten mehr erleben. Darum sind die Hoffnungen übertrieben. Amerika wird künftig deutlich langsamer wachsen, weil die Leute weniger auf Kredit konsumieren können und mehr sparen müssen.

Und die Schweiz: Sehen Sie hierzulande ein Licht am Ende des Tunnels?

Tettamanti: Die Schweiz wird sich schneller erholen als Deutschland. Unsere Firmen sind daran, die Hausaufgaben zu machen, und werden Ende dieses Jahres und vor allem im nächsten Jahr wieder mehr nach Asien und Amerika exportieren können. Auch unsere Banken sind trotz der Krise bei der UBS für die Zukunft besser aufgestellt als die Institute in Deutschland, zum Beispiel.

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Allerdings ist ja gerade der Schweizer Finanzplatz wegen des US-Steuerstreits und des Drucks auf das Bankgeheimnis seitens Europa stark in der Defensive.

Tettamanti: Wir sollten diesen Druck und die Kritik aus dem Ausland als Chance für eine Veränderung in unserem Land nutzen. Die Schweiz braucht jetzt einen Plan B. Unser Finanzplatz muss sich neu ausrichten.

Sollen wir das Bankgeheimnis nicht nur auflockern, sondern gleich abschaffen?

Tettamanti: Nein, wir werden das Bankgeheimnis behalten. Für den Schutz der Privatsphäre des Bürgers hat es auch künftig eine wichtige Funktion. Wir wollen in der Schweiz keinen gläsernen Bürger wie in Deutschland. Aber in der gelockerten Form hat es für uns wirtschaftlich nicht mehr die gleich hohe Bedeutung wie früher.

Macht es daher auch keinen Sinn, das Bankgeheimnis in der Verfassung zu verankern, wie dies mit einer Volksinitiative der Lega dei Ticinesi und der jungen SVP erreicht werden soll?

Tettamanti: Das bringt nichts. Das Bankgeheimnis war für unsere Banken ein Wettbewerbsvorteil. Doch die Unterscheidung von Steuerbetrug und Steuerhinterziehung lässt sich politisch nicht mehr aufrechterhalten und ist schwierig zu erklären. Doch das ist Vergangenheit.

Wie müsste denn ein Plan B für den Finanzplatz aussehen?

Tettamanti: Wir müssen einen Schlussstrich unter die Vergangenheit setzen. Die Schweiz muss einen Neuanfang wagen. Unser Finanzplatz sollte sich nicht mehr unter anderem auf Steuerflucht ausrichten. Da sehe ich in der Zukunft keine Geschäftschancen mehr. Vielmehr muss die Schweiz die hohe Qualität der hiesigen Banken in der Vermögensverwaltung von legal versteuerten Geldern und die ausgezeichneten Rahmenbedingungen unseres Landes als Wettbewerbsvorteil in den Vordergrund rücken.

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Wird dies nicht zu einem Vermögensabfluss bei unseren Banken führen?

Tettamanti: Im Gegenteil. Es wird für die Bürger in der EU und den USA immer schwieriger, nicht deklariertes Geld in die Schweiz zu bringen. Aber kein Steuerfahnder kann deutsche, französische oder italienische Unternehmer daran hindern, sich in der Schweiz niederzulassen. Statt Schwarzgeld wie in der Vergangenheit anzulocken, sollen wir die Vermögenden Europas dazu bringen, sich und ihre Firmen bei uns anzusiedeln. Dann müssen wir uns auch nicht vor einer Steueramnestie in Italien fürchten. Statt nur Geld müssen wir Unternehmer anlocken.

Wie stehen die Chancen, dass dieser Plan B aufgeht?

Tettamanti: Je mehr der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und seine Kollegen in der EU die Steuerschraube anziehen, desto mehr werden die Bürger Europas mit den Füssen abstimmen und zu uns in die Schweiz kommen. Die Leute haben die Nase voll. Das ist unsere grosse Chance: Ganz legal und ohne Streuertricks können wir Vermögen und Firmen in die Schweiz bringen.

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Was braucht es, damit mehr Reiche in die Schweiz kommen?

Tettamanti: Wir müssen innerhalb der Schweiz den Steuerwettbewerb spielen lassen. Das garantiert, dass wir auch international zu den steuerlich attraktivsten Ländern gehören. Auch die Mehrwertsteuer dürfen wir nicht erhöhen, nur weil man irgendwo gerade dringend Geld braucht. Unsere tiefe Mehrwertsteuer ist ebenso wie das generell tiefe Steuerniveau ein wichtiger Standortvorteil.

Welche anderen Trümpfe sollten wir ausspielen?

Tettamanti: Zusätzlich zu den tiefen Steuern müssen wir den Ausländern vermehrt zeigen, dass wir hierzulande eine gut funktionierende Administration und Infrastruktur, effizient arbeitende Institutionen haben. Zudem müssen wir die hohe Lebensqualität mit den ländlichen Landschaften unseres Landes als Pluspunkt besser ausspielen. Sicherheit, Forschung, Erziehung und die Vorteile des Gesundheitswesens sollen unsere Stärken sein.

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Genügt das wirklich?

Tettamanti: Es braucht in den Kantonen vereinfachte und schnelle Verfahren, um Ausländern, die ihre Firmen und ihr Vermögen bringen, anzusiedeln. Der Kanton Obwalden macht dies ja bereits gut. Auch der Kanton Schwyz. Eine wirtschaftsfreundliche Verwaltung in einem immer wirtschaftsfeindlicher werdenden Europa wird uns helfen, dass jedes Jahr einige tausend Deutsche, Franzosen oder Italiener zu uns in die Schweiz ziehen, um von hier aus ihre Geschäfte zu betreiben. Das schafft bei uns neue Arbeitsplätze und ist nicht nur für die Banken ein gutes Geschäft. Die Schweiz will künftig nicht ein Paradies für Schwarzgeld sein, sondern ein Land mit tiefen Steuern und einer hohen Lebensqualität, umringt von Steuerhöllen.

Da ist es doch nur eine Frage der Zeit, dass die EU-Länder versuchen, den Steuerwettbewerb in der Schweiz auszuhebeln.

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Tettamanti: Das werden sie versuchen, aber nicht schaffen. Solange wir uns an die Gesetze halten und keine Tricks im Graubereich machen, sind wir nicht verletzbar und werden auch im Ausland Alliierte finden. Beim Bankgeheimnis war dies nicht mehr möglich. Das Bankgeheimnis ist nicht zuletzt darum aufgebrochen worden, weil Mitarbeiter der UBS in den USA Gesetze verletzt haben. Das war eine grenzenlose Dummheit von den UBS-Leuten, die unserem ganzen Land und dem Finanzplatz massiv geschadet haben.

Müsste man die damaligen Verantwortlichen der UBS deswegen nicht auch in der Schweiz zur Verantwortung ziehen.

Tettamanti: Das wäre angezeigt. Der Schaden, den diese Leute mit den Verfehlungen in den USA angerichtet haben, ist noch schlimmer als die Tatsache, dass sie fast die ganze Bank in den Ruin getrieben haben. Es ist eine Schande, was die Leute gemacht haben. Man kann nicht eine Bank in Amerika betreiben und hunderte von Leuten von der Schweiz aus schicken, um US-Kunden zur Steuerumgehung anzustiften.

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Wer sollte die Verantwortlichen dieses Desasters einklagen?

Tettamanti: Eigentlich müsste es die UBS selbst tun. Um das Kundenvertrauen zurückzugewinnen, müsste sie eine klare Haltung einnehmen. Sie müsste die Leute nur schon zur Verantwortung ziehen, um ihren Kunden und der Gesellschaft zu zeigen, dass sie diese Machenschaften nicht toleriert und nicht eine Bande von unehrlichen und geldgierigen Leuten deckt. Für die Psychohygiene unseres Landes wäre es sicher gut, wenn man die Verantwortlichen juristisch belangen könnte. Doch das ist Vergangenheitsbewältigung. Wichtiger ist, dass wir über die politischen Parteigrenzen hinweg jetzt rasch neue attraktive Grundlagen für den Finanzplatz schaffen.

Das wird allerdings nicht einfach. Das Vertrauen in die Wirtschaft hat nicht zuletzt wegen der zum Teil irrationalen Managersaläre stark gelitten.

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Tettamanti: Dafür habe ich Verständnis. Auch ich habe mich über die ungerechtfertigten Boni von schlechten Managern geärgert. Aber wir alle haben in irgendeiner Form von den Übertreibungen profitiert. Wir waren alle von Gier betrunken und haben jeder für sich das Spiel mitgemacht. Doch jetzt müssen wir uns besinnen und die Schweiz aus der Krise führen. Ebenso wie viele Manager, die nur ihre Boni im Kopf haben, denken auch viele Politiker viel zu kurzfristig. Das sehen wir auch bei der Diskussion rund um die Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin. Bei der Wahl der Bundesräte sollten wir den Mut haben, von alten Mustern wegzukommen.

Werden Sie konkreter.

Tettamanti: Die Debatte über Parteienvertretungen und Sprachkenntnisse sind doch archaisch. Wir müssen die besten Leute im Bundesrat haben. Da spielt es keine Rolle, woher er oder sie kommt. Angesichts der Krise, in der sich die Schweiz befindet, braucht es auch im Bundesrat eine Erneuerung. Nicht nur Pascal Couchepin, auch der Sesselkleber Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz und Micheline Calmy-Rey, die gedient haben, sollten zurücktreten. Dies böte die Chance für neue, unbelastete Leute und auch für eine Vertretung aus dem Tessin.

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Wer wäre denn der beste Nachfolger von Pascal Couchepin im Bundesrat?

Tettamanti: Der heutige Bundesrat ist nicht schwächer als frühere Bundesratsgremien. Aber unsere Regierungsvertreter sind angesichts der Globalisierung mit vielen Situationen konfrontiert, die früher nicht existierten. Die Grossen setzen ihre Macht brutal durch. Unserem Bundesrat fehlen Leute von Welterfahrung, die auch auf dem internationalen Parkett hoch angesehen sind.

Nennen Sie Namen von Leuten, die dies erfüllen.

Tettamanti: Warum wählen wir eigentlich immer nur Politiker in den Bundesrat? Ein ausgezeichneter Bundesrat wäre zum Beispiel der abtretende Nationalbankpräsident Jean-Pierre Roth sowie Joe Ackermann, CEO der Deutschen Bank; beide sind international sehr gut eingeführt und haben schon heute die besten Kontakte in Washington, London, Berlin, Peking usw. Wenn er kein Österreicher wäre, würde ich auch Nestlé-Präsident Peter Brabeck als Aussenminister nennen. Für die innere Politik hätte ein Serge Gaillard, ehemaliger Sekretär des Gewerkschaftsbundes und Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco, die Kompetenz und die Glaubhaftigkeit, um die Probleme der Sozialversicherung endlich zu lösen.

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Ich wundere mich: Als Tessiner nennen Sie den FDP-Präsidenten Fulvio Pelli nicht, der gute Wahlchancen hat. Wäre er kein guter Bundesrat?

Tettamanti: Fulvio Pelli, den ich seit vielen Jahren kenne und schätze, hat viele Stärken. Er ist erfahren, fleissig, engagiert, eine ehrliche Person und seriös. Aber allein bringt er nicht eine Veränderung in den Bundesrat, denn er ist Teil der Classe politique, die für die Krise der Schweiz mitverantwortlich ist. Die Schweiz braucht, was uns heute leider fehlt, persönliche Freunde und echte Partner in den Regierungen. Darauf sind wir als kleines Land angewiesen. Selbstverständlich verteidige ich das Recht unserer Minderheit, im Bundesrat vertreten zu sein.

Allerdings dürfte es derzeit schwierig sein, Leute der Wirtschaft für den Bundesrat zu portieren. Als Folge der Finanzkrise hat die Politik ihren Einfluss zulasten der Wirtschaft doch eindeutig ausgebaut?

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Tettamanti: Leider glauben viele Leute, Politiker seien ehrlicher als Manager. Dabei missbrauchen auch Politiker ihre Macht, indem sie sich zum Beispiel mit dem Dienstwagen nach Spanien chauffieren oder ihre Wohnungen auf Staatskosten renovieren lassen. Der Staat als Retter in der Not hat zweifellos an Einfluss gewonnen. Dies wird nicht nur zu mehr Regulierung, sondern auch in der Gesellschaft zu mehr staatlicher Bestimmung führen. Ich halte dies für eine negative Entwicklung, die wir stoppen müssen, sonst haben wir in Kürze Verhältnisse wie in Deutschland.

Staaten und Politiker haben Milliardensummen in die Ankurbelung der Konjunktur sowie in die Rettung von maroden Autokonzernen gebuttert. Wer wird dafür die Rechnung zahlen?

Tettamanti: Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Man hat Firmen gestützt, die eigentlich nicht überlebensfähig sind. Die Milliardenpakete haben die Leute beruhigt, aber die Probleme nicht gelöst. Man kann diese staatlichen Stützungsmassnahmen zahlen, indem man spart, aber heutzutage will niemand sparen. Man kann Steuern erhöhen. Doch das wird nie reichen. Da bleibt nur noch die Inflation.

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Gegenwärtig kämpfen wir aber eher gegen deflationäre Tendenzen.

Tettamanti: Das stimmt. Aber in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 vor dem Zweiten Weltkrieg, der eine Hyperinflation in Deutschland folgte, hatten wir auch nicht eine starke wirtschaftliche Nachfrage. Es waren auch hohe Staatsschulden, die letztlich zur Inflation führten. Wir werden kaum um eine Inflation herumkommen, um die Milliardenschulden in den USA und Europa zu begleichen.

Stellen Sie sich auch persönlich als Financier auf eine spätere Inflation ein?

Tettamanti: Ja. Noch ist von einer Inflation nichts zu spüren. Doch plötzlich geht es schnell und die Preise steigen. Ich erwarte in den nächsten Jahren eine Inflation.

Wie investieren Sie vor diesem Hintergrund: Kaufen Sie Gold?

Tettamanti: Ja, Gold bietet aus meiner Sicht einen guten Inflationsschutz, ebenso wie andere Rohwaren und Immobilien. Interessante Renditen ermöglichen auch Mezzanine-Kredite an Firmen, die von den Banken kein Geld mehr erhalten, gekoppelt mit dem Recht, sich an diesen Firmen direkt zu beteiligen. Dies ist ebenfalls ein Inflationsschutz.

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Kaufen Sie derzeit Aktien?

Tettamanti: Nein. Ich bin für die Entwicklung der Finanzmärkte skeptisch. Die Erholung der Börsen ist zu wenig von den Fundamentaldaten gestützt und im Ausmass übertrieben.

Sehen Sie in der starken Erholung seit dem Tief Mitte März bereits wieder eine Blasenbildung?

Tettamanti: Ja, ich erwarte nicht, dass die Kurse noch lange steigen. Da werden wir in den nächsten Monaten Enttäuschungen sehen. Die Börse wird erneut korrigieren. Viele Papiere sind zu stark gestiegen und bereits wieder zu teuer.

Was spricht für eine Korrektur?

Tettamanti: Die Erholung seit Mitte März hatte primär psychologische Gründe: Man war nur schon froh, dass sich die Lage stabilisiert hatte. Jetzt schrauben die Firmen die Kosten stark herunter. Das hilft kurzfristig, ist aber kein gutes Rezept für ein künftiges Wachstum, wie wir es für eine länger anhaltende Börsenerholung brauchen würden. Die Märkte sind wieder sehr fragil. Ich rate zur Vorsicht.

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