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Stefan Lippe: «Ergibt sich die richtige Gelegenheit, kaufen wir zu»

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Nach Millionenverlusten findet der Swiss-Re-Chef zurück zum Risiko. Er will von der Konsolidierung in der Versicherungswirtschaft profitieren, indem der Rückversicherer Kapital zur Verfügung stellt

Von Interview: Pascal Ihle und Werner Rüedi
am 20.01.2010

Seit knapp einem Jahr sind Sie CEO der Swiss Re. In dieser Zeit haben Sie rund 10% der Stellen abgebaut. Ist dies ein Einstand nach Wunsch?

Stefan Lippe: Wenn man Menschen mag und nicht Zyniker ist, ist Stellenabbau etwas vom Unangenehmsten. Wir hatten bereits Mitte 2008 begonnen, uns Gedanken über die dezentrale Ausrichtung unserer weltweiten Organisation zu machen. Es ging darum, die Schlagkraft unserer Marktleute vor Ort zu erhöhen und die Skaleneffekte zu verbessern.

Mussten Sie die Scharte Ihres Vorgängers Jacques Aigrain auswetzen?

Lippe: Lassen Sie es mich so sagen: Wie bei anderen Finanzinstituten auch wurde im Anlagenmarkt stark auf die Rendite geschaut. Wer nicht wie die Banken 20 bis 25% Eigenkapitalrendite versprach, wurde als unattraktive Investition eingestuft. Und es funktionierte auch: 2006 und 2007 beispielsweise waren die besten Jahre in der bald 150-jährigen Geschichte der Swiss Re - nicht zuletzt wegen der Finanzmarktaktivitäten. Aus damaliger Sicht war das also nachvollziehbar. Und ich muss betonen, dass wir bereits Mitte 2008 begonnen hatten, über unsere historisch gewachsenen Strukturen nachzudenken.

Ist der Prozess der Reorganisation jetzt abgeschlossen?

Lippe: Nein. Der Prozess läuft über zwei Jahre. Jeder Angestellte sollte wissen, wo er oder sie nach der Restrukturierung steht. 80% der Betroffenen sind bereits über ihre persönlichen Optionen informiert. Bis Ende März soll dies für alle gelten.

Werden Sie Ende 2010 die angekündigten 400 Mio Fr. eingespart haben?

Lippe: Wir sind auf Kurs.

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie die Losung «Zurück zu den Wurzeln» ausgegeben. Ist das die neue Stossrichtung von Swiss Re?

Lippe: Die Aussage lautete: Zurück zu den Kernkompetenzen. Aber nicht zurück in die Steinzeit. Schliesslich haben wir über die letzten Jahre hinweg laufend Innovationen lanciert, etwa bei den Insurance-Linked Securities, den sogenannten ILS. Diese Instrumente sind nach wie vor attraktiv und haben sich gerade während der Finanzmarktkrise bemerkenswert gut gehalten.

Wie exponiert sind Sie bei den Insurance- Linked Securities, also bei der Verbriefung von Risiken?

Lippe: Die Berechnung von Risiken und deren Transfer an den Kapitalmarkt sind unsere Kernkompetenz. Verbriefungen dienen nicht nur zur Verbesserung der eigenen Kapitalsituation, sondern sind auch Beleg für unsere Innovationskraft. Und da sehen wir neue Bereiche, die Chancen bieten.

Beispielsweise?

Lippe: Chancen für die Verbriefung von Versicherungsrisiken bieten etwa Pandemien, Erdbebenrisiken oder Risiken im Zusammenhang mit der Klimaveränderung. Dieser Markt ist noch unterentwickelt. Ein weiteres Beispiel sind das Langlebigkeitsrisiko und die Absicherung von Pensionen gegen dieses Risiko, was wir jetzt in einzelnen Ländern angehen. Zahlreiche Staaten und Gesellschaften haben die Herausforderung, dass die Bevölkerung immer älter und das Geld für die Pensionen knapp wird.

Was heisst das für die Prämien von Swiss Re?

Lippe: Der Zinseinbruch, der Ende 2008 einsetzte, ist in den Prämien im Haftpflichtgeschäft noch nicht berücksichtigt. Eigentlich müssten die Prämien jetzt drastisch ansteigen. Die aktuelle Situation birgt also die Gefahr, dass man in untertarifiertem Geschäft wächst. Einen temporären Rückgang der Prämien nähme ich in Kauf.

Denken Sie etwa nicht gewinnorientiert?

Lippe: Doch, absolut. Aber es gibt gewisse Situationen, wo Umsatzrückgang mehr Gewinn bedeutet. Dann nämlich, wenn man bestimmte Geschäfte nicht zeichnet und somit zukünftige Verluste vermeidet. Wir geben die Ziele für unsere Mitarbeiter nicht in Prozentzahlen an, sondern in absoluten Gewinnzahlen.

Sie sagen, die Preise müssten stark ansteigen. Machen sie das auch?

Lippe: Es sieht so aus, als gäben die Preise im Durchschnitt durch alle Märkte sogar leicht nach. Der Trick ist, sich dort zu engagieren, wo die Preise ein gutes Niveau zeigen - wir nennen das Zyklusmanagement.

Am Branchentreffen in Monte Carlo im vergangenen Herbst waren Sie bezüglich Preisentwicklung sehr optimistisch.

Lippe: Ja, ich war sehr optimistisch und bin es immer noch. Für die USA habe ich speziell für das Haftpflichtgeschäft höhere Preise für die nächsten 12 bis 18 Monaten vorausgesagt, und ich bleibe dabei. Die Versicherer müssen die negativen Effekte des Zinsrückgangs in den Bilanzen erst richtig spüren. Dann gehen die Preise hinauf.

Was heisst das für Swiss Re? Ihre Prognosen treffen dieses Jahr nicht ein.

Lippe: Wir dürfen die Nerven nicht verlieren, denn die Preise werden steigen. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Sämtliche makroökonomischen Faktoren sprechen dafür. Schauen Sie unseren Schaden-Kosten-Satz an, die Kennzahl zur Beurteilung der Rentabilität: Dieser lag im Sach-, Haftpflicht-, Unfall- und Kraftfahrtversicherungs-Geschäft im 3. Quartal bei 84,5%. Vergleichen Sie diesen mit jenem unser Mitbewerber. Geduld zahlt sich aus.

Liegt der Schaden-Kosten-Satz im 4. Quartal 2009 erneut deutlich unter 90%?

Lippe: Das geben wir an der Bilanzmedienkonferenz vom 18. Februar bekannt.

Welches sind Ihrer Meinung nach neben den grossen Naturkatastrophen die grössten Risiken für Swiss Re?

Lippe: Wichtig für die gesamte Industrie ist, dass die Regulatoren auch nach der Krise vernünftig bleiben. Eine Überreaktion im Bereich der Regulierung würde das Potenzial für künftiges Wachstum und für Innovationen bremsen. Auch hat sich die Diskussion - auf grossen Druck der Politik hin - zusehends auf das Eigenkapital konzentriert. Die Botschaft lautet: Hauptsache, die Finanzdienstleister haben mehr Eigenkapital.

Sind Sie dagegen?

Lippe: Die Versicherungsbranche braucht nicht die gleichen Regeln wie die Banken. Die Finanzkrise hat zwar eine riesige Schockwelle verursacht, doch die Versicherungen haben auch auf dem absoluten Höhepunkt der Krise wie gewohnt funktioniert, weil sich ihr Geschäftsmodell grundsätzlich von jenem der Banken unterscheidet. Es hat sich sogar gezeigt, dass gerade die Rückversicherer in der Krise als Schockabsorbierer wirken konnten, indem sie ihren Erstversicherungskunden Kapitalentlastung ermöglichten. Den US-Versicherer AIG erwischte es wegen seiner banknahen Geschäfte, nicht wegen des Kerngeschäfts der Versicherung. Kommt hinzu, dass jene Versicherer, wie die Swiss Re, die Abschreibungen vornehmen mussten, die Bilanzen aus eigener Kraft bereinigten und stärkten, also ohne jegliche staatliche Hilfe. Da liegt der ganz grosse Unterschied zwischen den Banken und den Versicherern.

Aber ohne Hilfe kamen auch Sie nicht aus.

Lippe: Schon, aber wir haben es aus eigener Kraft geschafft. Der Investor Warren Buffett gab uns 3 Mrd Fr., weil er an unser Kerngeschäft glaubte. Wir standen Ende 2008 bei minus 1,3 Mrd Fr., gemessen an den Anforderungen von Standard & Poors an ein AA-Rating. Ende 3. Quartal 2009 hatten wir wieder über 6 Mrd Fr. Überschusskapital.

Wenn schon keine Eigenkapitalvorschriften wie für die Banken - was dann?

Lippe: Da sich unser Geschäftsmodell von jenem der Banken unterscheidet, brauchen wir nicht die gleichen Eigenkapitalvorschriften. Man muss sich die Grundsatzfrage stellen: Gibt es einen Anlass zu glauben, dass die Assekuranz flächendeckend mehr Kapital braucht? Die Antwort ist: Nein. Angesichts des Ausmasses der Finanzkrise, welche vergleichbar ist mit jener der 1930er- Jahre, hat sich die Versicherungsindustrie bemerkenswert gut geschlagen. Schon zuvor hat die Branche etliche Stresstests überstanden. So etwa die verheerenden Anschläge auf das World Trade Center. Den Swiss Solvency Test und die Solvency-II-Rahmenrichtlinie der EU unterstützen wir aber sehr, da sie eine ökonomische und risikobasierte Sicht auf das Geschäft fördern.

Swiss Re ist also wieder so stark, dass sich das A-Kreditrating von Standard & Poors wieder in ein AA-Rating erhöhen müsste?

Lippe: Wir hatten im 3. Quartal 6 Mrd Fr. mehr Kapital, als dies den Anforderungen von Standard & Poors an ein AA-Rating entspricht.

Wann kommt das AA-Rating?

Lippe: Diese Fragen sollten sie S&P stellen. Das Einzige, was ich machen kann, ist das Eigenkapital erhöhen und mit einem guten Schaden-Kosten-Satz zeigen, dass wir profitables Geschäft zeichnen.

Und dann wollen Sie die Wandelanleihe an Warren Buffett zurückzahlen?

Lippe: Wir waren sehr dankbar, dass Warren Buffett vor einem Jahr 3 Mrd Fr. investiert hat. Aber die ausgehandelte Rückkaufsoption war für uns die Bedingung sine qua non. Unsere wichtigsten Ziele sind klar: Wir wollen das AA-Rating zurückhaben und Warren Buffett das Kapital zurückzahlen. Buffett vermutet, und das hat er auch öffentlich schon gesagt, dass wir zum frühestmöglichen Termin, das heisst ab März 2011, die Wandelanleihe zurückzahlen.

Ein gutes Geschäft für ihn?

Lippe: Ich denke schon. Er kriegt einen guten Zins von 12% und wenn wir die Anleihe zurückzahlen, eine Prämie von 20%. Wir zahlen 3,6 Mrd Fr. zurück. Ein gutes Geschäft für Warren Buffett, uns hat es auch geholfen.

Swiss Re besitzt über 6 Mrd Fr. Überschusskapital. Aus heutiger Sicht hätte Swiss Re Warren Buffett gar nicht gebraucht.

Lippe: Hier spielt das Thema Psychologie eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie die reinen Zahlen. Vor einem Jahr waren wir in einer schwierigen Lage. Wir schrieben für das Jahr 2008 einen Verlust von 864 Mio. Fr., der Aktienkurs tauchte derart, dass die Gefahr einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung bestand. Wir mussten diese Dynamik durchbrechen - und mit Warren Buffett konnten wir die Lage stabilisieren. Wenn ich sehe, wo wir heute stehen, dann haben wir richtig gehandelt.

Sie haben kürzlich gesagt, der Risikoappetit der Swiss Re sei nach wie vor vorhanden. Wo wollen Sie noch zugreifen?

Lippe: Wie erwähnt bei Langlebigkeitsrisiken, den Naturkatastrophen und der Klimaveränderung. Zudem steckt die Assekuranz weltweit in einer Konsolidierungsphase, wovon wir profitieren können und wollen. So hat die EU-Kommission kürzlich gesagt, dass sie von einer weiteren Zerschlagung von Banque-Assurance-Konglomeraten ausgehe, sei dies aus Gründen der Risikominimierung, Anpassung der Strategien oder von aufsichtsrechtlichen Vorgaben.

Inwiefern kann Swiss Re profitieren?

Lippe: Es wird zu einer Konsolidierung in der Versicherungswirtschaft kommen. Sobald die Weltkonjunktur zu einer nachhaltigen Erholung einsetzt, wird das vorhandene Kapital wieder in Fusionen und Übernahmen, kurz M&A, fliessen. Hier verfügt die Swiss Re über eine harte Währung mit dem Admin Re-Geschäft im Leben-Bereich oder mit grossen Quotenrückversicherungen, die wir dank unserer Kapitalstärke eingehen können. Diese Transaktionen sind recht unkompliziert, und wir brauchen auch nicht viele Berater dazu. Es handelt sich um simple Elemente der Rückversicherung, die man als Kapitalsubstitut einsetzen kann, unabhängig von irgendwelchen Übernahmeplänen. Wir schlagen zum Beispiel einem Versicherer vor, dass er uns 20% des Privatkundengeschäfts übergibt, und im Gegenzug bekommt er das Kapital, um seine Solvenz-Anforderungen zu erfüllen.

Sie wollen im M&A-Markt wachsen?

Lippe: Ja, indem wir die Konsolidierung unterstützen und Kapital zur Verfügung stellen.

Auch über Akquisitionen?

Lippe: Ja. Wenn sich die richtige Gelegenheit ergibt, dann kaufen wir zu. Das haben wir schon immer so gemacht. Letztes Mal war dies 2006 bei der Übernahme des Versicherungarms von US-Konzern General Electric der Fall. Nur gibt es einen guten und einen schlechten Zeitpunkt für eine Akquisition. Momentan wachsen wir, wenn wir die Bilanz betrachten, organisch, das heisst mit sehr grossen Deals im Rückversicherungsbereich. Der Zeitpunkt wird jedoch kommen, wo die Versicherer und Rückversicherer, die nicht so gut aufgestellt sind und sich jetzt mit schlechten Risiken vollpumpen, realistischer, das heisst schlechter bewertet werden.

Sie beobachten den Markt also sehr genau?

Lippe: Selbstverständlich, das gehört zu unserem Job. Auch hier braucht man Geduld. Der Zeitpunkt zum Kauf eines Versicherers ist dann günstig, wenn dessen Schaden-Kosten-Satz über 100% liegt.

Nach der grossen Akquisition von 2006 überholte Swiss Re die Munich Re und war die Nummer eins der Branche. Jetzt sind Sie wieder Nummer zwei. Ärgert Sie das?

Lippe: Umsatz war für mich noch nie das Hauptziel. Mein Augenmerk gilt der Performance und der Dividende. Quartalsberichte widerspiegeln nicht die Langfristigkeit des Rückversicherungsgeschäfts. Rückversicherung ist kein Geschäft, das man im Tages-Zickzack fährt. Ich war es, der 2008 mit Berkshire Hathaway die Quote vereinbart hatte, wonach 20% des Neugeschäfts im Sach- und Haftpflicht-Bereich den Amerikanern zufliessen. Damit war klar, dass Swiss Re netto nicht mehr Branchenprimus bleibt. Und das war mir vollkommen egal.

Das müssen Sie jetzt natürlich sagen.

Lippe: Nein, im Ernst. Für den Aktienkurs war diese Massnahme positiv. Zudem gingen wir damals davon aus, dass die Märkte schrumpfen und damit die Kapitalkosten steigen. Wenn wir per Ende 2009 unsere Eigenkapitalsituation betrachten, auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Probleme, dann haben wir uns wesentlich besser gehalten als die Mitbewerber. Ich hatte selbst nicht erwartet, dass wir so schnell wieder so gut dastehen würden. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nummer eins möchte ich bei den Innovationen sein.

Sind Sie das?

Lippe: Wenn es nach unseren Kunden geht, dann sind wir das. Für mich steht das nachhaltige, absolute Gewinnwachstum im Vordergrund. Die vor einigen Tagen angekündigte US-Einzelleben-Retrozessionstransaktion mit Berkshire Hathaway haben wir mit genau diesem Ziel vor Augen durchgeführt: Wir haben ein für unsere Massstäbe ungenügend profitables Portfolio abgetreten, um das dafür erhaltene Kapital neu in ein Geschäft zu investieren, das unserem Renditeziel von 14% entspricht. Natürlich: Man braucht auch Umsatz, um Gewinn zu erzielen. Ich könnte ohne weiteres 2 Mrd Fr. mehr Umsatz haben, dann hätte ich aber eine Schaden-Kosten-Quote von etwa 100%. Und das ist weder gewinnbringend noch nachhaltig. Umsatz-Rekordhalter zu sein, interessiert mich nicht.

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