Nach dem 1. Quartal 2008 wusste Kühne + Nagel nicht, wie stark sich die wirtschaftliche Abkühlung in den USA auswirken wird. Was sagen Sie jetzt?

Klaus-Michael Kühne: Noch liegen die Quartalszahlen nicht vor. Ein deutlicher Einbruch ist aber nicht zu erkennen. Ich gehe davon aus, dass das 1. Halbjahr entsprechend unseren Erwartungen verlaufen ist. Doch ich rechne damit, dass eine Abschwächungstendenz im 2. Halbjahr sichtbar wird. Die Lage ist sehr vielschichtig. In Amerika ist der Export dank des niedrigen Dollar stark, dafür wird weniger importiert. In Fernost ist die Ware teilweise massiv teurer geworden, dafür ist Osteuropa als Produktionsstandort wieder interessanter.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Kühne: Es ist zu befürchten, dass die steigenden Rohstoffkosten die Transportpreise so verteuern, dass nicht mehr so viel global hergestellt werden kann und wieder vermehrt vor der Haustür produziert wird. Doch selbst bei einem hohen Ölpreis ist der Anteil der Transportkosten an der gesamten Wertschöpfung oft so gering, dass eine Vervierfachung drin liegt. Aber die Kunden sind wach geworden, wir stehen vor einer unsicheren Situation. Unser Unternehmen ist aber immer gut durch Krisenzeiten gekommen.

Traditionell ist das 2. Semester das stärkere. Stimmt diese Regel nicht mehr?

Kühne: Die Zuwachsraten werden wegen der schwächeren Weltkonjunktur im 2. Semester nicht mehr so stark sein.

Kühne + Nagel ist nicht direkt betroffen von den steigenden Rohstoffkosten, weil Sie die Teuerung überwälzen können.

Kühne: Richtig, das wird auch von den Kunden akzeptiert. Die Entwicklung schmälert unsere Marge eigentlich nicht. Doch die Kunden überlegen sich, ob es sich noch lohnt, einen Transport überhaupt durchzuführen, und ob sie weiterhin auf die bisher billigen Liefermärkte zurückgreifen sollen. Je billiger eine Ware ist, desto weniger sind die Transportkosten verkraftbar.

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Dann sehen Sie die ersten Tendenzen, Produktion zurück in Industrieländer zu holen, dem sogenannten Resourcing, am ehesten im Konsumgütermarkt?

Kühne: Bei Konsumgütern wirken sich die Kosten am stärksten aus. Ein prominentes Resourcing-Beispiel ist etwa der Plüschtierhersteller Steiff, der die Produktion in China einstellt. Wir rechnen nicht mit einem massiven Einbruch, erwarten aber in einzelnen Bereichen Veränderungen.

Gibt es bereits eine Tendenz im Handel zu mehr Protektionismus, Importbeschränkungen, Schutzzöllen und so weiter?

Kühne: Wir haben noch nichts festgestellt, das einen Einfluss auf uns hätte. Natürlich werden solche Beschränkungen immer diskutiert. Wenn etwas kommt, dann zuerst aus den USA. Die Welt ist aber so stark globalisiert, dass sich protektionistische Tendenzen nicht durchsetzen können.

Egal, wer die US-Wahlen gewinnt?

Kühne: Eine republikanische Präsidentschaft ist für die Wirtschaft immer besser als eine demokratische. Hinzu kommt, dass Barack Obama schwer einzuschätzen ist und leicht nach links driften könnte.

Im laufenden Jahr hat Kühne + Nagel bis auf die Öl- und Gas-Transportfirma Elite Airfreight keine Akquisitionen getätigt. Gilt die Aussage noch, wonach heuer im Landverkehr Übernahmen anstehen?

Kühne: Ja. Wir befinden uns in sehr konkreten Verhandlungen in einem europäischen Land, wo wir mehrere Möglichkeiten haben. Wir haben uns noch nicht entschieden, doch der Prozess läuft plangemäss. Wir waren ein paarmal schon sehr nahe dran, bisher scheiterte es am Preis und an der mangelnden Transparenz. Wir sind sehr wählerisch. Aber es ist unser fester Wille, im Landverkehr zu den Marktführern in Europa zu werden. Unser Ziel ist es, uns in Frankreich, Italien und Spanien zu verstärken.

Sind die Übernahmetargets aufgrund der derzeitigen Wirtschaftslage billiger geworden?

Kühne: Nein, das geht nicht so schnell. Die Krise ist noch nicht gross genug, dass die Leute aus der Not verkaufen. Gute Unternehmen bleiben sehr teuer, ohne strategischen Zuschlag kommt man nicht ans Ziel.

Das heisst, eine nächste Akquisition dürfte sich im dreistelligen Millionenbereich bewegen?

Kühne: Das ist gut möglich.

Im Rail-Bereich wurde mit Rainer Gödde ein neuer Leiter ernannt ? wollen Sie diese Landverkehrssparte forcieren?

Kühne: Wir sind immer sehr bahnfreundlich eingestellt und nutzen dieses umweltschonende Transportmittel, wo immer möglich. Doch die Kapazitäten der Bahn sind begrenzt. Tagsüber etwa können die Güterzüge nicht fahren wegen der Priorisierung des Personenverkehrs. So schnell ist die Bahn nicht effizienter als der Lastwagen. Die Infrastruktur müsste verbessert werden. Die Bahn ist da sehr träge. Bis jetzt wickeln wir nur ein Zehntel so viel mit der Bahn ab wie mit dem Lastwagen.

Wird sich das verbessern, wenn die Deutsche Bahn im Herbst an die Börse geht?

Kühne: Nein, der Börsengang ist mit den 24,9% ein sehr bescheidener. Es wäre wünschenswert, wenn die Bahn mehr in neue Strecken und technische Systeme investierte als neue Logistikunternehmen aufzukaufen. Doch ob nach dem Börsengang viel Geld in die Kasse kommt, ist fragwürdig. In der Logistik ist die Deutsche Bahn einer unserer stärksten Konkurrenten. Es ist ein Freund-Feind?Verhältnis, auf der einen Seite arbeiten wir zusammen, auf der anderen Seite konkurrieren wir.

Kann man aus den kürzlichen Grossaufträgen von Airbus und Beiersdorf schliessen, dass die Kontraktlogistik erneut ein überdurchschnittliches Wachstum erzielt?

Kühne: Das hängt sehr von der Konjunkturlage ab. Im Moment läuft das Geschäft gut, weil wir Grosskunden gewinnen und von ihnen an mehreren Standorten Aufträge erhalten. Das hat sich sehr bewährt. Bei Airbus haben wir Aufträge in vier Ländern gewonnen, das ist nicht alltäglich.

Was ist das Volumen des Airbus-Vertrages?

Kühne: Mittelfristig entspricht dies einem Jahresauftrag von über 100 Mio Fr. Derzeit ist es etwa ein Drittel davon.

Im Öl-Energie-Geschäft streben Sie einen «gezielten Ausbau» an, mit Fokus auf Westafrika. Was tut sich da?

Kühne: Wir haben in Nigeria eine Gesellschaft eröffnet. Das ist für die Ölindustrie ein sehr interessanter Markt, aber auch ein schwieriger. Wir sind sehr vorsichtig und können uns hier nicht mit Panalpina vergleichen. Wir bieten das klassische Transportgeschäft im Öl- und Energiebusiness an. Wir werden ausserdem unsere Schwerpunkte, wie in Dubai, Singapur und Aberdeen, weiter ausbauen. Auch in Australien und Südamerika sind wir tätig und versuchen, ein globales Netz zu entwickeln.

Haben Sie in Nigeria Geschäfte gekauft, die Panalpina aufgegeben hat?

Kühne: Nein, das würde ich nie machen, das wäre zu gefährlich. Das entspricht nicht unseren Vorstellungen von Corporate Governance. Details über die Aktivitäten Panalpinas kenne ich im Übrigen nicht. Jedoch muss man heute sehr aufpassen, dass man nicht in die Schusslinie wegen Kartell- oder Korruptionsproblemen kommt, darum schreiben wir bei uns Compliance ganz gross. In jüngster Zeit haben wir allen Mitarbeitern die Compliance-Regeln wieder eingeimpft. Ein Problem ist, dass man an der Front oft in Versuchung geführt wird.

In der Luftfracht lasten immer noch die Wettbewerbsuntersuchungen wegen angeblicher Absprachen bei Kerosin- Zuschlägen über dem Konzern.

Kühne: Es war ein Schock, dass man unsere Branche «ausgeguckt» hat. Die Untersuchung in der Logistikbranche ist als Folge der Absprachen, die im grossen Stil in der Airline-Branche geschehen sind, zu sehen. Das Ergebnis unserer internen Untersuchungen seit letztem Oktober hat uns darin bestärkt, dass ? wenn etwas passiert ist ?, dann auf sogenannten Nebenkriegsschauplätzen. Grossflächige Absprachen wie in der Bauindustrie gibt es bei uns nicht, dafür ist auch der Konkurrenzkampf zu gross. Wir bemühen uns derzeit, den Wettbewerbsbehörden klar zu machen, dass alles sehr relativiert zu betrachten ist. Derzeit laufen erst Untersuchungen. Es wird noch lange dauern, bis es zu einem Verfahren kommt. Zurzeit sehen wir keinen Anlass, Rückstellungen zu tätigen.

Wie gehen Sie mit den Sammelklägern um, die auf den Plan getreten sind?

Kühne: Diese zieht es fast automatisch nach sich ? die Anwälte, die im Trüben fischen. Das ist sehr lästig und schwer einschätzbar. Derzeit laufen die Sammelklagen gegen die Airlines. Die Kläger wollen uns auch dabeihaben. Wir haben mit den Airlines keine Absprachen getroffen, die Airlines haben uns Surcharges belastet und wir haben sie den Kunden weitergegeben. Daraus resultieren nun Ansprüche der Kunden. Wir wurden unberechtigterweise in dieses Verfahren hineingezogen. Konkret vorwerfen kann man uns nichts.

Wie lange bleiben Sie Präsident des Verwaltungsrates?

Kühne: Ich setze mir kein Zeitlimit. Mir macht die Aufgabe Spass und ich fühle mich auch noch fit. Ich werde langsam älter und ich überlege mir schon, ob man dem Unternehmen noch dient oder zur Last fällt. Da muss man versuchen, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Das wird nicht so einfach sein, weil man sich selber wohl am wenigsten erkennt. Zurzeit glaube ich nicht, dass man mich als Belastung empfindet. Mein Vater ist noch mit 84 Jahren ins Büro gegangen. Aus dem operativen Geschäft bin ich raus, ich habe ja noch eine sehr lebhafte Stiftung. Aber bei den massgeblichen Entwicklungen und Entscheidungen im Unternehmen, da wirke ich schon noch sehr stark mit.