Er sitzt in einer Ecke im Zürcher Café Odeon, um ihn herum Kindergeschrei und laute Touristen. Roman Maria Koidl lässt sich davon nicht beirren. Er nippt an einem Kaffee und berichtet von den letzten Monaten. Das schummerige Licht und die verwinkelten Räumlichkeiten mit Spiegelwänden und Kristallleuchtern erinnern Geschichtsbewusste an die Zeit, in der das Lokal als Zufluchtsort für Künstler im Exil galt. Klaus Mann, Stefan Zweig, James Joyce fühlten sich hier zu Hause. Auch wenn er selbst diesen Vergleich wohl nie ziehen würde – auch Koidl ist ein Vertriebener. Eigentlich sollte er nämlich gerade in Berlin sein.

Noch vor einem Monat sass der 45-Jährige in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus, der Zentrale der deutschen SPD. Er gehörte zum Wahlkampfteam von Peer Steinbrück. Der Politiker, welcher nicht zuletzt wegen seiner polarisierenden Äusserungen zur Steuerhinterziehung auch in der Schweiz bekannt ist, will nächstes Jahr für die Sozialdemokraten ins Bundeskanzleramt einziehen. Koidl hätte ihm dabei helfen sollen. Der gebürtige Österreicher, der in Köln und in der Nähe von Frankfurt aufwuchs und seit zehn Jahren in Zürich lebt, sollte eine revolutionäre digitale Strategie entwickeln, den Wahlkampf völlig neu gestalten. Dazu kam es nicht. Am 19. November wurde sein Job bekannt, zwei Tage später schon trat Koidl zurück.

Er ging aus freien Stücken. «Ich kann nicht vertreten, dass falsche und ehrverletzende Berichterstattung gegen mich eingesetzt wird, die darauf zielt, den Kandidaten Peer Steinbrück zu beschädigen», schrieb er damals in einer öffentlichen Erklärung. Es ist die einzige, die er je dazu abgab. Im Café Odeon redete er nun ein wenig mehr über seine Erlebnisse. Er wolle «weder Gegenstand des politischen Diskurses sein», sagt er, «noch finde ich, es stünde mir zu, dessen Kommentator zu werden».

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Der Rücktritt erfolgte nach nur zwei Tagen, in denen er in den Medien einer ganzen Reihe an Vorwürfen ausgesetzt worden war. «Steinbrücks Heuschrecke entsetzt die SPD», titelte etwa die Tageszeitung «Die Welt». Die Angriffe kamen aus Steinbrücks eigener Partei und fussten auf Koidls Vergangenheit als Hedgefonds-Berater und seiner Wahlheimat Schweiz. Das wurde instrumentalisiert.

Vielleicht hatte ihn gerade seine Vergangenheit gelehrt, dass es wenig Sinn macht, zu kämpfen, wenn sich die Medien erst einmal auf einen eingeschossen haben. Er selbst sammelte seine ersten Berufserfahrungen als Journalist, bei der Illustrierten «Gong» und beim Radiosender Antenne Bayern. Auch wegen der sogenannten Sprecherziehung, die man dort geniesst, hört man ihm seine österreichischen Wurzeln nicht mehr an. Doch der Journalismus allein wurde ihm bald zu langweilig. «Wenn man zum dritten Mal zu Ostern die Meldung ‹Der Papst segnet die Welt mit Urbi et Orbi› verfasst, sucht man nach einer neuen Herausforderung», so Koidl. Die fand er bei einer Unternehmensberatung. Er durchlief dort das mehrtägige Assessment-Center mit Erfolg. «Als Einziger, der nicht studiert hatte», erinnert er sich sichtlich stolz.

Experte für Marken

Inzwischen nennt sich Koidl selbst «Serial Entrepreneur», Serienunternehmer. Es ist vielleicht kein schlechtes Synonym für den Eindruck des rastlosen Mannes, den man von ihm hat, wenn man mit ihm spricht. Bestsellerautor, Kunstmäzen, Kaffeekettenbesitzer, Berater, Online-Profi. Das sind die Bezeichnungen, die man in den Medien für Koidl findet. Er selbst nennt sich auch Markenexperte. «Ich kaufe Marken, entwickle sie, verkaufe sie manchmal wieder.»

So gründete er etwa 1996 «World Coffee», die erste Kaffeehauskette in Europa. Wenige Jahre später verkaufte er sie an eine Rösterei in Hannover. 2000 übernahm er das Unternehmen Most Schokolade mit über 800 Mitarbeitenden und 142 Läden aus der Insolvenz. Es gehört ihm heute noch. 2007 startete er das Internet-Projekt Schokogramm, welches Kunden die Möglichkeit gibt, eine individuell gestaltete Schokoladentafel per Post als Telegramm zu verschicken. Inzwischen kaufte die Migros das Unternehmen. Der letzte Markenname, den er sich sicherte, ist der der Westfalenbank, die sich in Liquidation befindet. Was er damit vorhat, verrät er noch nicht.

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Das alles erledigt Koidl aus Luzern. In der Stadt, unweit des Hauptbahnhofs, hat seine Firma Direct Investment Partners seit 2002 ihren Sitz. Koidl selber lebt in Küsnacht im Kanton Zürich. Das war einer der Umstände, aus denen ihm die Kritiker im November einen Strick drehten. Ein Berater, wohnhaft in dem Land, dem der Sozialdemokrat Steinbrück einst so medienwirksam mit der Kavallerie drohte, das gehe gar nicht. Auch wenn die Gewerbesteuern in Luzern tatsächlich sehr tief seien, er sei nicht deshalb in die Schweiz gezogen, verteidigt sich Koidl. Sein damaliger Mentor und Investor habe in Luzern gewohnt, erklärt er. Und der Liebe wegen sei er nach Zürich gezogen. Damals habe er noch mit seiner Freundin im trendigen Kreis 5 gewohnt. Ob günstigere Steuern oder die Nähe zum See für den Umzug nach Küsnacht ausschlaggebend waren, lässt Koidl offen. Auf seine Liebe zur Schweiz lässt er aber nichts kommen. «Jedes Mal, wenn ich bei der Zugfahrt nach Hause das Schild ‹Basel SBB› sehe, bin ich erleichtert und froh», schwärmt er.

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Berater von Hedgefonds

Auch deshalb ärgert es ihn, dass sein Wohnsitz im Wahlkampf zum Thema wurde. Offenbar wurden diese Anschuldigungen gegenüber den Medien vor allem aus der eigenen Partei gezielt gestreut, wie verschiedene Quellen aus und um die SPD bestätigen. Ebenso wurden der Begriff der «Heuschrecke» oder die Kritik an seiner Hedgefonds-Vergangenheit instrumentalisiert. Als Berater arbeitete er vor einigen Jahren unter anderem für den grossen Fonds Cerberus sowie für Värde Partners Europe. Koidl ärgert es, dass man ihm daraus einen Vorwurf macht. «Ich selbst habe der Branche gegenüber eine durchaus kritische Haltung», sagt er. Doch man dürfe nicht vergessen, dass durch sie auch viele junge Unternehmen finanziert würden, nicht zuletzt auch einige seiner eigenen Projekte.

Schliesslich sei er wohl von den innerparteilichen Konflikten der SPD vertrieben worden, vermutet auch Politikstrategin Gertrud Höhler. «Offiziell vorgeschoben wird die ‹political correctness›», erklärt sie. Doch das sei eine Ausrede. Eigentlich sei das «Feindwissen» auch etwas Wertvolles, von dem die SPD hätte profitieren können. Doch der pragmatische und für SPD-Verhältnisse fast rechte Steinbrück, welcher am 9. Dezember nun auch noch offiziell zum Kanzlerkandidaten ernannt wurde, stehe eben immer noch unter Beschuss der Partei-Linken. Diese habe die «Überempfindlichkeit in moralischen Dingen», welche seit der Finanzkrise in Deutschland herrsche, ausgenutzt.

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Das muss Steinbrück zumindest geahnt haben. Denn die Berufung Koidls in sein Team kommunizierte er nie. Drei Wochen verbrachte der Berater in seinem Büro, bis jemand den Medien steckte, wer der neue digitale Berater ist.

Hätte Steinbrück direkt offen kommuniziert, wäre das unter Umständen sogar gut gewesen, mutmasst Höhler. Im Grunde sei Koidl nämlich auch als Markenexperte prädestiniert, der SPD und vor allem dem Kandidaten auf die Sprünge zu helfen. Denn: Steinbrück geniesst unter anderem den Ruf eines Machos. Koidl ist Autor verschiedener Bücher; eines davon ist «Scheisskerle» – ein lockerer, witziger Beziehungsratgeber für frustrierte Frauen. Dem Online-Muffel Steinbrück soll er ausserdem dazu verhelfen, die Trends im Internet auch für den Wahlkampf zu nutzen.

Unter den Negativschlagzeilen der letzten Wochen leiden wird der rastlose Koidl kaum lange. Er finde immer eine neue Herausforderung, sagt er. Kurz vor dem Besuch im Café Odeon bekam er denn auch gerade eine erfreuliche Nachricht. «Scheisskerle» werde verfilmt, von «einem international renommierten Filmproduzenten». Mehr verrät Koidl nicht. Und wenn das Projekt abgeschlossen ist, kann er sich ja noch um die Westfalenbank kümmern.

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