Stephen Badger hat die energiegeladene Ausstrahlung eines Express-Boten ­und tritt mit derselben Dringlichkeit auf. Bei seinem Start im Oktober 2002 bei TNT Swiss Post hat er seine Mitarbeitenden begrüsst mit «Please, call me Stephen» und damit die Botschaft verbreitet: «Stimmt, ich bin kein Schweizer, ich mache gewisse Dinge anders. Aber ich bin offen für Diskussionen.»

Ein Flair für Fremdsprachen habe er nicht, doch er habe sich immer überall verständlich machen können. Ein paar Monate hätte er in der Schweiz zum Rechten sehen sollen und ist geblieben.

Lange Leine für alle

In den ersten Wochen hat er sich einen Überblick über die Situation in der Schweiz verschafft, die Niederlassungen im Tessin und in der Westschweiz und alle Satelliten besucht. Kein Freund von Zentralismus und Bürokratie, hat er den Depots sofort die lange Leine gegeben: Aufgabe des Top-Managements sei es, die anderen zu unterstützen, ihre Herausforderungen zu packen, «die Verantwortung fürs Tagesgeschäft liegt bei ihnen».

Gleich zu Beginn hat er sein mittleres Management an einem Workshop aufgefordert, die wichtigsten Dinge aufzulisten, die zu ändern seien, und selbst Lösungen dafür zu entwickeln. Aus dem, was er «delegierte Verantwortung» nennt, entstehe in der Regel viel Arbeit, aber auch Teamgeist und Begeisterung ­und ist typisch für Badgers Führungsstil.

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«Man muss den Leuten verständlich machen, was man von ihnen will», ist Badger überzeugt. Was im Grunde gar nicht so schwierig sei. «Keep it simple, Stephen», pflegte schon seine Mutter ihn zu bitten ­ ein Prinzip, an das er sich heute noch hält. Zum Beispiel die Firmenstrategie. Er greift hinter sich auf den Schreibtisch und präsentiert ein laminiertes A3-Papier. «Das ist unsere Strategie.» Von 70-Seiten-Dokumentationen hält er wenig. Eine Strategie müsse ständig greifbar sein, er wolle sie in Diskussionen schnell zur Hand haben, in manchen Büros hänge sie gar an der Wand. Darauf abgebildet sind die Schlüsselprozesse des Unternehmens und ihre Ziele. So wisse immer jeder, was er zu tun habe. «Was sind die Ziele für TNT Swiss Post? Wie realisieren wir sie? Es ist unsere Aufgabe, die Strategie so zu erklären, dass die Leute sie verstehen.» Bedingung dafür sei ein gutes Diskussionsklima, in dem Ideen ausgetauscht, entwickelt und besprochen werden. Jeder müsse wissen, dass es keine schlechten Ideen gebe ­ nur solche, die mehr und solche, die weniger Chance auf Umsetzung haben. «Niemand darf zurücklehnen und denken, es spiele keine Rolle, was er denke.» Überzeugt davon, dass Vorbild wirkt, initiiert und pflegt er selbst das informelle Gespräch. In diesem Jahr plant er «Breakfast with Badgy», monatliche Gipfeltreffen mit Gästen aus verschiedenen Bereichen und Abteilungen.

Seine Gesprächspartner mögen sich zuweilen wünschen, Mutter Badger hätte von ihrem Sohn nicht nur Einfachheit, sondern auch Kürze gefordert ­ ist Stephen einmal in Fahrt, bremst ihn so schnell nichts. Seine Begeisterung aber ist hochansteckend.

Dass er damit nicht nur Schwung in Diskussionen bringt, sondern auch in Teams und Prozesse, zeigt seine Erfolgsspur, die sich von Neuseeland quer über den Globus zieht: Viele seiner Wirkungsorte in Südostasien, Indien und Osteuropa haben interne Preise für gute Leistung gewonnen. Er müsse sich oft zurückhalten, gesteht er, um nicht alle Ideen selbst zu liefern. Auch damit, zu vieles gleichzeitig tun zu wollen, überfordere er die Leute oft.

In der für ihn typischen Mischung aus Beharrlichkeit und Charme macht er klar, was der Sinn der ganzen Anstrengung ist: «At the end of the day we have to make money.» Am Prinzip, nicht Geschäfte, sondern Menschen zu entwickeln, hält er aber eisern fest. Sogar 2004, im wirtschaftlich schwierigsten Jahr, das er mit TNT erlebte, habe er nie daran gedacht, am Personal zu sparen. «Entlassungen? Das wäre ein Zeichen dafür, dass ich schlecht manage.»

Kostensparen habe nur teilweise mit Leuten und Löhnen zu tun. Zentral sei, dass jeder in seinem Bereich das Beste gebe. Für eine Weile habe man nur in die wichtigsten Bereiche des Unternehmens investiert ­ unter anderem in Weiterbildung und Training. «Gerade in schwierigen Zeiten muss man sicherstellen, dass die Leute wirklich wissen, was von ihnen verlangt wird.»

Komfortzone Schweiz

Im Gegensatz zu früheren Einsatzorten hat er in der Schweiz ein sehr gut entwickeltes Unternehmen vorgefunden. Aber auch die bequeme Haltung: «Wir machen die Dinge heute schon gut ­ warum sollten wir sie noch besser machen?» Badger betrachtet es als seine Aufgabe, aus einem guten Unternehmen ein grossartiges zu machen, eines, dem es nicht genügt, im Jahr über 2 Mio Sendungen zu befördern. Auch andere bieten Expressdienstleistungen an und machen ihren Job gut. «Wir müssen mehr tun, als nur die Kundenbedürfnisse befriedigen. Wir müssen mit Mehrleistung brillieren ­das bindet unsere Kunden.»

Badgers Geheimwaffe gegen Selbstzufriedenheit? «Passion! Mit Leidenschaft bewegt man Himmel und Erde.» Wer über längere Zeit erfolgreich und profitabel war, vernachlässige seine Fähigkeit, schnell auf Veränderungen zu reagieren ­seiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg. Seinen Schweizer Mitarbeitenden müsse er oft erklären, weshalb sich das Unternehmen aus der Komfortzone bewegen müsse.

Dies allerdings dürfte ihm nicht schwer fallen er selbst war lange Zeit permanent in Bewegung. Seit 1990 hat seine Familie den Wohnsitz in London, wohin er an den Wochenenden jeweils pendelte, als die Kinder noch klein waren. Er habe oft mehr Zeit im Flugzeug verbracht als im eigenen Wohnzimmer, lacht er fröhlich. In diesem Mann, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, steckt ein Tornado mit der Überzeugung: «Der Tag, an dem wir ausruhen, ist der Tag, an dem wir unseren Vorsprung verlieren.»

Zur Person

Stephen Badger (54) wurde in Neuseeland geboren und hat 28 Jahre in der Transportindustrie gearbeitet, seit 1984 bei TNT. 1988 wurde er Regional General Manager für Südostasien, 1993 Regional Director für Indien und den Subkontinent. Seit 1995 in Europa in verschiedenen Funktionen, zuletzt als Regional Manager Visegrad (Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei). Seit 2002 Country Manager Schweiz. Stephen Badger ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Stephen Badgers

Führungsprinzipien

1. Versetze ständig die eigenen Grenzen.

2. Betrachte Veränderung immer positiv.

3. KISS ­ «Keep it simple, Stephen».

4. Bilde Sub-Teams: Sie kultivieren Ideen und ermuntern die Individuen zu eigenen Beiträgen.

TNT Swiss Post:

Mitarbeitende: Etwa 500

Hauptsitz: Buchs AG

Niederlassungen: Buchs AG, Balerna TI, Genf

Satelliten: Bern, Pratteln, Hünenberg, Effretikon, Schlieren, St.Gallen

Air Hub: Basel, Genf

Road Hub: Buchs AG

Lagerfläche total: 7000 m2

Fahrzeuge: über 100

Beförderte Sendungen: Im Jahr 2003: 2,12 Mio