Wenige Tage nach Silvester bereitete der Amerikaner Jon Sandler* hektisch einen Brief vor. Der alte Mann hatte Angst. Die Schweizer Grossbank UBS, so erzählten ihm verschiedene Leute, würde wahrscheinlich bald vor den Ermittlern der US-Justiz einknicken. Und ausgerechnet bei dieser UBS lag seit Jahren sein Schwarzgeld. «Lieber F.», schrieb Sandler mit zittriger Hand an seinen Kundenberater, «bitte schliessen Sie mein Konto und überweisen Sie mein Geld an die Bank S.»

Sandlers Schreiben im Januar 2009 sollte umsonst sein. Wenige Monate später kannte die amerikanische Steuerbehörde seinen Namen. Sie besass ausserdem eine Kopie seines Schreibens.

Geschichten wie die des alten Mannes gibt es zu Tausenden. Um den damali-gen Steuerstreit mit den USA beizule-gen, ­lieferte die UBS ihre Kunden reihenweise ans Messer. In den Dossiers, welche die Grossbank im Jahr 2009 in zwei Tranchen herausgab, war alles fein säuberlich ­aufgeschrieben. Da stand auch, wohin das jeweilige Guthaben der 4700 Kunden abgeflossen war – an die Bank Wegelin etwa, an die Basler Kantonalbank oder an die Liechtensteinische Landesbank.

Die UBS verriet damals also nicht nur ihre Kunden, sondern auch die heute ­beschuldigten Konkurrenten. Das belegen die Dokumente, die der «Handelszeitung» vorliegen. «Sowohl unter der Ver­fügung der Finma als auch gemäss der Amtshilfeverfügung war die UBS angewiesen, den Schweizer Behörden auch die Korrespondenz mit dem Kunden und die Schliessungsinstruktionen zu liefern», bestätigt UBS-Sprecher Serge Steiner. Die Behörden leiteten diese Informationen an die USA weiter. Sie mussten dies tun, denn die Lieferung der Banknamen war eine Bedingung in beiden Vereinbarungen mit den US-Behörden.

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Spätestens jetzt ist klar, warum die Amerikaner derzeit auf breiter Front gegen Schweizer Banken vorgehen können. Mit ihrer Schützenhilfe für die UBS lieferten die Schweizer Behörden andere Banken aus. Die Zahlen und ­Namen, die sie von der UBS geerntet hatten, sowie weitere Daten aus Tausenden Selbstanzeigen verschafften den US-Ermittlern die entscheidenden Informationen. Niemals ­zuvor wussten Ermittler so viel über das geheime Innenleben von Banken wie ­Wegelin, Julius Bär oder der Basler Kantonalbank. Der Sündenfall UBS leitete das Ende des Bankgeheimnisses ein.

Der Ärger beginnt

Im Herbst 2007 ahnte freilich noch niemand, welche Dimensionen der Steuerstreit mit den USA einmal annehmen sollte. Damals zielten in den USA drei Behörden auf die UBS: Die Börsenaufsicht SEC, die Staatsanwälte des Justizdepartements und die Steuerbehörde IRS. Sie alle warfen der Bank vor, ihre Mitarbeiter hätten amerikanischen Kunden bei der Umgehung ihrer Steuerpflicht geholfen.

Beim Justizdepartement zuständig war Kevin Downing, ein junger, ehrgeiziger ­Ermittler mit Spezialgebiet Steuerdelikte. Downing war offenbar bestens im Bild über die illegalen Aktivitäten einiger UBS-Kundenberater auf amerikanischem Boden, die der Ex-Vermögensverwalter Bradley Birkenfeld bankintern gemeldet hatte. Der Staatsanwalt forderte die UBS im September 2007 erstmals auf – so halten es rückblickend die Geschäftsprüfungskommissionen GPK des Schweizer Parlaments fest –, seiner Behörde «detaillierte Angaben über die amerikanischen Kontoinhaber und die wirtschaftlichen Anspruchsberechtigten» zu liefern. Die Bank reagierte sofort. Sie holte die Anwälte der renommierten New Yorker Kanzlei Wachtell, Lipton, Rosen & Katz ins Haus.

Während sich die Wachtell-Juristen über die Bücher beugten, warnte die UBS die Bankenaufsicht EBK in Bern vor, die spätere Finma. Zu jenem Zeitpunkt, stellten die GPK später fest, war die für Amtshilfe in Steuerfragen zustän­dige Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) durchschnittlich drei Amtshilfe­gesuche pro Jahr gewohnt.

«Im Rückblick glaube ich, dass wir einen grossen Fehler gemacht haben», sagt heute der damalige Privatier und spätere UBS-Chef Oswald Grübel gegenüber NZZ Online. «Der Fehler war», präzisiert Grübel gegenüber der «Handelszeitung», «dass die UBS sich nicht früher darum ­gekümmert hat.» Im Winter 2007, so schätzen Insider, hätte das Drama wohl noch verhindert werden können – mit schneller Amtshilfe und mit ein wenig Geld.

Doch vorerst geschah fast nichts, weder in Zürich noch in Bern.

Am 6. März 2008 skizzierte eine Delegation der UBS gegenüber der EBK das sich abzeichnende Ausmass des Problems in den USA. Es gehe um schätzungsweise bis zu 20000 Kunden, warnten die UBS-Experten an dieser Sitzung, und Kevin Downing wolle Einsicht in Kundendaten. Ausserdem drohten Downing und seine Kollegen, das Top-Management der Bank zu einer Gerichtsanhörung vorzuladen. Jetzt war Urs Zulauf, Vizedirektor der EBK, alarmiert. Er initiierte in den kommenden Wochen mehrere Treffen mit Vertretern des Finanzdepartements, des Justiz- und Polizeidepartements und des Aussenministeriums. An jenem Märztag kamen die Teilnehmer zum Schluss, die Schweiz könne Daten nur auf der Basis von Amtshilfe übergeben und nur in Fällen mit ­Verdacht auf Steuerbetrug und ähnliche Vergehen.

Eskalation

Im Frühjahr überschlugen sich die Ereignisse. Am 21. April 2008 wurde in den USA der Chef des UBS-Nordamerika­geschäfts, Martin Liechti, in Florida verhaftet. Bald darauf mussten Liechti und Mark Branson, Chef der weltweiten UBS-Vermögensverwaltung, im US-Parlament aussagen. Staatsanwalt Downing schätzte das Ausmass der undeklarierten Gelder aus den USA bei der UBS auf rund 20 Milliarden Dollar.

Bei der Bank herrschte jetzt Alarmstufe rot. Der damalige Chefjurist und spätere Verwaltungsratspräsident Peter Kurer tele­fonierte nach Bern, wo zwei Amtshilfe­gesuche aus den USA eingegangen waren. Gleichzeitig zeichnete sich langsam der Auftritt jenes Mannes ab, dem später das Kunststück gelingen sollte: Die UBS zu ­befreien, ohne in der Schweiz strafbar zu werden. Ein Headhunter kontaktierte Markus Diethelm.

Der in den USA ausgebildete Top-Jurist hatte einst für Swiss Re viel Geld gespart – er sorgte dafür, dass die Rückversicherung dem Pächter des attackierten und zerstörten World Trade Center nicht 7 Milliarden Dollar, sondern nur die Hälfte davon bezahlen musste. Er habe sofort gewusst, dass er den Job wolle, sagte Diethelm später der Rechtszeitschrift «Plädoyer».

Für die Schweizer Öffentlichkeit war der sich anbahnende Fall UBS in diesem Sommer noch kein Grossereignis. Zwar hiess es in den Medien, die Bank sei «im Visier» der US-Behörden. Es war von 19000 Kundendossiers die Rede, die der IRS angeblich fordere. Doch die Welt hatte damals andere Sorgen: Über den Bankenplätzen New York, London und Zürich braute sich die Finanzkrise zusammen.

Bereits war die britische Northern Rock verstaatlicht worden, ebenso die amerikanischen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Die UBS vermeldete im April einen Quartalsverlust von 12 Mil­liarden Franken. Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel musste seinen Sitz für den bisherigen Chefjuristen Peter Kurer räumen. Und Marktbeobachter warnten: Kein Institut hält so viele toxische Papiere in seiner Bilanz wie Lehman Brothers.

Am 15. September brach die über 150-jährige Investmentbank zusammen. In der Folge mussten die Staaten Europas und Amerikas mit Milliardenhilfen ihre Banken stützen. Auch die UBS erhielt eine 6-Milliarden-Spritze vom Bundesrat. Der Schock im Land sass tief. Er sollte später ein Grund dafür sein, dass sich die UBS retten konnte.

Die UBS lud nur einen Tag nach der Nothilfe, am 17. Oktober 2008, nach New York. Dort präsentierten die Anwälte von Wachtell die Ergebnisse ihrer monatelangen bankinternen Untersuchung. Vor Ort war Markus Diethelm, inzwischen offiziell Chefjurist. Ausserdem waren Vertreter aller involvierten amerikanischen Behörden anwesend. Aus der Schweiz war nur eine Delegation der EBK im Raum – weder das Finanzdepartement noch das Justizdepartement hatte Personal entsandt.

Nach der Rückkehr aus New York warnte WBK-Vizedirektor Zulauf den zuständigen Mann im Finanzdepartement, Alexander Karrer: Die UBS könne keinen Vergleich abschliessen, solange die amerikanischen Behörden nicht Kundendaten oder zumindest eine verbindliche Zusage erhielten. Es müsse in Erwägung gezogen werden, eine bestimmte Anzahl von Daten gestützt auf die Notrechtskompetenz des Bundesrats zu übergeben. Noch sprach niemand offen von einer unmittelbar bevorstehenden Strafklage.

Das änderte sich am 12. November 2008: Die US-Behörden klagten UBS-Vermögensverwaltungschef Raoul Weil in Florida an. Jetzt schrieb EFD-Vertreter Karrer seinem Chef Hans-Rudolf Merz, eine weitere Eskalation könne zum «Bank­rott» der UBS führen. Auch EBK-Vize Zulauf warnte die Bundesräte Merz und Widmer-Schlumpf: Eine Anklage gegen die UBS in den USA wäre für diese «existenzgefährdend», und ein Vergleich hänge zwingend von einer sofortigen Übermittlung einer bestimmten Zahl von Kundendaten ab. Den Amtshilfeweg, kam Zulauf nun zum Schluss, betrachte die EBK nicht mehr länger als zielführend.

«Keine Zeit mehr»

Am 8. Dezember 2008 traf sich UBS-Chefjurist Diethelm mit den Staatsanwälten des US-Justizdepartements. Dieses habe «mehrmals angedroht, die UBS der Justizbehinderung anzuzeigen, zusätzliche Kader anzuklagen oder als Ultima Ratio die Einleitung eines Anklageverfahrens gegen die Bank zu prüfen», gab Diethelm später gegenüber den GPK zu Protokoll. Den Staatsanwälten habe er gesagt, dass rascher als im bestehenden Amtshilfeverfahren Kundendaten geliefert werden könnten – sollte eine Lösung mit sämtlichen US-Behörden gefunden werden. Die UBS bereitete in dieser Zeit das Deferred Prosecution Agreement vor. In der Schweiz rapportierte Diethelm: Es sei die klare Position der amerikanischen Justizbehörde, dass die Bank keine Zeit mehr habe.

Am 19. Dezember 2009 beauftragte der Bundesrat die spätere Finma, «alle notwendigen Massnahmen zu treffen», um im Interesse der Stabilität des schweizerischen und des globalen Finanzsystems «eine Anordnung von unilateralen Zwangsmassnahmen» gegen die UBS zu verhindern. Am 18. Februar 2009 verfügte die Finma, dass die UBS ihr Kundendaten zur Übergabe an die US-Behörden überlassen müsse. Im August folgte ein Staatsvertrag zwischen den USA und der Schweiz, der der Bank eine Einigung auch im zivilrechtlichen Verfahren mit der US-Steuerbehörde ermöglichte.

Es ist dies der Geniestreich des Markus Diethelm: Er überzeugte Volk und Bundesrat, dass der UBS ohne Herausgabe der Kundendaten der Untergang drohe.

War alles nur ein grosser Bluff auf Kosten des Finanzplatzes? Niemals, sagen Kritiker wie der Berner Wirtschaftsrechtler Peter V. Kunz, hätten die USA die Bank angeklagt. «Die Bank hatte damals Systemrelevanz auch in den USA.» Doch die Stimmung sei panisch gewesen: «Irgendwann waren von den Bundesbehörden über die Banken bis zu den Medien alle davon überzeugt, dass eine Klage unmittelbar bevorstand.» Diethelm sagt heute: «Wir hatten eindeutige Anhaltspunkte dafür, dass eine Anklage der Bank durch das US-Justizdepartement unmittelbar bevorstand.»

Im Laufe des Jahres 2009 gingen 250 Kundendossiers über die Verfügung der Finma und weitere 4450 über die spätere Amtshilfe in die USA. Eines von ihnen war jenes von Jon Sandler.

*Name von der Redaktion geändert