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Stil ist keine Preisfrage

Business-Mode Müssen Geschäftsmänner Anzüge und Krawatte tragenoder nicht? Und welche Kleider passen zu wem? Wer das nicht selber weiss, kann sich von Stilberaterinnen oder Designern ins richtige Out

Veröffentlicht am 26.11.2002

Gewisse Angestellte bei der Deutschen Bank in London dürften heimlich aufgeatmet haben: Seit dem 3. September gibt es dort wieder eine offizielle Kleiderregel. Blue Jeans und sportliche Kleidung sind untersagt, Anzug und Krawatte wieder Pflicht. Bei der morgendlichen Qual der Wahl, mit der sich auch Männer immer häufiger konfrontiert sehen, scheint also wenigstens die ungefähre Richtung wieder vorgegeben.

Gut angezogen sein wird deshalb noch lange nicht zum Kinderspiel. Auch bei der Geschäftskleidung gibts eine unüberblickbare Auswahl ­ von elegant und sportlich über individuell und trendig und zurück zu klassisch. Auch Männer interessieren sich deshalb vermehrt für Fragen wie: Was für ein Typ bin ich? Was passt zu mir? Welches Outfit entspricht meiner Position und meinem beruflichen Umfeld?

Anzug und Krawatte seien nicht in jedem Fall die richtige Antwort, relativiert die Inhaberin der Stilberatungsagentur OneImage, Corinne Staub, den Nutzen von Business-Dresscodes: «Wichtiger ist es, dass die Kleidung zum Träger, zum Anlass und zur Branche passt.» Kleider machen nicht zwingend Leute, doch wer sich darin wohl fühlt, tritt sicherer auf ­ und das ist alleweil hilfreich, nicht nur im Geschäftsleben. Das spanische Sprichwort «Nur Gott hilft den Schlechtgekleideten» muss aus einer Zeit stammen, zu der es noch keine Imageberater gab.

Persönlicher Stil hat nichts mit Mode zu tun

Das Gespür für guten Stil ist nämlich nicht angeboren, sondern durchaus erlernbar. Die professionelle Beratung betreffend Farbwahl, Schnitt und Körperbau, Einkauf, Accessoires und Trends ist kompetent und sachlich und ­ kommt gut an: «Wenn die externe Beraterin ihrem Kunden erklärt, dass ihm Grün nicht steht, hört er auf sie ­ bei seiner Frau würde er eher wütend», erzählt Corinne Staub, die in diesem Jahr erstmals mehr Männern als Frauen zur typgerechten Garderobe verhelfen konnte.

Während Kleidung käuflich ist, bleibt Stil eine Frage der Persönlichkeit. Dagmar P. Heinke formuliert es in ihrem Buch «Nicht nur Kleider machen Leute» so: «Wenn Sie an Ihrem eigenen Bild ­ an Ihrem Image ­ arbeiten wollen, setzt das voraus, dass Sie wissen, wo sie innerlich stehen. Das Bild, das andere von Ihnen haben, wird nur seine erfolgreiche Wirkung entfalten, wenn es etwas mit Ihrem Wesen zu tun hat ­ Masken trägt man nur im Fasching. Staub ergänzt: «Seinen Stil finden und stilvoll angezogen zu sein, hat nicht unbedingt etwas mit Mode zu tun.»

Dass es mehr Sinn macht, die Mitarbeiter bei der Abklärung des eigenen Stils zu unterstützen als mühsam allgemein gültige Kleiderregeln zu definieren, merken immer mehr Firmen und bieten entsprechende Seminare an. Auch für Privatpersonen, die sich in Sachen Mode unsicher fühlen, ist Stilberatung eine Investition, die sich lohnt. Wer seinen Stil kennt, muss seine Garderobe nicht alle sechs Monate auswechseln, sondern weiss: «Zu mir passen Hosenbeine ohne Aufschläge, Pullover mit V-Auschnitt, Blautöne und Materialien mit gröberer Struktur.»

Zum Einkauf gehört nicht zwingend die dicke Brieftasche. Die Frage, ob massgeschneidert oder von der Stange, ist in erster Linie eine Frage des Komforts und der Anforderungen des beruflichen Umfelds. Notwendig aus Stilgründen sei der Massanzug nicht, erklärt Staub, abgesehen davon könne jemand auch im 4000-Franken-Stück langweilig und fad aussehen. Während sich gute Qualität bei den Stoffen zwar immer auszahlt, kann Designerware je nach Branche deplatziert, weil allzu distanzierend wirken.

Debatten um Krawatten

«Männer möchtens möglichst easy haben», behauptet die deutsche Designerin Gabriele Strehle, die dieses Jahr erstmals eine Männerkollektion herausgibt. Sie setzt deshalb auf bequeme Stoffe, erdige Farben und ­ keine Krawatten. Am Schlips scheinen sich die Geister überhaupt zu scheiden. «Nie ohne» fordern die einen ­ «Schluss mit dem Strick» die anderen. Luxus-Designer Ermenegildo Zegna bietet in seiner Herbstkollektion eine witzige Spielerei an: Vorder- und Hinterteil der Krawatte in zwei verschiedenen Farbtönen. Wie auch immer ­ dass es im heutigen Wirtschaftsumfeld erheblich mehr braucht als eine Comic-Krawatte, um Fröhlichkeit aufkommen zu lassen, dürfte inzwischen auch der hoffnungsloseste Modemuffel gemerkt haben.

Outfit-Wahl

Fünf Fehlgriffe

nSchlechte Proportionen: Zu weite oder zu enge Jacken, zu kurze oder zu lange Hosen.

nFalsches Hemd: Grundsätzlich gilt: je grösser der Kontrast zur Anzugfarbe, desto kompetenter wirkt der Träger. Weiss ist immer korrekt.

nFalsche Socken: Weiss, verwaschen oder mit Disney-Figuren.

nFalsche Schuhe: Zweifarbig, ungeputzt oder abgetragen.

nFalsche Accessoires: Abgewetzte Brieftaschen und klimpernde Schlüssel.

Weitere Tipps: Dagmar P. Heinke: «Nicht nur Kleider machen Leute», orell füssli, Zürich 2002, oder über www.oneimage.ch

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