Die Grossanleger und Bankökonomen haben sich ihre Meinung gemacht. Einen Krieg im Irak halten sie für unvermeidlich. Was Wunder, dass sie den Kunden raten, sich gemäss dem Motto zu verhalten: Besser keine Wetten eingehen, als auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. «Für die Anleger ist es angezeigt, Liquidität zu halten, weil die Irak-Krise ein wahnsinnig unsicheres Anlageumfeld schafft», sagt Jan Poser von der Bank Sarasin.

Kaum ein Grossinvestor wagt es daher, in Aktien zu investieren, solan-ge die Irak-Krise schwelt. Anstatt bereits jetzt auf das erhoffte Erholungsrallye zu setzen, schrecken sie vor Engagements zurück ­ aus Furcht vor weiteren Kurseinbussen. Das ist verständlich. Wer in den letzten Monaten auf den grossen Umschwung an den Börsen setzte, erlitt zum Teil hohe Verluste. Der Stoxx 50 jedenfalls ist Ende Januar zwischenzeitlich sogar unter den Punktestand vom vergangenen Oktober gefallen. Von Anfang bis Ende Januar sackte der europäische Blue-Chip-Index rund 10% ab.

Glücklich schätzen können sich unter den Grossanlegern aber ohnehin diejenigen, die überhaupt noch die Wahl zwischen Investieren und Abwarten haben. Viele instititutionelle Anleger sind aus purer Not zu prozyklischem Investieren verdammt. Der Kurssturz der vergangenen Wochen hat angeblich einige Versicherungen und Pensionskassen weiter in die Enge getrieben. Sie sollen in letzter Zeit erneut Aktien in grossen Mengen auf den Markt geworfen haben.

Weit verbreitete Skepsis

Zu Hauruckübungen gezwungen waren dabei besonders Versicherungen aus Grossbritannien. Die geringe Risikofähigkeit von Versicherungen und Vorsorgeeinrichtungen macht vor allem den Brokerageabteilungen der Banken Sorgen. Auch mit den besten Anlageideen können sie diese Institutionellen nicht mehr aus der Reserve locken. Banken beklagen sich denn auch über ein sehr schleppendes Handelsgeschäft.

Ein Grund dafür ist auch, dass sogar sehr solide, langfristig orientierte Anleger gegenüber Aktien nach wie vor skeptisch eingestellt sind. So hätte beispielsweise Novartis die liquiden Mittel und die Finanzstärke, um im grossen Stil in Aktien einzusteigen. Finanzchef Raymund Breu bleibt aber zurückhaltend. Er glaubt nicht an einen schnellen Aufschwung der Wirtschaft und sieht deshalb wenig Gründe, um für Aktien «bullish» zu sein.

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Dabei schauen die Aktien eigentlich günstig aus. Die Bewertung im Vergleich zu Anleihen ist auf dem tiefsten Stand, seitdem die Konsensschätzungen von Ibes erhoben werden (1988). Es gibt immer mehr Aktien mit tiefen einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) für 2004 und Dividendenrenditen über 5%. Angesichts solcher Zahlen schimpfen die raren Optimisten die Anlagestrategen Opportunisten: Diese würden es nicht wagen, eine Gegenposition zur Konsensmeinung einzunehmen, wonach Aktien derzeit eine äusserst gefährliche Sache seien. Doch es ist halt nicht nur der drohende Irak-Krieg, der die Investoren zögern lässt.

Keine Favoriten

Anscheinend billige Bewertungen sind für sie noch lange kein Kaufargument, solange nicht absehbar ist, ob die Gewinne der Gesellschaften wieder stark steigen. Die Meinung der Strategen der Zürcher Kantonalbank ist daher klar. Sie halten die günstigen Bewertung der europäischen Aktienmärkte für gerechtfertigt, denn zu trüb seien die Konjunkturaussichten. Auf eine weitere Gefahr weist Alex Hinder von der Bank Leu hin. Wie andere Strategen warnt er vor der nach wie vor hohen Bewertung des amerikanischen Aktienmarkts. Die Indizes in den USA sind längst nicht so tief gefallen wie die europäischen Börsenbarometer. Heftige Kurseinbrüche in den USA würden aber auch die Börsen diesseits des Atlantiks erschüttern, relativ tiefere Bewertung hin oder her.

Über das Ganze gesehen, gibt es in den Researchabteilungen keine eindeutigen Favoriten mehr unter den Stoxx-50-Titeln. Sechs von sieben Kaufempfehlungen auf sich vereinigen können die Spirituosengesellschaft Diageo und die italienische Stromgesellschaft Eni.

Auf je fünf Kaufempfehlungen kommen BNP Paribas und Novartis. Die französische Grossbank hat sich wie die UBS einen soliden Ruf erkämpft. Novartis konnte sich zuletzt der Baisse nicht entziehen, obwohl Pharmafirmen sonst in Krisenzeiten sehr gefragt sind. Inzwischen gilt die Basler Gesellschaft als eine der interessantesten Pharmaanlagen.