Die Männer stehen vor einem Dilemma. Eigentlich wollen sie mehr Frauen in die Top-Etagen der Schweizer Unternehmen holen. Gelingt es ihnen, eine geeignete Kandidatin aufzutreiben, die das Angebot auch noch annimmt, belächelt man sie als Anhänger des Quotensystems. Gelingt es ihnen nicht, werden sie als Frauenverhinderer gegeisselt.

Doch langsam, aber sicher ändern sich die Dinge. Eine wachsende Zahl von Entscheidungsträgerinnen ist sich sicher: In einem gewissen Mass sind Frauen selber daran schuld, wenn sie es nicht bis ganz nach oben schaffen.
Viele Frauen mit Führungspotenzial warten buchstäblich darauf, entdeckt zu werden. Davon kann Beatrice Tschanz ein Lied singen. Die ehemalige Swissair-Konzernsprecherin und Centerpulse-Managerin sitzt seit sieben Jahren im VR des Berner Handels- und Konsumgüterkonzerns Valora, allein unter sechs Männern.
Tschanz setzt sich nach Kräften für weibliche Führungskräfte im bisher frauenfreien Valora-Management ein. Doch ihre Bemühungen sind selten von Erfolg gekrönt. Nicht, weil sich ihre männlichen Kollegen sträuben, sondern «weil sich einfach keine Frauen melden, wenn wir entsprechende Stellen zu vergeben haben», klagt Tschanz. Die Vermutung der Valora-Kontrolleurin: Geeignete Kandidatinnen gibt es mit Sicherheit, doch seien diese viel zu wenig vernetzt. «Man kennt sie einfach nicht», sagt Tschanz.
Ähnliches beobachtet Susy Brüschweiler, CEO der Gemeinschaftsgastronomie- und Hotelmanagement-Spezialistin SV Group, und ergänzt: «Es ist äusserst wichtig, dass Frauen in den Männerzirkeln und -netzwerken vertreten sind, sonst verschliessen wir uns vor einem Teil der Geschäftswelt», sagt Brüschweiler. Während Männer Anlässe aller Art viel selbstverständlicher zum Netzwerken nutzen würden, müssten Frauen offensiver beim lockeren Kontakteknüpfen werden. Brüschweiler: «Ich besuche sehr oft Anlässe und stosse mich nicht daran, wenn vier Männer mit einem Glas Wein in der Hand einen geschlossenen Kreis bilden und mich nicht mit offenen Armen empfangen.» Sie sei in einem solchen Fall diejenige, die sich – ebenfalls mit einem Glas in der Hand – vorstelle und so den Kreis aufbreche.

Mit den Richtigen netzwerken

Wer erfolgreich netzwerkt, geht die richtigen Personen an. Astrid van der Haegen, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz, gibt ein Beispiel: «VR-Gremien auf Personalsuche gehen in den meisten Fällen immer dieselben Headhunter an.» Frauen, die keine Kontakte zu den bekannten Kadervermittlern pflegen würden, hätten es darum schwer, überhaupt vom Markt wahrgenommen zu werden.
Um dies zu ändern, müssten sich Frauen auch stärker in informelle Kreise einbringen. «Dort, wo sich die Gleichgesinnten bewegen», erklärt Tschanz.
Wie man erfolgreich Kontakte knüpft und pflegt, macht die 63-Jährige seit Jahren vor. Die Kommunikationsexpertin hält auch nach ihrer Zeit bei der Swissair Kontakte ins Airline-Business, heute etwa zu Swiss-VR Walter Bosch. Auf der Kommunikationsseite gehört unter anderem Verleger Michael Ringier zu ihren Vertrauten. Unter den Headhuntern sticht vor allem Björn Johannson heraus, der grosse Stücke auf Tschanz Kommunikationsfähigkeiten hält.

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Interne Kontakte für den Aufstieg

Auch Wirtschaftsfrauen-Präsidentin van der Haegen betont die Bedeutung des Netzwerkens und ergänzt: «Wichtig dabei ist aber nicht nur die externe, sondern auch die firmeninterne Vernetzung» (siehe «Nachgefragt»). In vielen Fällen liege hier der Schlüssel zum beruflichen Aufstieg.
Diese These stützt eine Studie des Kadervermittlers Roy C. Hitchman, die in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule Winterthur erstellt wurde. Von 400 befragten Schweizer Grossunternehmen gaben mehr als die Hälfte an, ihren Nachwuchs für Top-Managementpositionen in über 50% der Fälle aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Wer also im eigenen Unternehmen Karriere machen will, der tut gut daran, Beziehungen zu den Entscheidungsträgern zu knüpfen.

Sorge um das Privatleben

Trotz der Fülle an guten Ratschlägen sieht die Realität ernüchternd aus: Nur bei 3 von 24 BlueChip-Unternehmen sitzen Frauen im VR und im Management (siehe Tabelle). Insgesamt beträgt der Frauenanteil in der Geschäftsführung von Schweizer Firmen laut Bundesamt für Statistik erst 15%. Der Grund dafür ist laut van der Haegen weniger der Mangel an Chancen, sondern die Befürchtung vieler fähiger Frauen, dass ein Führungsjob ihr Privatleben gefährde. Die Sorge sei laut van der Haegen berechtigt: «Männer, die während Jahren an der Spitze gestanden haben, fühlen sich oft sehr einsam und haben Angst, irgendwann keine beruflichen Aufgaben mehr zu haben.»
Ihre Schlussfolgerung: Erst wenn Frauen mutiger werden und Männer mehr Verständnis für die Anliegen ihrer weiblichen Kolleginnen zeigen, wird die Frauenquote in den Top-Etagen steigen. Laut Beatrice Tschanz braucht es noch Zeit: «Es wird noch eine Generation vergehen, bis deutlich mehr Frauen ganz oben stehen.»

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Ausland

Welche Frauen am mächtigsten sind

Einflussreich
Im angelsächsischen Raum sind Top-Managerinnen keine Seltenheit. Die Frauenquoten in den Vorstandsetagen liegen hier zwischen 15 und 20%. Stärker zu kämpfen haben Frauen dagegen in Japan.

Clara Furse
Zwar weiss das moderne Grossbritannien dank Thatcher und der Queen, wie es ist, von einer Frau geführt zu werden. Trotzdem schlugen die Wellen hoch, als 2001 die 50-jährige Clara Furse als erste Frau in der über 200-jährigen Geschichte der Londoner Börse den CEO-Posten übernahm. Noch bis 1973 durften Frauen nicht einmal Mitglied der Börse werden. Kam hinzu, dass Furse nicht Britin ist, sondern als Tochter holländischer Eltern in Kanada geboren wurde. Trotzdem hat sich die Mutter von drei Kindern in einem Land mit einer Frauenquote von 17% in den Top-Etagen durchgesetzt. Von den weltweit 100 mächtigsten Frauen belegt Furse laut dem Magazin «Forbes» Rang 50.

Indra Nooyi
Sie gilt als eine der einflussreichsten Frauen der Welt: Die 52-jährige Indra Nooyi, die seit 2006 als CEO des 10-Mrd-Dollar-Getränkemultis PepsiCo amtet. PepsiCo ist damit das grösste US-Unternehmen, gemessen am Börsenwert, an dessen Spitze eine Frau steht. Die gebürtige Inderin stieg nach ihrem Studium an der US-Eliteuni Yale bei der Boston Consulting Group ein und arbeitete danach für Motorola und die schwedisch-schweizerische ABB. Seit 1996 steht sie im Dienst von PepsiCo. Nooyi gehört jetzt zu einer prominenten US-Managerinnen-Runde. Amtskolleginnen sind Anne Mulcahy, Präsidentin und CEO von Xerox, Meg Withman, CEO Ebay, Pat Woertz, CEO des Agrarkonzerns Archer Daniels Midland, und Kraft-Foods-CEO Irene Rosenfeld.

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Fumiko Hayashi
In Japan herrschen nach wie vor Männer über die Grosskonzerne. Ausnahme: Die 61-jährige Fumiko Hayashi, CEO der führenden japanischen Supermarktkette Daiei. Der Konzern mit über 3000 Filialen setzt jährlich
17 Mrd Dollar um. Das Magazin «Forbes» setzt Hayashi auf den 39. Platz unter den 100 mächtigsten Frauen der Welt. Allerdings ist Hayashi die bisher einzige Japanerin auf dieser Rangliste.

Wu Xiaoling
Die 60-jährige Vizepräsidentin der chinesischen Zentralbank hat es dank des kommunistischen Gleichstellungsprinzips bis ganz nach oben geschafft – wie auch Chinas Vizepremier Wu Yi und Yang Mian Mian, Präsidentin des Haushaltgerätekonzerns Haier. Zwar gilt die chinesische Gesellschaft nach wie vor als patriarchalisch, doch gerade Frauen wie Yang beweisen, dass sie auch ausserhalb des Staatsapparates Karriere
machen können. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» jedenfalls betrachtet Notenbankerin Wu Xiaoling als drittmächtigste Frau der Welt. In China wird Wu als «Göttin des Glücks» bezeichnet – wohl auch, weil sie als Notenbank-Vizechefin auch für stabile Preise sorgt.

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Nachgefragt: «Männer suchen im kleinen Kreis nach Lösungen»

Interview: ALICE CHALUPNY

Die Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz über die schwierige Suche nach Managerinnen.

Schweizer Börsenunternehmen haben kaum Frauen im Top-
Management. Woran liegt das?

Astrid van der Haegen: Es ist schwierig, qualifizierte Frauen für diese Jobs zu finden, die ein Angebot auch noch annehmen.

Männer sind nicht mehr schuld?

Van der Haegen: Natürlich ist die Aufmerksamkeit für Frauen mit Führungspotenzial nach wie vor tief. Denn VR-Gremien, die das Top-Management einstellen, sind nach wie vor männerdominiert. Wenn der VR also eine Führungsperson sucht, dann steuert er zunächst Bekannte an. Und das sind meistens auch Männer.

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Ist das wirklich so?

Van der Haegen: Ja. Weibliche Führungskräfte mit Karriereambitionen versuchen trotzdem, ein Privatleben zu führen. Sie verzichten dem Mann, den Kindern oder Freunden zuliebe schon mal auf einen wichtigen Networking-Anlass. Solche Treffen sind aber ein wichtiger Schlüssel zum Aufstieg.

Dann sind Frauen selber schuld?

Van der Haegen: In gewisser Weise schon. Gleichzeitig aber mangelt es bei Männern nach wie vor an Verständnis für solch typisch weibliche Eigenarten wie den Wunsch nach einem funktionierenden sozialen Netz.

Gibt es keine Seilschaften mehr?

Van der Haegen: Und ob. Das wird auch so bleiben. Frauen müssen jetzt lernen, mitzuspielen und eigene Seilschaften zu bilden.

Wie?

Van der Haegen: Frauen haben stärker das Gesamtwohl, die Firma im Fokus. Männer dagegen denken primär an ihr Team. Bei Problemen neigen Frauen dazu, gerechte Lösungen für alle zu finden. Männer dagegen bevorzugen Regelungen im kleinen Kreis. Das schweisst zusammen.

Was gibt es noch zu lernen?

Van der Haegen: Wichtig ist eine Networking-Strategie, sowohl intern als auch ausserhalb der Firma. Man muss präsent sein, seine Wünsche bei Gelegenheiten äussern. Und ganz wichtig: Denjenigen, die einem geholfen haben, muss man ebenfalls Hand bieten.