Discountimplantatehersteller machen Druck auf Ihr Geschäft. Der US-Zahnimplantatediscountpionier Jerry Niznick plant den Eintritt in den europäischen Markt. Was heisst das für Straumann?

Gilbert Achermann: Unsere Industrie kommt in eine Phase, in der sich der Wettbewerbsdruck in verschiedenen Segmenten akzentuieren wird. Angesichts der tiefen Durchdringungsraten war es bisher möglich, Einheitskost für alle anzubieten. In Zukunft wird es verschiedene Kundensegmente geben, welche mit angepassten Lösungen bedient werden müssen.

Was bedeutet das konkret?

Achermann: Wir müssen uns überlegen, wie wir mit diesem gestiegenen Wettbewerbsdruck in gewissen Segmenten umgehen wollen. Die Frage ist noch nicht beantwortet, ob und wie wir uns in diesen tieferpreisigen Segmenten positionieren wollen und müssen.

Werden Sie eine Billigtochter gründen?

Achermann: Es sind auch diverse Markenstrategien vorstellbar. Es ist ein Thema, das uns langfristig beschäftigen wird und bei dem man die Hausaufgaben zuerst gut machen muss, damit man das Kerngeschäft nicht kannibalisiert.

Wann entscheiden Sie?

Achermann: Wir werden voraussichtlich innerhalb der nächsten zwölf Monate darüber informieren.

2007 hat Straumann die deutsche Zahnersatzanbieterin Etkon gekauft, in Japan und Südkorea Distributionspartner übernommen und das Implantat «Bone Level» lanciert. Was beschäftigt Sie 2008?

Achermann: Diese strategischen Fortschritte werden uns auch 2008 am meisten beschäftigen. So geht es etwa darum, das Geschäft von Etkon zu internationalisieren. Und «Bone Level» hat das Potenzial, einen doppelt so grossen Markt zu erreichen, wie ihn Straumann mit den bisherigen Produkten hatte.

Welche Märkte haben Sie mit Etkon im Visier?

Achermann: Ziel ist, sämtliche europäischen Länder mit der Technologie von Etkon zu bedienen. Aber auch der Ausbau im US-Markt wird 2008 wichtig sein. Asien wird 2009 folgen.

Mit welchen Kosten ist dies verbunden?

Achermann: Das sind Investitionen im zweistelligen Millionenbereich, um das Geschäft so vorwärts zu bringen, wie wir es uns vorgestellt haben.

Wo steht Straumann in fünf Jahren?

Achermann: Wir werden unsere Position in diesen drei Bereichen weiter verstärkt haben. Der Fokus wird aber bei der Zahnmedizin bleiben. Dies ist eines der attraktivsten Segmente der Medizinaltechnik. Wir sehen deshalb keinen Grund, in andere Bereiche zu diversifizieren.

Das wird nur funktionieren, wenn auch der Gesamtmarkt entsprechend wächst.

Achermann: Wir werden auch in Zukunft ein jährliches Marktwachstum von ungefähr 15% sehen. Der Grund dafür sind die immer noch geringen Durchdringungsraten. Hinzu kommt, dass neue Materialien oder Fertigungstechnologien wie Keramik oder die sogenannte CAD/CAM-Technologie eine grosse und finanziell entsprechend attraktive Zukunft haben. Wir kennen keine Wachstumsängste.

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Werden Sie rascher als der Markt wachsen?

Achermann: Ja. Wir kommen aus einer Übergangsphase, in der wir auf verschiedenen Ebenen enorm viel investiert haben. Wir haben nun den Anspruch, ab 2008 wieder Marktanteile zu gewinnen und über dem Markt zu wachsen.

2006 machte Straumann 25% des Umsatzes in Nordamerika. Durch die Subprime-Krise in den USA dürfte sich das Wachstum abschwächen. Um wie viel?

Achermann: Bisher hat dies auf unser Geschäft in den USA noch keine direkte Auswirkung gehabt. Es ist aber zu vermuten, dass es eine Korrelation zwischen unserer Geschäftsentwicklung und der allgemeinen Wirtschaftslage gibt. Implantatgetragener Zahnersatz wird ja grösstenteils von den Patienten selbst bezahlt.

Wenn ein US-Kunde seine Hypothek nicht mehr bezahlen kann, wird er auch kein Geld mehr für Implantate haben. Das sind keine guten Aussichten.

Achermann: Wie gesagt, es gab bisher keine signifikante Abflachung. Die Erklärung liegt wohl in der immer noch tiefen Penetrationsrate. Es würde eine Abflachung geben, wenn die gesamte US-Wirtschaft in eine Rezession gleiten würde. Ein Nullwachstum oder gar einen Rückgang der Umsätze sehe ich aber auch dann nicht.

Seit Januar 2007 gilt ein US-Importstopp für die Zahnersatzprodukte Ihrer schwedischen Tochtergesellschaft Biora. Hat die US-Gesundheitsbehörde FDA die Produktionswerke in Malmö bereits inspiziert?

Achermann: Wir haben das Datum von der FDA noch nicht erhalten. Wir sind aber vorbereitet und erwarten, dass die Inspektion im 1. Quartal 2008 stattfinden wird. Wir gehen davon aus, dass wir den Test bestehen werden. Dann könnten die Produkte Ende des 1. Quartals oder Anfang des 2. Quartals auch wieder in den USA erhältlich sein. Der ganze Biora-Fall ist im Reinheft für 2007 in der Tat ein Tolken…

… der Sie wie viel kosten wird?

Achermann: Der fehlende Umsatz aus den US-Verkäufen beläuft sich auf mehr als 10 Mio Fr. Das ist eine teure Lehre.

Trotzdem wollen Sie 2008 das Wachstum fortsetzen. Wie viel zusätzliches Personal benötigen Sie dafür?

Achermann: Wir planen, weltweit mehrere hundert Leute zu rekrutieren.

Und wie sieht es mit Wachstum via Übernahmen aus?

Achermann: Logischerweise muss man die Augen permanent offen haben. Nichtsdestotrotz haben wir derzeit keine konkreten Akquisitionsabsichten. Jetzt geht es darum, die im Jahr 2007 erzielten Meilensteine sauber abzuarbeiten. 2008 ist eher eine Konsolidierungsphase angesagt.

Wäre das US-Unternehmen Biomet/3i nicht ein attraktives Übernahmeziel?

Achermann: Wie gesagt: Opportunitäten schauen wir uns an. Um den Verkauf von 3i ist es aber ruhig geworden. Hinzu kommt, dass mit «Bone Level» sowie den guten Fortschritten unserer US-Organisation der Sinn einer solchen Akquisition heute eher fragwürdig ist.

Sie haben kürzlich in Ungarn und Tschechien Distributionspartner übernommen. Wie sehen die weiteren Pläne in Osteuropa aus?

Achermann: Osteuropa ist eine Region mit Wachstumspotenzial. Wir wollen in den Ländern den Direktvertrieb übernehmen, wo es sinnvoll ist.

Welche Länder folgen als Nächstes?

Achermann: Dazu möchte ich noch keine Stellung nehmen.

Wie entwickelt sich die Profitabilität?

Achermann: Diese wollen wir kontinuierlich und nachhaltig verbessern.

Das will jedes Unternehmen. Bis im Jahr 2010 werden Sie die Margen wieder auf über 30% erhöhen können? Für 2007 erwarten Sie 27%.

Achermann: 2006, also vor den verschiedenen Akquisitionen, hatten wir eine operative Marge von über 30%. Es ist deshalb realistisch, mittelfristig wieder auf diese Grösse zu kommen. Das Jahr 2007 wird von den Margenentwicklung her wohl der Tiefpunkt gewesen sein.

Nur 49% der Straumann-Titel sind frei handelbar. Für Anleger wäre ein höherer Free Float attraktiv. Planen Sie, den Free Float zu erhöhen?

Achermann: Nein. Diese stabile Basis erlaubt uns, langfristig zu denken und nicht nur quartalsweise. Ich persönlich schätze dies ausserordentlich.

Der Preis von aktuell über 290 Fr. pro Aktie ist vor allem für Einsteiger hoch. Wie sieht es mit einem Aktiensplitting aus?

Achermann: Das ist sicherlich ein prüfenswerter Gedanke. Wie auch eine allfällige Kapitalrückführung an die Aktionäre. Wir werden dies im Hinblick auf die Generalversammlung 2008 diskutieren.

Das heisst, Sie schütten dieses Jahr mehr aus? Ende des 1. Semesters 2007 hatten Sie immerhin über 200 Mio Fr. an flüssigen Mitteln.

Achermann: Unsere Intention ist es sicher nicht, Bank zu spielen. Wenn wir zu viele Mittel in den Büchern haben, die nicht mehr sinnvoll eingesetzt werden können, werden wir Mittel und Wege finden, diese an die Aktionäre zurückzuführen.

Ein Aktienrückkaufprogramm steht auch weiterhin nicht an?

Achermann: Dies besprechen wir jeweils Anfang Jahr. Für 2008 ist noch nichts entschieden.

Die Analysten der US-Investmentbank Merrill Lynch meinen, ein Management-Buy-out würde Ihrem Konzern gut tun.

Achermann: Das war eine Schnapsidee. Wegen der stabilen, langfristig aufgestellten Aktionärsstruktur muss sich Straumann nicht ins Private zurückziehen. Zudem hat sich in den vergangenen Monaten die Private-Equity-Welt fundamental geändert. Gleichzeitig macht es keinen Sinn, sich über ein Going-Private den Zugang zum Kapitalmarkt zu verbauen.

 

Was Gilbert Achermann über Konkurrentin Nobel Biocare und deren neuen CEO denkt: