Die Kosten im Spitalbereich sind unter Kontrolle», kontert Ole Wiesinger, CEO der Hirslandengruppe, die von Santésuisse kürzlich publizierte Studie. Darin werden unter anderem die stark gestiegen Spitalkosten für die kommende Prämienexplosion verantwortlich gemacht.

«Ein Prämienanstieg in dieser Grössenordnung, wie er nun erfolgt, lässt sich nicht einzig und allein durch einen möglichen Kostenanstieg im Spitalbereich erklären», sagt Wiesinger im Gespräch mit der «Handelszeitung». In das gleiche Horn stösst auch Rita Ziegler, Vorsitzende des Universitätsspitals Zürich. «Die Zunahme der Spitalkosten ist auf eine gestiegene Nachfrage zurückzuführen.» Davon zeigt sich Santésuisse-Direktor Stefan Kaufmann wenig beeindruckt: «Kosten sind das Produkt von Mengen und Preisen. Wie stark die Mengenausweitung durch das Angebot beziehungsweise durch die Nachfrage getrieben wird, ist umstritten.»

Sorgenkind: Ambulanter Sektor

Gestritten wird besonders über die starke Zunahme der ambulanten Spitalbehandlungen. Santésuisse hält in ihrer Studie fest, dass im ambulanten Sektor die Kosten um 12,7% gestiegen seien. Dies hat gemäss Ausführungen von Rita Ziegler zwei Gründe: Die angestrebte Verlagerung von der stationären Hospitalisationsdauer sowie der Fakt, dass immer weniger Personen über einen Hausarzt verfügen (siehe «Nachgefragt»). «Die Situation wird noch zusätzlich durch die fehlende Motivation junger Ärzte, die Hausarztlaufbahn einzuschlagen, verschärft», sagt Ziegler.

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Um die Attraktivität des Hausarztberufes wieder zu steigern, wurde 2008 am Universitätsspital Zürich das Institut für Hausarztmedizin etabliert und an der Universität Zürich ein entsprechender Lehrstuhl eingerichtet.

Dennoch - auch wenn es künftig wieder mehr Hausärzte geben sollte, bleibt eine wichtige Problematik in der ambulanten Behandlungsdiskussion bestehen: Das veränderte Konsumverhalten. «Die Zunahme ist sowohl auf die Gewohnheiten von Zuwanderern als auch auf das veränderte Konsumverhalten der Gesamtbevölkerung zurückzuführen», sagt Santésuisse-Direktor Stefan Kaufmann.

Bei den Zugewanderten liegt das Problem vor allem darin, dass diese ungenügend über das Schweizer Gesundheitssystem aufgeklärt werden würden, sagt Otto Bitterli, CEO Sanitas. «Statt eines Hausarztes suchen diese jeweils gleich die Notaufnahme auf», sagt Bitterli. Zudem lassen sich für die Gesamtbevölkerung vermehrt Behandlungen mit sehr teurer Infrastruktur, welche nur in Spitäler vorhanden ist, ambulant durchführen. «Damit wachsen die ambulanten Leistungen im Spital überproportional», sagt Ziegler.

Kosten werden weiter steigen

Umso klarer wird es, dass sich das neue Konsumverhalten nicht so rasch ändern lässt, was die Kosten auch in Zukunft weiter in die Höhe treibt. «Bei der Verlagerung von Arztpraxen in die Spitalambulatorien liegt die Problematik vor allem darin, dass dort die gleiche Leistung teurer ist und mehr untersucht beziehungsweise behandelt wird als in der Hausarztpraxis», sagt Kaufmann. Zudem seien die höheren Taxpunktwerte in den Ambulatorien der öffentlichen Spitäler besonders wettbewerbsverzerrend, weil diese ihre Infrastruktur durch den Kanton finanzieren lassen würden.

 

 

nachgefragt


«Mehr ambulante Behandlungen»

Rita Ziegler, Vorsitzende Direktion Universitätsspital, Zürich.

Was sind die Gründe für den hohen Anstieg der ambulanten Spitalkosten?

Rita Ziegler: Zum einen erfolgt eine Verlagerung vom teuren stationären in den ambulanten Bereich. Dies ist volkswirtschaftlich sinnvoll und politisch gewollt. Ein anderer wesentlicher Grund ist, dass ein grosser Anteil der Bevölkerung nicht mehr über einen Hausarzt verfügt und bei medizinischen Problemen direkt in die ambulanten Notfallaufnahmen der Spitäler gelangt.

Werden in Zukunft noch mehr Personen die Notaufnahme der Spitäler aufsuchen?

Ziegler: Da in den kommenden Jahren von einer weiteren Zunahme der Bevölkerung auszugehen ist, muss auch mit einer zusätzlichen Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen, vor allem von ambulanten Behandlungen, gerechnet werden.

Wo sehen Sie Sparpotenzial?

Ziegler: Ein gewisses Sparpotenzial ist beispielsweise im Bereich der Anzahl Spitäler, der stärkeren Konzentration der spezialisierten medizinischen Leistungserbringung und der überrissenen Preise für medizinische Implantate vorhanden. Man weiss aber auch, dass im Gesundheitswesen 20% der Fälle 80% der Kosten verursachen. Wollte man also wirklich sparen, müsste man hier ansetzen. Dies würde allerdings eine sektorübergreifende Betrachtung entlang der Behandlungspfade bedeuten.