Auf den Klimagipfel von Kopenhagen hin wollte eine Gruppe prominenter Politiker, Wirtschaftsführer und Wissenschafter Engagement zeigen. In einem breiten Dialog unter Führung des Aargauer Regierungsrates Peter C. Beyeler sollten Lösungen für die drohende Stromverknappung in der Schweiz aufgezeigt werden, ohne dass darob die Ziele des Klima- und Umweltschutzes vergessen gehen. Doch nun blättert der Lack ab: Ausgerechnet die Energiebranche kritisiert die unter dem Titel «Energie-Strategie 2050» erschienene Studie heftig.

Shell und ABB mit an Bord

Bei der Studiengruppe «Energie-Trialog» mit dabei sind und waren prominente Köpfe: Shell-CEO Peter Voser, WWF-CEO Hans-Peter Fricker, ABB-Managerin Jasmin Staiblin - sie ist Vizepräsidentin - und Axpo-CEO Heinz Karrer. Doch Prominenz hin oder her: Die Schweizer Energiebranche lässt am Vorgehen der Gruppe und an den Resultaten der Studie kaum ein gutes Haar. «Man hat sich hier wohl verrannt», sagt Jürg E. Bartlome, Geschäftsführer des Energieforums Schweiz. Dessen Vorstand setzt sich zusammen aus den Präsidenten der Strom-, Erdöl- und Erdgasbranche: Ronald Ganz von der Erdöl-Vereinigung, Hajo Leutenegger vom Verband Gasindustrie und Kurt Rohrbach vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. In einem Artikel im gemeinsamen Publikationsorgan anerkennen die Verbände den Einsatzwillen der Trialog-Mitglieder rund um Regierungsrat Beyeler zwar - doch dann wird die entstandene Studie in der Luft zerfetzt. Insbesondere deren Entstehung ist der Energiebranche ein Dorn im Auge. Anfangs waren rund 200 Teilnehmer in den Dialog involviert. Doch als die letzjährige Klima-Konferenz in Kopenhagen näherrückte, wurde der Kreis auf eine sogenannte Kerngruppe reduziert. «Plötzlich war Vielfalt nicht mehr gefragt», sagt Bartlome. Die Energie- und auch weitere Verbände blieben im weiteren Prozess bis zur Veröffentlichung der Studie Ende 2009 aussen vor.

Josef A. Dürr, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), wehrt sich gegen den Vorwurf, die Verbände seien einfach eifersüchtig, weil sie im Prozess nicht mehr dabei waren. «Verbände haben die Kernaufgabe, in ihrer Branche Meinungsbildung zu betreiben.» Die Meinungen von Einzelfirmen, wie sie in der Energie-Strategie 2050 zum Ausdruck komme, sei für die Strombranche nicht repräsentativ.

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Sauer stösst der Energiebranche zudem auf, dass in der Studie auch konkrete Ziele genannt werden, die die Bemühungen der Schweizer Wirtschaft erschweren. So hat sich die Wirtschaft laut Dürr in langwierigen Verhandlungen auf ein CO2-Reduktionsziel von 20% bis ins Jahr 2020 einigen können. Dieses Ziel liege auf einer Linie mit der Vorgabe des Bundesrates. «Wenn nun einzelne Vertreter aus der Wirtschaft in der Trialog-Studie ein Reduktionsziel von 25% propagieren, stellt das die geschlossene Haltung der Wirtschaft unnötig in Frage», kritisiert Dürr.

Er betont zwar, die Energiebranche bleibe dialogbereit. «Der Dialog muss künftig aber breiter abgestützt werden - auch geografisch.» Damit spricht Dürr einen Umstand an, der hinter den Kulissen für einige Diskussionen sorgte: In der Studien-Gruppe ist der Aargau stark vertreten, nicht nur mit Regierungsrat Beyeler, sondern auch mit den Firmen ABB, Axpo und Alstom. Abwesend dagegen sind etwa die Romandie und andere grosse Stromfirmen, so etwa Alpiq, die klare Nummer eins in der Schweiz. Zu vernehmen ist, dass die Alpiq - sie ist die grosse Konkurrentin der Axpo im Ren-nen um den Bau neuer Atomkraftwerke - daran wenig Freude hat.

Keine Partikularinteressen

Der Aargauer Regierungsrat Peter C. Beyeler nimmt die Kritik aus der Energiebranche am Trialog gelassen. Das Positive am Vorgehen sei gerade, dass die bekannten Energiestrategien nicht durch Partikularinteressen einseitig gewichtet wurden. «Die unterschiedliche Haltung kann ich daher gut akzeptieren», so Beyeler. «Dass die Energiebranche branchenspezifischere Strategien verfolgen muss, ist nicht erstaunlich.»

Beyeler wehrt sich auch gegen den Vorwurf der Energiebranche, dass in der Studie nicht aufgezeigt werde, wie das Problem der drohenden Stromlücke gelöst werden könne. «Der Trialog wollte eben gerade nicht eine neue Strategie entwerfen, sondern die fast unzähligen Strategien bewerten und objektivieren», so Beyeler. Und er weist darauf hin, dass es der Trialog geschafft habe, einen Konsens über die Grösse der drohenden Stromlücke zu finden.

Laut Beyeler soll der Trialog darum auch weitergeführt werden. Derzeit werden die Ergebnisse der Studie kommunziert, so etwa Politikern. «Die Ergebnisse lösen mehrheitlich positive Reaktionen aus», freut sich Beyeler.