Der amerikanische Internet-Versandhändler Amazon will in der Schweiz ins Online-Geschäft mit Lebensmitteln einsteigen. Demnach plant Amazon laut Brancheninsidern sein Online-Food-Angebot «Pantry» hierzulande anzubieten. Amazon Pantry preist sich schon seit 2015 in Deutschland und Österreich als «Vorratskammer in der Box» an und will den Wocheneinkauf beim Grossverteiler obsolet machen.

Weil sich das Pantry-Sortiment auf lang haltbare Lebensmittel wie Konserven, Getränke oder Nudeln beschränkt, spielen Themen wie Kühlkette und Geschwindigkeit der Zustellung eine untergeordnete Rolle. In der Regel benutzt Amazon das Vorratsbox-Konzept als ersten Dienst, um neue Märkte bezüglich Lebensmitteln aufzurollen.

Ex-Aldi-Suisse-Mann am Hebel

Für den Pantry-Dienst heuerte Amazon kürzlich einen ehemaligen Aldi-Suisse-Topmanager an: Patrick Lobsiger leitet seit Ende 2016 bei Amazon in München die Pantry-Sparte für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zuvor trieb der Retailmanager die Expansion von Aldi Schweiz voran und hatte eine leitende Stellung im Verkauf. 

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Branchenkenner erwarten hierzulande den baldigen Amazon-Markteintritt von Pantry: «Amazon wird in einigen Monaten in der Schweiz mit einem eigenen Angebot starten», sagt ein Insider. Er rechnet damit, dass dieses Angebot die hiesige E-Commerce-Landschaft massiv umwälzen werde. Amazon selbst wollte zu dem Thema keine Stellung nehmen.

Stress-Szenario wie 2005 beim Aldi-Markteintritt

Wenn Amazon in den Schweizer Lebensmittelhandel einsteigt, wird das ein Stress-Szenario erzeugen, wie es die hiesigen Platzhirsche Migros und Coop letztmals beim Aldi-Markteintritt 2005 erlebt hatten. Und es stellt sich die Frage, ob die beiden orangen Riesen, die mit den Online-Diensten LeShop (Migros) und Coop@home heute den Online-Food-Markt dominieren, bereit wären, Amazon zu beliefern.

Beide, Coop und Migros, wollten sich gegenüber der «Handelszeitung» nicht zu der Frage äussern, ob sie bei einem möglichen Pantry-Start in der Schweiz bereit wären, ihre Produkte dem US-Aggressor zur Verfügung zu stellen.

Schweizer Hersteller schon drin in der Box

Amazon Pantry bietet seit 2015 in Deutschland und Österreich übers Internet ein grosses Sortiment an lang haltbaren Lebensmitteln an, die per Vorratsbox und pauschalen Versandkosten angeliefert werden. Auch Schweizer Nahrungsmittelproduzenten wie Lindt, Ricola sowie die Coop-Tochter Halba nutzen den Pantry-Vertriebskanal in verschiedenen Ländern. 

Der US-Online-Gigant Amazon dürfte in der Schweiz heute schon einen Umsatz von rund einer halben Milliarde Franken erzielen. Das zeigt eine Schätzung der E-Commerce-Beratungsfirma Carpathia. Die bisherigen Umsätze beziehen sich aber auf Nonfood-Produkte wie Medien oder Mode.

Luft nach oben bei Online-Lebensmitteln

Die Online-Märkte für Unterhaltungselektronik und Mode sind in der Schweiz heute schon von Playern wie Digitec (Migros) und Zalando gut besetzt. Im Online-Handel mit Lebensmitteln in der Schweiz aber ist noch Luft nach oben. Heute laufen erst zwei Prozent aller Lebensmittel-Umsätze übers Netz. 

Die Credit Suisse legte jüngst in ihrer Studie «Retail Outlook» dar, dass die Online-Food-Umsätze in der Schweiz bis in einigen Jahren eine Höhe von 3.5 Prozent erreichen könnten. Eine Steigerung, die sich nicht nach viel anhört. Aber wer im 50 Milliarden-Markt der Schweizer Lebensmittel nur schon ein Prozent Markanteil ergattern kann, hat bereits eine halbe Milliarde Franken in der Tasche. Oder in der Box. 

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