Mit der Atomkatastrophe in Fukushima ist die Realisierung neuer Atomkraftwerke für die drei Schweizer Stromgiganten Alpiq, Axpo und BKW in weite Ferne gerückt. Die Politik setzt nun weltweit auf saubere alternative Energiequellen, darunter besonders auf die sogenannten «neuen» erneuerbaren Energiequellen Sonne, Wind, Biomasse und Wasser. Doch ausgerechnet hier müssen die hiesigen Stromriesen verlorenes Terrain aufholen. Michael Kaufmann, der soeben abgetretene Vizedirektor des Bundesamtes für Energie, ortet Fehlentwicklungen in der Zeit zwischen 2005 und 2007. Damals wurde im Parlament die kostendeckende Einspeisevergütung diskutiert, eine Abgabe auf dem Strompreis, um die neuen erneuerbaren Energien zu fördern. «Die grossen Elektrizitätsversorger unternahmen alles, um diese Abgabe zu bremsen», sagt Kaufmann im Rückblick. Die Folge: «Axpo, Alpiq und BKW kamen beim Einstieg in die erneuerbaren Energien zu spät und schöpften viel Potenzial nicht aus.»

Deutlich mehr Projekte realisierbar

In den Augen erfahrener Investoren liegt in der Schweiz viel drin. «Es lassen sich deutlich mehr Projekte für erneuerbare Energien realisieren», sagt Matthias Fawer, Nachhaltigkeitsanalyst für erneuerbare Energien bei der Bank Sarasin. Eine neue Studie von Bloomberg New Energy Finance zeigt, dass das Wachstum in diesem Bereich ungebrochen ist. 2010 war ein Rekordjahr für saubere Energien. 243 Milliarden Dollar wurden weltweit investiert – ein Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Sarasin-Mann Fawer ist überzeugt, dass sich das Potenzial für Wind- und Solarenergie durch die Katastrophe in Japan «verdoppelt».

Die Märkte haben den Energiekonzern und AKW-Betreiber BKW in den letzten Monaten abgestraft – nicht zuletzt, weil das Unternehmen zu stark auf die Karte Atomenergie setzte. Die Aktie verlor in einem Monat 18 Prozent – sechsmal so viel wie der Swiss Performance Index. Die Stromriesen lassen die Kritik jedoch nicht auf sich sitzen. Herbert Niklaus, Geschäftsleitungsmitglied von Alpiq, sagt: «Wir haben den Einstieg nicht verpasst.» Alpiq habe bereits 500 Millionen Franken investiert, in den nächsten Jahren komme nochmals eine Milliarde dazu. Axpo-Chef Heinz Karrer argumentiert, der Bau von solchen Anlagen «stosse häufig auf Vorbehalte der Umweltverbände und der Bevölkerung». Trotzdem habe die Axpo seit 2005 insgesamt 500 Millionen Franken in erneuerbare Energien wie Windanlagen investiert, bis 2030 seien weitere insgesamt 3 Milliarden Franken geplant. Laut Fawer sind dies jedoch «Alibi-Argumente» der Energiekonzerne.

Anzeige

Vorderhand wollen Alpiq und Axpo ihre Ziele bei den neuen erneuerbaren Energien nicht anpassen. Deshalb werden andere Firmen vom grünen Boom profitieren, so etwa ABB, Meyer Burger oder Gurit.