Die Geburt des Stromgiganten Atel/EOS/EDF ist eigentlich eine längst beschlossene Sache: Die UBS verkaufte im September 2005 ihre Beteiligung von 55,6% an der Motor Columbus (MC), die ihrerseits 58,5% der Atel-Aktien hielt. Käufer waren die Energie Ouest Suisse (EOS), die Electricité de France (EDF), die Atel selber sowie ein Konsortium aus sechs Atel-Minderheitsaktionären. Die Grossbank ebnete mit dem Deal den Weg für den Aufbau eines mächtigen Energiekonzerns, der nun in einem komplizierten Prozess allmählich seine Gestalt findet.

Ein wichtiger Schritt erfolgt jetzt: Die beiden ordentlichen GVs der Atel und der MC bestellen diese Woche einen identischen Verwaltungsrat. Im Juli sollen dann im Rahmen einer ausserordentlichen GV die beiden Firmen Atel und MC definitiv miteinander verschmolzen werden. Dabei wird mit «Motor Columbus» ein klangvoller Name der schweizerischen Industriegeschichte definitiv von der Bildfläche verschwinden.

Erster Zwischenschritt

Neuer VR-Präsident wird Rainer Schaub, bisher VR-Mitglied der Atel und wichtiger Drahtzieher im ganzen Prozess. Er ersetzt Walter Bürgi, der wie die beiden Banker Heinrich Steinmann und Urs Rinderknecht sowie der FDP-Politiker Ulrich Fischer aus dem Gremium austreten wird. Neu vertreten im zwölfköpfigen Verwaltungsrat sind zudem mit Hans E. Schweickhardt und Dominique Dreyer der CEO und der VR-Präsident der EOS, weiter Philippe Huet, Jean-Philippe Rochon und Marc Boudier von der Electricité de France (EDF), die damit gleich dreifach Einsitz nimmt.

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Nach der Fusion von Atel und MC im Juli wird die EDF-Gruppe 25% und die EOS 18% der Aktien halten. Den bisherigen Atel-Minderheitsaktionären, einem Konsortium aus Elektra Birseck, Elektra Baselland, Kanton Solothurn sowie den Stadtwerken von Aarau, Lugano und Zug, werden dann 40% der Papiere gehören. Die restlichen 17% werden sich auf Publikums-aktionäre sowie die Atel selber verteilen. «Diese Besitzverhältnisse sind allerdings bloss ein Zwischenschritt, denn bereits beschlossen ist auch die Fusion der Atel mit der EOS», erklärt Atel-Sprecher Martin Bahnmüller. In diesem künftigen Gebilde werden das erwähnte Konsortium sowie die EOS je 30% der Aktien, die EDF 25% und das Publikum 15% halten. «Spätestens in 18 Monaten sollte die Zusammenführung abgeschlossen sein», skizziert Schweickardt den Zeitplan.

Der EOS-Chef wird immer wieder als künftiger VR-Präsident des sich formierenden Stromgiganten gehandelt, will sich aber zu solchen Spekulationen nicht äussern: «Wichtiger als diese Frage ist im Moment die Bereinigung von letzten Meinungsunterschieden zwischen den Fusionspartnern.»

Name steht noch nicht fest

Eine Arbeitsgruppe, die von externen Experten assistiert wird, versucht gegenwärtig, die Elefantenhochzeit im Stromsektor energisch voranzutreiben. «Fest steht, dass der neue Stromkonzern weder Atel noch EOS heissen und einen gänzlich neuen Namen erhalten wird», verrät Bahnmüller. Zudem ist der Holdingsitz in Neuenburg vorgesehen. Die Geschäftsleitung für Europa und für das internationale Trading sollen in Olten, die Energieaktivitäten für die Schweiz in Lausanne angesiedelt werden.

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Verschiedene weitere Massnahmen sollen helfen, die unterschiedlichen Firmenkulturen zu verheiraten. «Keiner der Fusionspartner darf am Ende das Gefühl haben, er sei vom andern übernommen worden», betont Schweickardt.

Mitgift mit Zündstoff

Zu einer schwierigen Aufgabe dürfte auch die Bewertung der Mitgift werden, die vor allem aus von den Fusionspartnern einzubringenden Kraftwerken besteht. «Das ist tatsächlich ein entscheidender Punkt», räumt Schweickardt ein, «der aber die Fusion nicht aufhalten können wird.» Bahnmüller verweist auf eine Vereinbarung zwischen den Fusionspartnern, die bereits Bestimmungen enthalte, wie die jeweiligen Vermögenswerte zu bewerten seien.

Auch wenn es bei der Geburt des neuen Stromgiganten noch etliche Details zu regeln gibt, so ist doch bereits jetzt klar, dass hier ­ die Umsätze von 2005 zusammengerechnet ­ ein 10-Mrd-Konzern heranwächst, der mit 120 TWh doppelt so viel Strom absetzt, wie die Schweiz in einem Jahr verbraucht.

Er wird damit umsatzmässig den momentanen Marktleader Axpo überflügeln und hat Appetit auf noch mehr. «Die neue Unternehmung wird offen sein für weitere Verstärkungen», so Bahnmüller. Im Hinblick auf einen geöffneten europäischen Strommarkt befinde sie sich in einer ausgezeichneten Ausgangslage. Schweickardt kann sich auch im Inland noch weitere Schritte vorstellen: «Sachlich sinnvoll wäre zum Beispiel eine engere Zusammenarbeit mit den Berner Kraftwerken BKW.»