Die Nachfrage nach Ökostrom verzeichnet in den letzten Jahren einen klaren Aufwärtstrend. Wie stufen Sie diese Entwicklung ein?

Hans-Peter Fricker: Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Dies, weil wir unseren Konsum von Energie so gestalten müssen, dass unsere Generation nicht alle Ressourcen aufbraucht und den nachfolgenden Generationen nichts mehr übrig bleibt. Und die Produktion dieser Energie soll in der Natur keine Schäden hinterlassen.

Was bedeutet die Forderung der Ressourcenschonung für die Zukunft?

Fricker: Wir müssen auch die Stromversorgung nachhaltig ausgestalten. Das heisst, sie mit erneuerbaren Energien bestreiten, die wieder nachwachsen. Das bedeutet für die Schweiz vor allem die Nutzung der schon bestehenden Wasserkraft, aber auch der Sonne, des Windes und der Biomasse. Wichtig ist dabei, dass der Neubau und die Nutzung von Anlagen nach klaren ökologischen Kriterien erfolgen.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Gründe für die stetig steigende Nachfrage?

Fricker: Das ist zum grössten Teil dem zunehmenden Bewusstsein der Kunden zuzuschreiben. Dabei spielt vor allem die Erkenntnis, mit den Ressourcen schonend umgehen zu müssen, eine wichtige Rolle. Durch den Bezug von Ökostrom, also Strom mit dem Label Naturemade Star, kann der Kunde mittels Aufpreis auf einfache Weise eine ökologische Leistung erbringen.

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Wird sich dieser Trend in den nächsten Jahren angesichts der zunehmenden Budgetbelastung zum Beispiel durch die steigenden Krankenkassenprämien noch weiter fortsetzen?

Fricker: Ja, davon gehen wir beim VUE aus, wurde doch 2009 ein Zuwachs von über 20 Prozent verzeichnet. Denn zum einen sind die Aufpreise im Vergleich zu anderen Gütern beim Ökostrom sehr bescheiden. Zum andern ist der Strompreis in der Schweiz generell sehr günstig, er ist in ganz Europa einer der niedrigsten. Fazit: Die meisten Konsumenten bekommen den Preis ja heute gar nicht zu spüren, deshalb wird Strom auch noch immer ausgiebig konsumiert. Hier bestünde demzufolge ein grosses Sparpotenzial.

Wie ökologisch ist aus der Sicht des VUE denn die Stromproduktion in der Schweiz?

Fricker: Der Atomstrom ist sicher nicht ökologisch und daher abzulehnen. Zu den ökologischen Stromproduktionsarten zählen die Solarenergie, der Wind und die Verstromung der Biomasse. Bei der Wasserkraft besteht noch ein riesiges Potenzial zum Nachrüsten von Anlagen nach den Naturemade-Star-Kriterien.

Welchen Einfluss hat die offizielle Klimapolitik auf den Absatz von Ökostrom?

Fricker: Das weiss niemand genau. Wir könnten sicher darauf einwirken, dass die Schweiz künftig weniger Kohlestrom aus dem Ausland beziehen würde. Zwar betreibt die Schweiz keine eigenen Kohlekraftwerke und auch keine Gaskraftwerke. Aber sie importiert viel Strom aus solchen Quellen. Und viele Schweizer Stromversorger investieren in fossil-thermische Kraftwerke im Ausland.

Wie definieren Sie als Co-Präsident des VUE den Begriff Ökostrom?

Fricker: Ökostrom muss mehrere anspruchsvolle Kriterien erfüllen, er muss aus erneuerbaren Quellen stammen und darf die Umwelt nur in eng begrenztem Ausmass belasten. Eine 2009 erschienene PricewaterhouseCoopers-Studie hat gezeigt, dass dies der Naturemade-Star-Strom am besten erfüllt. Der VUE betrachtet nur diesen Strom als Ökostrom. Strom mit diesem Label garantiert dem Bezüger, dass die Leistungen zugunsten der Natur erbracht sind.

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Besteht für die Kunden aber nicht ein Problem in der Vielfalt von Labels?

Fricker: Ja, die Beurteilung der verschiedenen Labels ist für die Kunden sicher schwierig. Die Vielfalt von Labels und von Stromprodukte-Namen ist entstanden, weil wir in der Schweiz einen freien Stromanbieter-Markt haben und jeder Produzent sein eigenes Produkt vermarkten will. Wir vom VUE würden es daher sehr begrüssen, wenn es nur einen Begriff, nämlich Naturemade, gäbe.

Wäre eine Vereinheitlichung der Labels nicht von Vorteil für die Konsumenten?

Fricker: Ja, eine solche wäre sicher wünschenswert. Wir vom VUE bemühen uns in diese Richtung, doch ist dies bei der Vielzahl von Anbietern in der Schweiz ein sehr anspruchsvolles Unterfangen.

Worauf muss der Stromkunde bei der Wahl von Ökostrom denn besonders achten?

Fricker: Er muss beim Kauf darauf achten, dass sein Strom effektiv zertifiziert ist. Am besten mit Naturemade Star, weil dies die beste Garantie für die gewünschte Stromqualität ist.

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Gibt es aber nicht auch erhebliche Qualitätsunterschiede bei den verschiedenen Ökostrom-Produkten?

Fricker: Ja, das ist so. Das Label Naturemade ist klar strenger als TÜV, das es in der Schweiz auch gibt.

Kann der Stromkunde heute Ökostrom in der Schweiz flächendeckend beziehen?

Fricker: Ja, er kann hierzulande flächendeckend mit Ökostrom beliefert werden. Falls er in einer Gegend wohnt, in der sein direkter Lieferant ihm keinen Ökostrom anbieten kann, so kann er auf der Basis eines Zertifikats Ökostrom von einem anderen Lieferanten beziehen.

Welche Rolle spielt der Verein für umweltgerechte Energie (VUE) bei der Promotion von Ökostrom?

Fricker: Die wichtigste Aufgabe des VUE ist die Zertifizierung von Ökostrom, das heisst das Festlegen der entsprechenden Kriterien mit den Betroffenen, also den Produzenten, Händlern und Konsumenten, sowie die Überprüfung ihrer Anwendung. Die zweite, nicht minder wichtige Funktion besteht darin, den Produzenten und den Konsumenten bewusst zu machen, wie wichtig es ist, Ökostrom zu produzieren und auch nachzufragen. Denn leider wird heute immer noch mehr Ökostrom produziert, als nachgefragt wird. Hier ist also eine noch grössere Sensibilisierung anzustreben.

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Was für eine Bewandtnis hat es mit der Verleihung des «prix naturemade»?

Fricker: Dieser Umweltpreis ist vor zwei Jahren erstmals verliehen worden. Der VUE wollte damit Unternehmen auszeichnen, welche sich im Umgang mit Ökostrom besonders vorbildlich verhalten haben. In diesem Jahr nun richtet sich der Preis an Gemeinden, welche sich vorbildlich um den Einsatz von Ökostrom bemüht haben. Dies, weil die Gemeinden selber grosse Verbraucher und zugleich auch Anbieter von Strom sind. Hier möchten wir einen Wettbewerb lancieren und die besten Gemeinden auszeichnen.

Welche Kriterien stehen bei der Vergabe des Preises im Mittelpunkt?

Fricker: Im Zentrum steht dabei die Frage der vollständigen Deckung des gemeindeeigenen Verbrauchs mit Naturemade-Star-Ökostrom oder mindestens mit Naturemade-Basic-Strom aus erneuerbaren Quellen.

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Wie definiert der Verein den Begriff umweltgerechte Energie?

Fricker: Damit bezeichnen wir all jene Energiearten, welche mittels erneuerbarer Energien produziert werden und in der Natur keine Spuren zulasten der Folgegenerationen hinterlassen.

Geht das Engagement für umweltgerechte Energie über jenens für Ökostrom hinaus?

Fricker: Ja, wir wollen neuerdings auch die Wärme- und die Gasproduktion nach ökologischen Kriterien zertifizieren. Wir möchten alle Energiearten nach ökologischen Kriterien beurteilen und dem Konsumenten damit eine Orientierungshilfe bieten.

Wie ist der VUE organisiert und wer sind dessen Mitglieder?

Fricker: Der Verein hat verschiedene Kategorien von Kollektivmitgliedern. Diese sind nach Energieproduzenten, -lieferanten und -händlern, Umwelt- und Konsumentenorganisationen sowie jener der Grosskunden gegliedert. Geführt wird er von einem zehnköpfigen Vorstand. Jährlich findet zudem eine Generalversammlung statt, wobei jedes der rund 130 Mitglieder über eine Stimme verfügt.

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Worin besteht die primäre Tätigkeit

des Vereins?

Fricker: Die Haupttätigkeit besteht in der Zertifizierung der ökologisch produzierten Energiearten und in der breiten Kommunikation über sie. Koordiniert wird die Tätigkeit verschiedener Arbeitsgruppen und des Vorstands über die offizielle Geschäftsstelle.

Was ist das Ziel der alle zwei Jahre stattfindenden Naturemade-Energie-Arena?

Fricker: Dabei soll auf hohem Niveau ein breiter Informationsaustausch zwischen allen an der Energieproduktion, -verteilung und dem Energieeinsatz beteiligten Partnern stattfinden. Es geht einerseits um ein Update bezüglich der Entwicklung von Naturemade. Anderseits werden aktuelle Anliegen der verschiedenen Partner diskutiert. In diesem Jahr steht zudem die Klimapolitik im Fokus der Energie-Arena.

Was erwarten Sie bezüglich der künftigen Energiepolitik von Bundesrätin Doris Leuthard, der neuen Vorsteherin des Uvec?

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Fricker: Wir vom VUE hoffen, dass sich Bundesrätin Leuthard für eine kraftvolle Energie-, Umwelt- und Verkehrspolitik einsetzt - und zwar so, dass wir auch in der Zukunft den modernen Lebensstil weiterführen, aber auf eine ökologisch nachhaltige Art und Weise. Denn wir können bereits heute mit den verfügbaren Ressourcen weitaus schonender umgehen, ohne dabei an Lebensqualität einzubüssen.